Beziehungsstatus: Kompliziert

Warum beendet man heute eine Beziehung, bevor die Liebe überhaupt beginnen kann? Der Berliner Autor Michael Nast versteht sich als Beobachter und Sprachrohr der Generation beziehungsunfähig.

Lebt das Leben eines Endzwanzigers: Der 41-jährige Autor und Kolumnist Michael Nast.

Lebt das Leben eines Endzwanzigers: Der 41-jährige Autor und Kolumnist Michael Nast. Bild: www.steffen-jaenicke.de

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Herr Nast, wer ist die Generation beziehungsunfähig?
Michael Nast: Als ich vor einem Jahr einen Blogeintrag mit diesem Titel veröffentlicht habe, dachte ich, dass es sich vor allem um mein Umfeld handelt, also um relativ wenig Menschen zwischen 25 und 35, die in Medien­berufen arbeiten. Doch dann wurde der Blog von Millionen von Menschen angeklickt, und ich habe Tausende E-Mails bekommen.

Was haben Ihnen die Leute geschrieben?
Viele meinten, dass sie entweder ihr Umfeld oder sich selbst für beziehungsunfähig halten. Es waren Menschen zwischen 15 und 50 Jahren. Offenbar handelt es sich also um eine allgemeine Befindlichkeit. Allerdings hatte ich in jenem Blog nicht die Absicht, ein Krankheitsbild auf eine ganze Generation zu legen.

Was genau verstehen Sie unter beziehungsunfähig?
Es gibt den schönen Satz: Heutzutage beendet man eine Beziehung, bevor die Liebe überhaupt beginnen kann. Das klingt drastisch, aber offenbar haben viele Leute Angst, sich zu öffnen, weil sie dadurch riskieren, verletzt oder auf ihrem Weg negativ beeinflusst zu werden.

Negativ beeinflusst?
Heute ist unser Leben in erster Linie Ausdruck unseres Egos. Ob ich mich vegan ernähre, eine bestimmte hippe Teesorte trinke, in welcher Bar ich verkehre, all das sind Statements, aus denen viele von uns ihr Leben zusammenstellen. Das betrifft auch Menschen, mit denen sie sich umgeben, und Liebespartner, mit denen sie zusammen sein wollen. Man denkt nicht mehr in einem Wir, wenn man mit jemandem zusammenkommt. Man überlegt primär: Wie passt der oder die zu meinem Leben?

Immerhin scheint Onlinedating die Suche nach dieser Art des «passenden» Partners sehr zu ­erleichtern.
Nicht unbedingt. Online haben Sie die grosse Herausforderung, dass die Auswahl an potenziellen Partnern, die noch besser zu Ihnen passen könnten, nie versiegt. Das Datingportal liefert täglich neue Vorschläge. Sobald die ersten Abweichungen von Ihrem Idealbild des Partners auftauchen, können Sie Ihr Glück beim nächsten Kandidaten suchen. Wozu also sollten Sie sich da noch auf einen Menschen einlassen? Onlinedating fördert vor allem eines: die Unverbindlichkeit.

Aber den meisten ist doch klar, dass diese Unverbindlichkeit auf Dauer nicht befriedigen kann.
Da bin ich mir nicht sicher. Wir sind eine Konsumgesellschaft. Unser Wirtschaftssystem ist auf unendliches Wachstum ausgerichtet. Kleiderstücke werden heute so produziert, dass sie eine Saison lang halten. Und genauso gehen wir heute mit Menschen um. Die Dating-Apps sind wie Onlineshops aufgebaut, und wir werden immer mehr zu Konsumenten, auch im zwischenmenschlichen Bereich. Allerdings ist Konsum kein nachhaltiges Erlebnis. Deshalb brauchen wir immer etwas Neues und Besseres.

Bei Umfragen sind aber Werte wie Sicherheit, Intimität und Treue nach wie vor zuoberst auf der Wunschliste, wenn es um Beziehungen geht.
Und doch ist die gelebte Realität sehr oft eine andere. Ich befasse mich mit dem Thema Beziehungen vor allem als Beobachter, und ich stelle fest, dass viele Leute zwischen zwei Leben hängen, zwischen der Vergangenheit und dem Idealbild der Zukunft mit dem perfekten Partner. Leider richten sich sehr viele in diesem unverbindlichen Zwischenleben viel länger ein, als sie wollten. Das Warten wird zum Normalzustand. Frauen sagen mir an Lesungen oft, dass sie von Männern enttäuscht sind, weil diese überhaupt nicht mehr greifbar sind.

Nicht greifbar?
Sie treffen keine Entscheidungen, sie weichen aus, wenn Frauen wissen wollen, was es denn genau sei, was sie da miteinander hätten. In der Kennenlernphase trauen sich viele inzwischen gar nicht mehr, solche grundlegenden Fragen zu stellen, um die andere Person nicht einzuengen. Deshalb werden nun auch neue Beziehungskonzepte erfunden, damit die Leute das, was sie miteinander haben, etikettieren können.

An welche Beziehungskonzepte denken Sie?
Ein Modewort ist ja der Mingle – eine Kreation aus «mixed» und «single». Beim Mingle-Konzept entscheiden sich zwei Singles, eine Beziehung zu führen, aber eigentlich bleibt ihr Status Single. Sprich: Sie gehen miteinander aus, schlafen miteinander, fahren gemeinsam in die Ferien, aber sie haben keine Verpflichtungen dem anderen gegenüber. Leider wird das komplett missverstanden: Die Leute nennen sich ­Mingle, wenn sie in der Kennenlernphase sind und keiner mehr zu fragen wagt, obs dem anderen nun ernst ist. Beide sind dann beruhigt, und man kann gemütlich weitermachen.

