«Das Pädophile ist uns nicht fremd»
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 19.03.2010 80 Kommentare
Der Psychoanalytiker Peter Passett arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Zürich. In zahlreichen Buchbeiträgen und Essays setzte er sich intensiv mit der Lehre von Sigmund Freud auseinander.
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Peter Passett
Der Psychoanalytiker arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Zürich. In zahlreichen Buchbeiträgen und Essays setzte er sich intensiv mit der Lehre von Sigmund Freud auseinander.
Erstaunen Sie die zurzeit gehäuft auftretenden Meldungen über Fälle von sexuellem Missbrauch?
Nein, überhaupt nicht. Es handelt sich um eine Kettenreaktion, die viel mit den Medien zu tun hat. Das Thema ist sehr aufgeladen: Spricht man es irgendwo an, bekommt man sofort eine weitere Missbrauchsgeschichte zu hören. Wenn etwas so prämiert wird mit öffentlichem Interesse, dann entsteht schnell eine Welle der Betroffenheit.
Womit hat dies zu tun?
In Bezug auf die Sexualität leben wir in einer extrem reaktionären Epoche. Ich stelle einen massiven Rückschlag fest. Die sexuelle Revolution der 68er war von heute aus gesehen ein totaler Fehlschlag: Genauso wenig wie ihre Vorgänger haben diese Leute verstanden, was es mit der Sexualität auf sich hat. Sie meinten, man könne aus der Sexualität einen gesunden Sport fürs Volk machen, irgendetwas Harmloses jedenfalls. Dabei haben sie völlig übersehen, dass die Sexualität in unserer Kultur immer und überall mit Übertretung gekoppelt ist. Dass man dies nicht ungestraft verleugnen kann, macht sich nun bemerkbar: Sexualität ist heute im öffentlichen Diskurs praktisch identisch mit Missbrauch.
Gibt es keine Trennlinie zwischen dem realen und eingebildeten Missbrauch?
Was heisst sich einbilden? Wir hatten in der Schule einen Priester, den wir den «Tööpli-Franz» nannten. Der hat die Schüler, bevor sie in die Kirche gingen, ein wenig auf den Hintern getätschelt. Ich habe mich dadurch nie missbraucht gefühlt. Es gibt jetzt aber Kollegen von damals, die sagen, dass ihnen dieser «Tööpli-Franz» die Sexualität verdorben hat. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen, habe aber meine Zweifel.
Wieso?
Solche inadäquaten Annäherungen und Übertretungen finden in den normalen zwischenmenschlichen Beziehungen ständig statt und sind nicht notwendig – wie das heute eine verkürzte psychoanalytische Theorie will – traumatisierend. Und sie sind viel häufiger, als es die herrschende politische Korrektheit wahrhaben will. Die Spannbreite zwischen dem, was einige Individuen als normale Nähe – auch körperliche Nähe – empfinden und was andere als Überschreitung erleben, ist viel grösser, als es scheint. Ein guter Pädagoge spürt diese variablen Grenzen und geht mit den Schülerinnen und Schülern unterschiedlich um.
Stellt denn jede Anmache und jedes Ansprechen einer fremden Person eine Art Übergriff dar?
Das ist immer eine Überschreitung, und diese wird heute sofort mit dem Wort Missbrauch belegt. Dabei ist unser Zusammenleben von Diskrepanzen geprägt: Ich will etwas, was der andere nicht will, und ich will ihn eventuell vom Gegenteil überzeugen. Der einzige Ort, wo es dies nicht gibt, ist der Puff: Dort ist klar, was der, der zur Türe hereinkommt, will – und was die, die schon da ist, anbietet. In allen anderen Fällen kann jede Annäherung je nach Situation und Empfindsamkeit als Missbrauch ausgelegt werden.
Man spricht von «pädagogischem Eros». Schwierig wird es doch, wenn aus erotischen, libidinösen Energien sexuelle werden.
Diese Unterscheidung zwischen Libido, Erotik und Sexualität kann man so nicht machen, weil die menschliche Sexualität, die ihren Sitz im Kopf, in den Fantasien hat, unser ganzes psychisches Leben unerkannt durchdringt. Wenn die Mutter ihr Kleinkind pflegt, stillt oder ihm den Po einreibt, dann klingen erotische und sexuelle Empfindungen und Assoziationen an, auch wenn ihr diese im Normalfall als solche nicht bewusst sind – bei Tieren gibt es so etwas nicht. Wenn das Baby an der Brust saugt, dann ist der Mann, der das Kind gemacht hat, und der diese Brust liebkost hat, unbewusst präsent. Und im Sohn sieht die Mutter schon den künftigen Mann.
Ist wirklich alles sexuell?
Es gibt stets einen sexuellen Unterton, den das Kind nicht versteht (und der dem Erwachsenen nicht bewusst ist), den es aber im wörtlichen Sinne mit der Muttermilch aufnimmt. Und der erst in der Pubertät, wenn der sexuelle Apparat ausgebildet ist, hörbar wird: Es gibt dann schon zahlreiche Fantasien, die die Kinder mit dem Neuen, dem offensichtlich Sexuellen, das sie erleben, in Verbindung bringen. Kurz: Die reine Sexualität gibt es genauso wenig wie die reine Freundschaft oder Libido. Der edelste pädagogische Eros hat eine eindeutig sexuelle Komponente, auch wenn diese nicht ins Auge springt.
