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Brauchen Kinder Härte?

Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 07.02.2011 2 Kommentare

Nur Bestnoten, Klavierüben bis zum Umfallen, keine Besuche bei anderen Kindern – Amy Chuas Buch «Die Mutter des Erfolgs» bewegt. Hansruedi Brünggel, Leiter der Erziehungsberatungsstelle Ittigen, über den Drill à la chinoise.

1/6 Nie zufrieden. Für Amy Chua ist die westliche Erziehung zu lasch. Deshalb erzog sie ihre Töchter extra streng und drillte Tochter Sophia zur Pianistin.
Bild:

   

Hansruedi Brünggel ist Psychologe und Psychotherapeut sowie Vater zweier Söhne. (Bild: Beat Mathys)

Der Westen fragt sich, wieso Chinesen überall so erfolgreich sind. Amy Chua liefert die Erklärung – sie werden von ihren Eltern eisern auf Erfolg gedrillt.
Hansruedi Brünggel: Nach diesem Loblied von Amy Chua auf das chinesische Erziehungsmodell bin ich froh, dass ich in einer Demokratie mit Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit lebe.

Andererseits – sie führt zum Erfolg. Viele westliche Eltern sehen hilflos zu, wie ihre Kinder in der Schule versagen, ihnen auf der Nase herum tanzen Sollte man nicht doch das eine oder andere von Chua übernehmen?
Nein, sie schreibt doch ständig darüber, dass sie mit ihren Töchtern nur im Clinch liegt. Der Titel sollte heissen: «Der Misserfolg von Drill und Dressur in der Erziehung.» In ihrem Buch kann ich nur eine Stelle akzeptieren.

Welche?
An der ihr Mann voller Zorn sagt, dass sie sich bei den Kindern endlich mehr zurückhalten und ihre absurden Pauschalurteile über Leute im Westen und Chinesen bleiben lassen soll.

Aber bei der älteren Tochter, die heute 18 Jahre alt ist, hat die Methode funktioniert. Bestnoten in der Schule, mit 14 Jahren der erste Auftritt als Pianistin in der New Yorker Carnegie Hall Und neulich verteidigte sie ihre Mutter in der Presse.
Chua hat das Glück, zwei sehr begabte Töchter zu haben. Familiendynamisch war für mich während der Lektüre die wichtigste Frage: Warum hatte sie mit ihren Methoden beim ersten Kind Erfolg und beim zweiten nicht? Nun, bei der älteren Tochter hatte sich noch die Kraft, Dressur und Gemeinheiten durchzusetzen. Beim zweiten Kind, das vom Charakter her ganz anders ist als die ältere Sophia, schaffte sie es nicht mehr. Lulu hat von der Mutter Hartnäckigkeit gelernt und setzt sie in der Pubertät schliesslich gegen sie ein. Amy Chua scheint nicht zu wissen, dass jeder Mensch eine gewisse Individualität mitbringt, und setzt kollektive Erziehungsziele vor. Deshalb ist ihr Konzept zum Scheitern verurteilt.

Die Autorin wurde als Kind selbst von ihren Eltern gnadenlos auf Erfolg gedrillt. Eine grauenhafte Kindheit habe sie dennoch nicht gehabt. Im Gegenteil – ihre ungewöhnliche Familie habe ihr Selbstvertrauen und Kraft gegeben, so Chua.
Sie kann nichts anderes sagen, denn sie wurde in der chinesischen Tradition erzogen, Eltern bedingungslos zu achten. Das lässt wenig Raum für Kritik.

Amy Chua wuchs aber nicht inChina auf, einem Land ohne Meinungsfreiheit, sondern in den USA als Kind chinesischer Einwanderer. Sie hätte ja rebellieren können.
Auch in den USA ist der Erfolg sehr wichtig. Zusammen mit dieser chinesischen Methode der Kindererziehung ergab sich in diesem Fall eine unheilige Allianz.