Wo ist also das Problem?
Einer von beiden wird früher oder später verletzt, weil er oder sie sich mehr erhofft. Leiden werden darunter beide. Ich sehe in meinem Umfeld, dass die meisten von diesen beziehungsmässigen Zwischenlösungen eben doch enttäuscht sind. Und ich kenne Leute, die verkrampft stolz von sich sagen: «Ich bin beziehungsunfähig» oder «Ich bin ein ­Mingle». Hinter all diesen hippen Labels verbergen sich meiner Meinung nach aber Menschen, die schon aufgegeben haben, die an ihren Ansprüchen verzweifelt sind.

Sie kennen Leute, die stolz sind, beziehungsunfähig zu sein?
Am Anfang wars eine Ausrede. Wenn der eine vom anderen nichts wollte, hat er einfach gesagt: Du, ich bin wohl bindungsunfähig. Doch inzwischen hat sich das zu einem Phänomen ausgewachsen, um Schwierigkeiten einer Beziehung aus dem Weg zu gehen. Bindungsunfähigkeit ist salonfähig geworden. Es gibt Menschen, die sich auf Instagram voller Stolz mit #Generation­beziehungsunfähig präsentieren. Das finde ich krass.

Welchen Einfluss haben soziale Medien auf unsere Bindungs­fähigkeit?
Soziale Medien befeuern das omnipräsente Streben nach Selbstoptimierung. Auf sozialen Medien inszenieren wir uns selbst und betrachten die idealisierten Ichs anderer. Wir leben immer mehr in Perfektionsbildern. Wir sind Popstars unserer selbst.

Was stört Sie daran?
Ich finde es bedenklich, dass die Jüngeren auf sozialen Medien immer mehr eine Rolle kultivieren, aus der sie ihren gesamten Selbstwert beziehen. Wenn ein Mädchen bearbeitete Fotos von sich auf Instagram hochlädt, dann ist ihr Freundeskreis ja nicht wirklich ein Freundeskreis, sondern ein Publikum. Die Statussymbole der heutigen Zeit sind die Anzahl Follower, Abonnenten und Likes.

Was bedeutet das auf die Liebe übertragen?
Dass auch die Liebe sehr narzisstisch geworden ist. Es geht gar nicht wirklich um den anderen, es geht um uns selber, dass wir von anderen wahrgenommen werden. Gleichzeitig idealisieren wir viel mehr als früher. Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen wochenlang auf Whatsapp chatten, ohne je miteinander telefoniert, geschweige denn sich getroffen zu haben. In so einem Chat entsteht eine Vertrautheit, bei der manche das Gefühl haben, sie seien kurz davor, zusammenzukommen. Und dann begegnet man sich, und es ist, als würden sich zwei völlig Fremde gegenüber­sitzen. Das hat mir kürzlich ein 17-Jähriger erzählt. Er konnte überhaupt nicht verstehen, was da passiert ist.

Weshalb ziehen heute viele den geschriebenen Chat einem Telefongespräch vor?
Man kann erst nachdenken, bevor man etwas schreibt, bevor man etwas Falsches sagt. Man muss sich nicht der Unsicherheit des spontanen Augenblicks ausliefern. Und man kann nebenbei auch noch andere Dinge erledigen. Fernsehen, arbeiten, essen oder die Haare rasieren oder was auch immer. Teilweise wird auf Whatsapp so viel Banales geschrieben, dass es letztlich vor allem um Beschäftigung und um Ablenkung geht. Die Aufmerksamkeit gilt wiederum nicht dem anderen, sondern uns selber. Manche verzweifeln ja, weil sie eine Stunde lang keine Nachricht bekommen, weil niemand an sie denkt. Aber keiner denkt daran, ich rufe doch mal selber an.

Aber je älter man wird, desto besser durchschaut man doch solche Mechanismen und auch sich selbst.
Da bin ich mir gar nicht sicher. Ich kenne Ü-30-Jährige, die die Grenzen zwischen Inszenierung und dem echten Ich nicht wirklich ziehen können, weil sie sie gar nicht sehen. Ich bin gespannt, was aus den heute 17-Jährigen in ein paar Jahren wird, wie sich das auf unser Zusammenleben auswirken wird, was für Menschen es sein werden. Die Zeit, in der wir leben, ist ein prägender Faktor. Und ich glaube nicht, dass man sich im Alter automatisch näherkommt.

Wie steht es um Sie?
Wie meinen Sie das?

Sind Sie erwachsen geworden?
Wenn Erwachsensein heisst, dass man eine Entscheidung trifft, um in einen neuen Lebensabschnitt hineinzugehen, dann muss ich mich selber an der Nase nehmen. Ich bin gerade 41 Jahre alt geworden, und eigentlich lebe ich das Leben eines Endzwanzigers. Ich warte auch auf die Frau, mit der ich eine Familie gründen will. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 27.03.2016, 11:51 Uhr)

Zum Buch

Offenbar trifft der 41-jährige Michael Nast mit seiner Diagnose ins Schwarze: Sein Buch «Generation beziehungsunfähig» steht seit fünf Wochen auf Platz 1 der «Spiegel»-Bestsellerliste. Der Berliner sinniert darin über die Gründe, weshalb heute so viele Menschen in un verbindlichen Zwischenbeziehungen stecken bleiben und warum uns der Selbstoptimierungswahn nicht unbedingt zu besseren Liebespartnern macht. lm

Michael Nast: «Generation beziehungsunfähig». Verlag Edel Books. 240 Seiten.

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