Von fremden Tellern naschen
Von Sarah Pfäffli. Aktualisiert am 15.10.2010 1 Kommentar
Darf man das überhaupt?
Wer selber in die Guerilla-Gastronomie einsteigen und seine Kochkünste Fremden vorführen will, sollte zunächst abklären, ob sein Vorhaben der Bewilligungspflicht für Gastgewerbebetriebe unterliegt. Zwei Kriterien sind ausschlaggebend dafür: die Gewerbsmässigkeit und die Öffentlichkeit. Als gewerbsmässig gilt ein Vorhaben dann, wenn es ein Haupt- oder Nebeneinkommen des Veranstalters darstellt. Die Öffentlichkeit ist dann gegeben, wenn ein Anlass nicht im privaten Rahmen stattfindet, sondern jede und jeder daran teilnehmen darf – ob auf Anmeldung oder nicht, spielt keine Rolle.
«Schnouse am Mittwuch» (s. Haupttext) ist gratis. Die freiwillige Kollekte deckt laut Donat Berger und Karin Hänzi nur die Warenkosten. sapGesuch für eine gastgewerbliche Einzelbewilligung und weitere Informationen: jgk.be.ch/regierungsstatthalter
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Am Anfang war ein Bundesordner voller Rezepte. Wie viele Hobbyköche hat Donat Berger ständig Kochanleitungen aus Heftli ausgeschnitten, aus Büchern kopiert, von Verwandten abgeschrieben. Und wie die meisten liess er diese Sammlung verstauben. «Als ich mir den Ordner einmal ansah, bemerkte ich, dass unter den 100 Rezepten nur vier salzige waren – der Rest Desserts.»
Also fing Donat Berger an, Desserts zuzubereiten.
Ein Mittwochabend fast drei Jahre später: Am Tisch im Wohnzimmer von Donat Berger (29) und Karin Hänzi (33) an der Berner Neubrückstrasse sitzen zehn Gäste und schauen mit leuchtenden Augen auf die Schokoladen-Himbeer-Torte, die ihr Gastgeber präsentiert. Die Leute sind keine Freunde von Donat und Karin, sondern Fremde: Sie haben übers Internet oder über Bekannte vom «Schnouse am Mittwuch» gehört. An diesem Anlass testet Donat Berger fast jeden zweiten Mittwoch seine Dessertrezepte. Es gibt sechs Gänge, allesamt süss, und jene, die gut genug sind, überträgt Donat in sein Moleskine-Buch. Die anderen Rezepte wirft er weg. Drei dieser Büchlein sind schon voll.
Kochen als hippes Hobby
«Schnouse am Mittwuch» ist ein Paradebeispiel eines Trends, den man als Guerilla-Gastronomie bezeichnet: Passionierte Hobbyköche verwandeln ihr Zuhause für einen Abend in ein Restaurant. In Berlin gibt es laut der Zeitschrift «Neon» etwa zehn sogenannter Supper Clubs, in New York sind kulinarische Manufakturen gerade der letzte Schrei, in Zürich organisieren zwei 30-jährige Männer unter dem Titel «Wie bei Freunden» private Dinner bei sich zu Hause. Und in Bern gibts seit zweieinhalb Jahren «Schnouse».
Woher rührt diese Freude am Bewirten von fremden Leuten?
Seit einigen Jahren ist niemand mehr öffentlich stolz darauf, dass er nicht mal ein Spiegelei braten kann. Bewundernde Blicke ernten heute jene, die auch raffinierte Mehrgänger beherrschen. Kochen ist längst ein Lieblingshobby der Städter – und am Fernsehen sowie in Lifestyle-Magazinen omnipräsent.
Ausserdem ist es einfacher geworden, sich als Gourmetkoch zu betätigen: Heute hat jeder Zugang zu exklusiven Lebensmitteln, die einst nur bei spezialisierten Lieferanten erhältlich waren.
Man zeigt, was man kann
Aber statt nur für sich und seine Freunde zu kochen, will man im Zeitalter von Castings und Facebook auch einer grösseren Gemeinschaft zeigen, was man kann. Vielleicht auch die eigene Wohnung präsentieren. Das Rauchverbot begünstigt den Trend zusätzlich.
Kritische Konsumenten
Donat Berger hat die Hotelfachschule absolviert; er ist Mitgründer der Café-Bar Vetter Herzog im Breitenrainquartier. Heute arbeitet er als Velokurier und widmet seine restliche Zeit den Desserts, die alle er zubereitet. Karin Hänzi ist freischaffende Journalistin, hilft aber bei allen Anlässen mit.
Die beiden sind also nicht ursprünglich Profis, sondern vor allem kritische Konsumenten. «In 90 Prozent aller Restaurants gibt es die gleichen Desserts: Panna Cotta, Caramelköpfli, Apfelkuchen, Schoggimousse oder Tiramisu. Das müsste nicht sein.»
Beim «Schnouse» gehts aber längst um mehr als nur Desserts. Es ist zu einem sozialen Anlass geworden. In eine fremde Wohnung eingeladen zu werden und dabei neue Leute kennen zu lernen, scheint einem Bedürfnis zu entsprechen. «Schnouse» ist immer Wochen im Voraus ausgebucht.
An diesem Abend sind vor allem Frauen da, Psychologinnen, Studentinnen, eine Primarlehrerin. Eine hat ihren zehn Wochen alten Sohn mitgebracht, der später im Nebenzimmer ruhig einschläft. Noch etwas, das im Restaurant nicht möglich wäre. «Es ist ein wenig wie am Familientisch», findet eine Studentin aus Luzern. Und ihre Freundin sagt: «Mit Leuten, die man nicht kennt, etwas Feines essen – wann macht man das sonst?»
Ziel ist ein eigener Laden
Laut Donat Berger und Karin Hänzi haben sich am «Schnouse» auch schon Freunde gefunden. «Die wenigsten kommen nur wegen der Desserts.» Die dienen aber als Gesprächsstoff, der hier nicht mühsam gesucht werden muss: Ist das Biscuit zu trocken? Zu viel Zimt? Man fachsimpelt über die Verkleinerung von Nougat und den Geschmack von Verveine und lernt sich dabei unmerklich kennen.
Für Donat Berger und Karin Hänzi hat sich aus «Schnouse» noch mehr entwickelt. Sie liefern Dessertbuffets für grosse Anlässe und bieten «Schnouse en réunion privée» für Gruppen an. Ihr Fernziel ist ein eigener Laden – natürlich für Desserts.
Dabei war da am Anfang doch nur eine verstaubte Rezeptsammlung. Sarah Pfäffli
(Berner Zeitung)
Erstellt: 15.10.2010, 14:04 Uhr



