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Das Schweigen der Männer

Von Pascale Burnier, «Tribune de Genève». Aktualisiert am 07.01.2013

Jeder sechste Mann soll bereits Opfer sexueller Gewalt geworden sein. Dabei fällt es den Betroffenen oft schwer, darüber zu sprechen. In Lausanne hat sich eine Organisation des Problems angenommen.

Man muss das Schweigen brechen, sonst dreht man durch.

Man muss das Schweigen brechen, sonst dreht man durch.
Bild: Odile Meylan, «Tribune de Genève»

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«Ich war 33, als ich zum ersten Mal darüber sprechen konnte. Ich wusste nicht, was mir fehlte. Ich wurde verrückt. Ich hatte alles verdrängt, gelöscht und vergessen. Ich wurde sechs Jahre lang von meinem Bruder missbraucht. Ich war sechs, er vier Jahre älter.» Patrick* hat keine Angst mehr, seine Geschichte zu erzählen. Sie handelt von einem 40-jährigen Pathologen, der als Kind durch die Hölle gehen musste. Heute spricht er für all die anderen – aber auch für sich selbst. «Da ist diese letzte Hemmschwelle, die es zu überwinden gilt: die Angst.» Er richtet seinen Blick auf den Tisch, seine Finger umklammern nervös einen Plastiklöffel. «Wahrscheinlich bin ich einfach sehr widerstandsfähig. Viele haben sich das Leben genommen. Ich denke oft an sie. Oft, sehr oft. Ich lebe für meine beiden Kinder.» Es schnürt ihm die Kehle zu, Tränen schiessen ihm in die Augen.

Wenig erforschtes Thema

Man schätzt die Zahl der Menschen, die mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, auf 15 Prozent bei den Männern und 25 Prozent bei den Frauen – dies zeigen Studien aus den USA, der EU und der Schweiz. Während sexuelle Übergriffe – von unerwünschten Berührungen bis hin zur Vergewaltigung – immer öfter thematisiert werden, bleibt das Thema der misshandelten Männer noch immer wenig erforscht. Der in den Kantonen Waadt, Freiburg und Wallis ansässige Verein Faire le Pas («Den Schritt wagen») führt jedes Jahr rund 700 Gruppen- oder Einzelgespräche mit Betroffenen durch. Jedes Jahr nehmen allein in Lausanne Hunderte Personen diese Dienste in Anspruch – dabei bleiben Männer die Ausnahme. «Auf neun Frauen kommt nur ein Mann», erklärt Brigitte Ansermet, administrative Koordinatorin von Faire le Pas: «Für Männer ist dieses Thema ein viel grösseres Tabu, und von der Forschung wird es noch immer kaum wahrgenommen.»

Um das «Schweigen der Männer» besser zu verstehen, hat Faire le Pas die Universität Lausanne mit einer Studie beauftragt. 15 Einzelgespräche mit Betroffenen gaben Aufschluss über die Not der Opfer. Neben den theoretischen Schlussfolgerungen wurden auch praktische Anpassungen vorgenommen, welche die Betreuung der betroffenen Männer verbessern soll. So wird demnächst eine ausschliesslich für Männer gedachte Selbsthilfegruppe entstehen, gleichzeitig sind Schulungen für Betreuer (Psychotherapeuten, Ärzte, Sozialarbeiter) sowie Informationsbroschüren vorgesehen.

«Auf einmal den Zusammenhang verstanden»

Patrick erinnert sich an die Jahre der Geheimhaltung. Schweigen als Abwehrmechanismus. «Es ist unglaublich, wenn ich daran denke. Während meines Studiums nahm ich auch an Kinderpsychiatrie-Kursen teil. Und doch hat es nie klick gemacht.» Von der Schulbank bis zur Universität verkroch er sich hinter seinen Büchern. «Schon als Grundschüler war ich Klassenbester – dabei war dahinter eine gähnende Leere. Mit 18 bin ich ausgezogen, ohne genau zu wissen, warum. Vielleicht ging es ums Überleben. Meine Arbeit wurde zum grössten Lebensinhalt. An der Oberfläche führte ich ein perfektes Leben, ich hatte eine Familie und ein Haus. Aber tief drinnen war ich kalt, zynisch und hart. Bei uns in der Nähe gab es Gleise. Manchmal hielt ich dort an, wusste nicht, was mit mir nicht stimmte. Ich war meiner Familie gegenüber nicht ehrlich», erzählt der 40-Jährige.

Zögernd berichtet Patrick über die Gewalttaten, die er über sich ergehen lassen musste. «Ich habe irgendwann angefangen, für Sex zu bezahlen, wollte eine Zeit lang sogar Gigolo werden. Da habe ich auf einmal den Zusammenhang verstanden.» Im Internet stellt Patrick fest, dass 24 der 26 möglichen Symptome sexueller Misshandlung auf ihn zutreffen. Die Erinnerung kommt zurück: «Ich hatte den roten Faden plötzlich wieder.»

Tat verjährt

Wie in 85 Prozent der Fälle kannte Patrick seinen Peiniger. Wie drei Viertel der Opfer war er zum Zeitpunkt der Tat keine 12 Jahre alt. Wie in 80 Prozent der Fälle wiederholten sich die Übergriffe. «Sobald meine Eltern weg waren, fing es an. Ich war seine Puppe. Wir hatten keine brüderliche Beziehung, haben nie etwas zusammen unternommen. So fing ich an, zu verhandeln, damit er mit mir spielte. Es war eine Art Prostitution. Ich wusste sowieso, dass ich ihm nicht entkommen konnte, also habe ich versucht, etwas Positives daraus zu ziehen», erzählt Patrick.

Doch der Schock sitzt tief. Sein älterer Bruder hält als Erwachsener Abstand. Nach zweitägigem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik liebäugelt Patrick mit dem Tod. Es war schwer, die richtige Hilfe zu finden. «Für einen Mann ist es doch immer ein Anzeichen der Schwäche, wenn er sagen muss: ‹Ich wurde sexuell missbraucht›. Ich dachte, dass es mit der Zeit besser werden würde. Aber es ging nicht. Ich machte mir Sorgen um meine Nichte, also habe ich irgendwann mit meinen Eltern darüber gesprochen. Man rechnet mit Trost, erhält aber keinen. Für sie war es schlicht unvorstellbar.» Patrick erstattet Anzeige – doch die Tat war verjährt. Ein Schlag ins Gesicht.

«Man muss das Schweigen brechen»

Seit Januar 2013 ist die Schweizer Gesetzgebung anders: Sexueller Missbrauch von Kindern unter 12 Jahren ist nun nicht mehr verjährbar. «Dieses Gesetz ist ein grosser Fortschritt», erklärt Brigitte Ansermet von Faire le Pas. «Nur 16 Prozent der Betroffenen, die wir beraten, erstatten Anzeige. Meist warten sie lange, bevor sie darüber sprechen, und dann ist es bereits zu spät. Vor Gericht zu gehen ohne Beweise, ohne Zeugen und nur mit alten Erinnerungen, ist sehr schwierig.»

Patrick hat sich lange gefragt, ob er nicht homosexuell sei und ob er die Gewalt womöglich auf seine Kinder übertragen könnte. «Man muss das Schweigen brechen, sonst dreht man durch. Es ist nicht einfach. Für mich hiess das, ein neues Leben zu beginnen», erklärt Patrick. Er hat sich wieder an der Uni eingeschrieben und spezialisiert sich in einem neuen Fachbereich. Im März wird Patrick Psychiater.

* Name geändert

(Übersetzung und Bearbeitung: cor) (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.01.2013, 15:52 Uhr

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