Leben
Anbandeln im Internet: Das Geständnis eines Geschundenen
«Die nackte Bilanz, mit 40 Frauen habe ich gemailt»: Angebot von parship.ch.
«In den letzten vier Jahren war ich mit Unterbrüchen viermal bei Parship angemeldet. Die nackte Bilanz: Mit 40 Frauen habe ich gemailt, 20 habe ich einmal oder mehrmals gesehen, eine kürzere Beziehung hat sich ergeben. Wenn ich das so sage, kommt mir das nicht gerade effizient vor, aber um Effizienz geht es ja nicht – und das ist eine der Fallen von Beziehungsportalen: Sie suggerieren, dass man Liebe strukturiert angehen, dass man wie im Kleidergeschäft die Richtige von der Stange pflücken kann. Doch das Leben ist nicht so.
Beim Anmelden kommt es zum einen aufs Profil an – je mehr Infos man über sich gibt, umso eher wird man angeschrieben. Zum anderen hängt die Zahl der Interessentinnen natürlich von den Suchkriterien ab, die man eingibt. Engt man die nicht zu sehr ein, hat man es schnell mit bis zu 700 Kandidatinnen zu tun. Eine riesige Auswahl.
Mit den Kriterien lässt sich aber auch spielen. In einer früheren Runde habe ich meine Suche schon mal auf «Jura», «kleiner als 1,50 Meter» und «39 Jahre» eingeschränkt. Die Auswahl schrumpft dann sofort auf null. Mir wars recht, denn ich brauchte eine Pause, was das System nicht vorsieht.
Ähnlich ist es mit dem Button, mit dem man sich virtuell anlächeln kann. Frauen mögen den, glaube ich. Umgekehrt ist man fast gezwungen zu antworten, weil ein Button «Habe im Moment leider keine Zeit» fehlt. Und so muss man Kontakt aufnehmen, um zu sagen, dass man im Moment keinen will.
Fotos dämpfen Erwartungen
Die meisten Beziehungen ergeben sich am Arbeitsplatz; da ich selbstständig bin, fallen diese Kontakte für mich weg. Deshalb habe ich auch begonnen, über das Internet zu daten. In der Woche erhalte ich so um die drei Anfragen. Ich komme deshalb kaum dazu, meine Kandidatinnenliste anzugehen. Selber habe ich aber auch schon Frauen angeschrieben. Logischerweise die, von denen ich mich angesprochen fühlte. Das ist dann vielleicht noch etwa eine von 30 – das Medium bleibt trotzdem schwierig.
Die virtuelle Welt hat einfach nichts mit der realen zu tun. Man tauscht zwar schneller Fotos aus als früher – die Realität ist trotzdem anders, was mich immer wieder beeindruckt. Immerhin helfen Fotos gegen zu starke Projektionen. Die drohen, wenn man zu lange auf der Mailebene bleibt. Ich bin deswegen schon einige Male unsanft auf dem Boden gelandet. Man kann sich im Mail noch so vertraut fühlen – kaum sieht man sich, ist das nebensächlich. Auf einmal bist du mit einer Frau aus Fleisch und Blut konfrontiert, mit ihrem Aussehen, ihrer Stimme. Vielleicht hat man dann ein gutes Gespräch, merkt aber, dass die Erotik nicht spielt. Soll man sich trotzdem ein zweites Mal treffen? Und wie sagt mans, wenn man es nicht will? Weil keiner den anderen verletzen will, bleibt man unverbindlich und meldet sich hinterher nicht mehr.
Achtung ausbrennen!
Umgekehrt weiss man nie genau, mit wie vielen anderen man im Rennen ist. Auch das ist ein Haken an der Geschichte: Das System verleitet einen anzunehmen, dass es immer noch jemand Besseres gibt. Jedenfalls blocke ich Fragen nach anderen Kontakten mittlerweile ab. Das stresst eher, als dass es hilft – und ich selber bin ja auch oft mit bis zu drei anderen im Gespräch. Mehr wären mir zu viel. Trotzdem kann es einen irritieren, wenn sich eine Frau, bei der man eigentlich ein gutes Gefühl hatte, plötzlich nicht mehr meldet. Wieso? Nachhaken? Heikel. Es gibt schliesslich unterschiedliche Motivationen, sich einzuloggen. Die einen testen ihren Marktwert. Andere sind in Trennung und machen erste Schritte in eine Zukunft, für die sie allenfalls noch nicht bereit sind. Dritte wie ich suchen eine langfristige Beziehung.
Weil man sich emotional doch jedes Mal mehr oder weniger engagiert, kann die Sucherei deshalb ziemlich anstrengend werden. Man muss aufpassen, dass man nicht ausbrennt. Aber mittlerweile habe ich das ganz gut im Griff. Meine Frau habe ich zwar noch nicht gefunden, aber immer wieder gute Bekanntschaften gemacht. Dabei – und das klingt nun wohl sehr banal –, habe ich immer wieder gestaunt, wie verschieden die Frauen sind.»
* Name geändert (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.11.2009, 09:44 Uhr
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