Chuas Mittel, wie die Drohung im Fall nicht perfekter musikalischer Leistung die Stofftiere ihrer Kinder zu verbrennen, sind teilweise unentschuldbar. Andererseits erlebt man viele Leute, die sagen, ach hätte ich früher weiter Klavier gespielt Chinesen aber lassen Potenzial nicht brachliegen.
Wir denken hier aber anders, nämlich, dass Eltern nur verpflichtet sind, ihre Kinder zu fördern. Aber der Nachwuchs muss nicht die elterlichen Vorstellungen und Träume erfüllen. Ein Kind hat das Recht, zu sagen, dass es statt Klavier zu spielen lieber snowboarden geht. Wir wollen in der Schweiz selbstverantwortliche und keine gedemütigten Menschen heranbilden.

Amy Chua schreibt, dass chinesische Eltern für ihre Kinder grosse Träume hätten. Angesichts der Tatsache, dass in Westeuropa jährlich Tausende die Schule abbrechen, liegt die Vermutung nahe, dass deren Eltern gar keine Träume für sie hatten.
Vielleicht haben wir in den letzten 20 Jahren den Aspekt des Sichanstrengens etwas vernachlässigt, aber diese chinesische Methode ist keine Alternative. Problemen können wir nur im Dialog begegnen und nicht mit Drill. Wir müssen die Fehlerkultur in unserem System genau anschauen, aber wir müssen uns keineswegs von den Schwarz-Weiss-Lehren einer Frau Chua ins Boxhorn jagen lassen. Und ihr Buch warf in den USA nur deshalb so hohe Wellen auf, weil sich die USA von China wirtschaftlich bedroht sehen.

Aber was ist daran schlecht, wenn man für das eigene Kind grosse Träume hat?
Sie können nicht jemanden zwingen, Jurist zu werden. Es ist wichtig, dass Eltern ihre Kinder so anerkennen, wie sie sind, und ihnen eine aufgrund ihres Wesens und ihrer Talente angemessene Erziehung und Bildung ermöglichen. Zum Glück haben wir hier ein erfolgreiches duales System, in dem die Jugendlichen ihre Fähigkeiten leben können.

Andererseits studieren in der Schweiz massenhaft Leute Kommunikationswissenschaften, aber zu wenige Medizin, ein Studiengang, in den man sich hineinknien muss. Wäre die Erziehung ein klein wenig mehr nach dem chinesischen Motto «Mach was Anspruchsvolles und arbeite hart so hart wie möglich», gäbe es diesen Mangel vielleicht nicht?
Der Ärztemangel ist ein kompliziertes Phänomen, das von vielen Faktoren beeinflusst wird. Er lässt sich aber sicher nicht dadurch beheben, indem mehr Eltern ihre Kinder darauf drillen, Medizin zu studieren. Einem solchem Arzt, der nur auf Erfolg getrimmt, aber ohne Empathie erzogen wurde, würde ich mich nicht gerne anvertrauen.

Sie finden also nichts gut an Chuas Thesen?
Nein, sie reduziert Erziehung und Lebensglück auf Erfolg. Und um diesen zu erreichen, setzt sie auf Manipulation, Kampf und Erniedrigung. Selbstbestimmung und Freude am Spiel sind für sie Fremdwörter. Entsetzlich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.02.2011, 13:30 Uhr

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2 Kommentare

Kurt Steiner

07.02.2011, 15:18 Uhr
Melden

Ich glaube wir müssen das gesunde Mittelmass zwischen Fremdbetreuung und Drill für unsere Kinder finden. Das Erfolgsrezept heisst: Zeit für die Kinder aufwenden. Helfen bei Problemlösungen, Coachen, aber auch züchtigen (nicht foltern!). Und schon geht es beiden Seiten besser. Wir können nicht einfach nur nebenbei Kinder "halten". Kurt Steiner, mehrfacher Vater und nie fremdbetreut worden(!!) Antworten


Andrea Mordasini

03.03.2011, 09:37 Uhr
Melden

Als 2fache Mutter bin ich geschockt über Amy Chua! Einem Kind, nur weils die Töne nicht trifft, das Essen zu verweigern, ist Misshandlung! Nichts gegen Förderung und etwas Disziplin, doch bitte mit Mass und ohne unnötigen Druck und Zwang fürs Kind. Viel wichtiger als Frühförderwahn ist, die Kinder neben Regeln und Grenzen mit viel Liebe, Wärme, Nähe, Sicherheit und Geborgenheit durchs Leben zu füh Antworten



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