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Die Jungen finden die Alten scharf

Von Mathias Born. Aktualisiert am 21.10.2011

Es ist skurril: Trendsetter tingeln mit Smartphones durch die Welt – und machen damit Fotos, als hätten sie eine gute alte Rolleiflex in der Hand. Was soll das?

1/10 Das Original:
Ein Herbstbaum im Park.
Bild: zvg

   

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Plötzlich infiziert einen der Retrovirus: Wie sähe das Foto wohl aus, wenn es mit einer Polaroid-kamera aufgenommen worden wäre? Wie fängt die Rolleiflex – das Utensil der Journalisten aus der grossen Zeit der Fotoreportagen – das Geschehen ein? Welches Bild bannt eine selbst gebastelte Lochkamera aufs Papier? Und wie sähe das Foto aus, wenn man einen anderen Film gewählt oder ihn anders entwickelt hätte?

Um sich selber ein Bild davon zu machen, braucht man nicht durch Antiquariate zu tingeln und in Spezialläden rares Filmmaterial zu erstehen. Stattdessen klaubt man das Smartphone hervor. In den Shops sind Apps zu finden, die Kameras und Filme imitieren – oder die den Fotos auch nur das Aussehen von Abzügen verpassen, die jahrzehntelang in Alben geklebt haben.

Auf Weblogs, bei Facebook und Co. sowie in Web-Fotoalben wimmelt es nur so von ausgebleichten, farbstichigen und unscharfen Bildern – hergestellt aus ganz brauchbaren, scharfen Fotos mit satten Farben. Auf den ersten Blick macht das wenig Sinn. Lange wurde in Labors schliesslich daran getüftelt, dass Abzüge weniger schnell ausbleichen. Und auch bei den Apparaten hat sich viel getan: Die Spiegelreflexkameras, mit denen wirklich gute Fotos gemacht werden können, erlebten in den letzten Jahren eine Renaissance in der Digitalwelt. Mit immer mehr Messfeldern sorgen sie dafür, dass die Farben realitätsgetreu eingefangen werden und die Sujets scharf sind. Selbst mit Knipsomaten macht man mittlerweile erstaunlich gute Bilder – nicht zuletzt, weil sie endlich auch wirklich dann auslösen, wenn man den Knopf drückt. Selbst die Handykameras liefern dank neuer Linsen, Autofokus, besseren Sensoren und genügend Rechenleistung oft brauchbare Resultate.

Mitreiten auf der Retrowelle

Was machen wir damit? Die scharfen Fotos mit den satten Farben werden künstlich auf alt getrimmt: Wir bleichen sie aus, verwischen Scharfes und murksen an der Gradationskurve herum. Doch warum? Werfen wir die Frage in die Runde der Fototäter auf den sozialen Netzwerken. «Wegen der allgemeinen Retrowelle», vermutet ein Bekannter auf Facebook – und bringt den Trend in einem Wort aus dem Retrowortschatz auf den Punkt: Das Ganze sei «halt schon noch knorke». Die meisten Ästheten unter den Onlinern stimmen ihm wohl zu: Retrofotos gelten derzeit als ziemlich scharf.

Klar, nicht nur in der Fotografie ist Retro en vogue: Mode-designer etwa holen die Farben und Formen der vergangenen Jahrzehnte aus dem Mottenschrank, und Vintage-Shops gibts in Trendquartieren an fast jeder Strassenecke. Musikliebhaber entstauben die Vinylplatten, Wohnfanatiker tapezieren wieder mal die Wände, und Hobbyköche kochen und backen nach Grosis Rezepten. Wer modern sein will, zelebriert die gute alte Zeit oder kokettiert zumindest damit – ohne indes auf moderne Errungenschaften verzichten und allzu viel investieren zu wollen. Nichts illustriert dies besser als die mit Smartphones gefertigten «alten» Fotos.

Kunst auf Knopfdruck

Retro-Foto-Apps machen selbst aus ziemlich zufällig und konzeptlos entstandenen Bildern etwas Spezielles – «Kunstfotos» auf Knopfdruck also. Ja, viele Fotografen setzen ähnliche Effekte ein, wie sie die Apps nachzuahmen versuchen. Sie tun dies aber meist bewusst und helfen seltener einfach mit Software nach.

Die meisten Smartphoneknipser hingegen setzten die Effekte pragmatisch ein, vermutet denn auch ein Studienkollege auf Facebook. Gerade weil die Kameras so gute Bilder lieferten, werde das handwerkliche Unvermögen des Fotografen offenbar. Also verunstalte man das Bild lieber gleich selbst. In die gleiche Kerbe schlägt die Fotografin Pictura auf Twitter: «Mit diesen Tools wird mangelnde Qualität in Bildgestaltung und Auflösung kaschiert», kommentiert sie.

Dass dies möglich ist, bestätigt Stefan Sicher: «Mit der Nachbearbeitung können nicht ganz geglückte Fotos aufgewertet werden», sagt der Designer, der in den nächsten Wochen mit dem Programmierer Marc Ammann eine iPhone-App zur Fotobearbeitung lancieren wird. Er ortet aber auch psychologische Gründe dafür, weshalb alt aussehende Fotos beliebt sind: «Sie versetzen uns in eine nostalgische Stimmung, wie wir sie etwa beim Blättern in alten, mit vielen Erinnerungen gefüllten Fotoalben empfinden.»

Ausgeklügelte Programme

Stefan Sicher verrät, wie die Apps aus neuen «alte» Fotos machen: Die meisten manipulieren vorab die Farben. So einfach das tönt: In Apps, die in Sekunden und mit wenig Rechenleistung aus beliebigen Sujets überraschende Resultate zaubern, steckt viel Arbeit. Er beschreibe jeweils, wie das Foto aussehen soll, so Sicher. «Um gewisse Effekte hinzukriegen, studierte Marc sogar wissenschaftliche Papiere.»

Seit einem Jahr arbeitet das Team in Teilzeit an der App. Lohnt sich das – zumal der Retroboom ähnlich schnell wieder abflauen kann, wie er begonnen hat? Auch wenn man sich dereinst ob der sehr stark eingesetzten Effekte vielleicht die Augen reiben wird: Die Technik, die in den Apps steckt, werde weiter gefragt sein, ist sich Sicher sicher: «Die Nutzer haben die sehr einfachen und zweckmässigen Funktionen zur Bildbearbeitung mittlerweile schätzen gelernt.»

So amüsant die Mode mit den Foto-Apps auch sein mag – soll man mitziehen? Nein, findet die Fotografin Pictura. «Wenn schon alt, dann echt alt.» Wir holen also besser die alte Kamera im Estrich oder stöbern eine Rolleiflex auf? «Unbedingt!» Und sie proklamiert: «Auf Film fotografieren – für die Wiederentdeckung der Langsamkeit.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.10.2011, 11:11 Uhr

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