Das würde heissen, dass Pädophilie in uns allen angelegt ist.
Bei der Pädophilie geht es im Kern um die Nicht-Einhaltung der Generationenschranke. Weil aber das Verhältnis des Kindes zu den Erwachsenen sexuell aufgeladen ist, ist diese Grenze ständig in Gefahr, überschritten zu werden. Diese Übertretung wird als Pädophilie bezeichnet. Wie alle sonstigen sogenannten Perversionen ist Pädophilie eine Neigung, gegen die der Betroffene nichts machen kann. Sie lässt sich nicht wegtherapieren.
Und wegsperren?
Nein, man muss einen Umgang damit finden, der gesellschaftlich noch akzeptabel ist. Ich finde es zum Beispiel sehr problematisch, dass man die pädophile Pornografie grundsätzlich verbietet. Wenn man Material zur Verfügung stellen kann, das nicht unter Missbrauch von Kindern zustande gekommen ist, dann ist dies durchaus eine Möglichkeit, wie Pädophile mit ihrer Sexualität umgehen können. (Man kann etwa mittels Computeranimation aus völlig harmlosen Kinderfotos pornografische Bilder herstellen, und häufig können auch schon die Fotos eines Kindermodekatalogs diese Funktion erfüllen.) Man darf nicht vergessen, dass auch viele heterosexuelle Menschen, die in ihren realen Beziehungen unbefriedigt sind, zu künstlichen Mitteln der Befriedigung greifen.
Aber es geht doch beim sexuellen Missbrauch um einen Missbrauch von Macht.
Das ist an sich richtig. Das Machtgefälle ist sicherlich da, aber es darf auch hier keine Denkverbote geben: Auch die scheinbar Ohnmächtigen können in gewissen Fällen die scheinbar Mächtigen für ihre Interessen missbrauchen. Das ist zwar weit weniger häufig, aber es kommt vor. Erzieher, die ihre Zöglinge missbrauchen, wissen genau wie Therapeuten, die ihre Patienten missbrauchen, dass man das nicht darf. Tragischerweise glauben sie aber immer, in diesem einen Falle, der mit keinem anderen vergleichbar sei, gelte dies nicht, hier handle es sich um die echte grosse Liebe oder ähnliches, und die ihnen bekannte Regel gelte gerade hier nicht.
Aber ein Kind sucht doch in seiner Zuneigung zu den Erwachsenen keinen sexuellen Akt. Das muss ein Lehrer, ein Erzieher doch wissen.
Ein Erwachsener müsste das wissen, er hat die Verantwortung. Doch beim Missbrauch erkennt der Pädagoge seine Bedürfnisse nicht mehr als seine eigenen. Pädagogen versagen nicht mehr und nicht weniger als andere Berufsleute, aber ihr Versagen hat oft tragischere Folgen. Daher die gewaltige Empörung, die ich inadäquat finde, auch wenn ich diese Verfehlungen entschieden verurteile.
Sehen Sie in dieser Empörung einen Schutzmechanismus gegen eigene Wünsche des Kollektivs?
Natürlich ist es so. Das Pädophile, das wir heute so massiv ausgrenzen, ist uns nicht fremd. Doch übersensibilisiert wie wir nun sind, begegnen wir Kindern oder Jugendlichen nicht mehr normal. Jede Annäherung an sie steht unter dem Generalverdacht des Missbrauchs. Die Folge davon ist, dass wir uns öfter als nötig möglichst neutral, ja fast kalt verhalten.
Man hat den Eindruck, dass heute der Pädophile die Rolle des bösen Buben spielen muss?
Man kann das so sehen. Die Pädophilen sind wirklich arm dran: Sie haben die unglücklichste von den zahlreichen seltsamen sexuellen Neigungen, die ein Mensch nur haben kann. Allein das Wort «pädophil» ist negativ konnotiert, viel mehr als etwa «Kinderliebe». Ein guter Lehrer versteht es, diese «Kinderliebe», die für seinen Beruf zentral ist, zu sublimieren: in die Begeisterung für die Sache nämlich, die er lehrt und die dann die Schüler mit ihm teilen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.03.2010, 12:33 Uhr
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80 Kommentare
Endlich jemand, der diese Aufregung, aber auch die These der absoluten Traumatisierung hinterfragt. Es wird alles in einen Topf geworfen: schlimmste sexuelle Handlungen werden gleichgestellt mit harmlosen pubertären Handlungen unter Internatsschülern. Klar zu verurteilen ist: Die Menschenwürde verachtende Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, ob sexuell, physisch oder psychisch. Antworten
Die Theorien, die Herr Passett in diesem Interview zum Besten gibt, stehen in völligem Widerspruch zu den letzten 90 Jahren Forschung und lösen bei mir als Psychologe mit Abschluss '08 Entsetzen aus. Nur weil etwas vor Jahrzehnten im Studium mal so gelernt wurde, bedeutet dies nicht automatisch, dass es für immer wahr bleibt. Dies gilt insbesondere für wissenschaftliche Erkenntnisse. Antworten








































































































































