Tee trinken wie die Herzogin von Bedford
Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 27.01.2012
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Bellevue Palace, Bern
Anscheinend wissen nicht viele, dass es das Angebot gibt, denn an diesem Samstag ist gegen 15 Uhr kaum ein Tisch besetzt. Mit 6 Schwarztees, 2 Grüntees, Jasmintee und 6 Kräutertees ist die Teekarte stattlich. Der Tee von Ronnefeldt wird lose im Caddy serviert. Nach britischem Vorbild sind Fingersandwiches und Süsses auf einer Etagère angerichtet, doch das Angebot ist für 29 Franken pro Kopf übersichtlich. Zu zweit erhält man 6 schmale Sandwiches, 2 Scones, 2 Mini-Brownies und 2 Fruchttörtchen. Die Sandwiches – Gurke/Tomate, Lachs und Käse/Schinken — sind köstlich. Zwar sehen die Scones aus wie Teigkleckse, schmecken aber vorzüglich. Auch die französische Erdbeerkonfi ist fein, der Rahm aber recht flüssig. Auch die Patisserie ist sehr gelungen. Wer noch ein Glas Champagner will, zahlt 10 Franken mehr. Please: Scones auch ohne Rosinen anbieten, denn die mag nicht jeder. Teller sowie Besteck nach den Sandwiches unaufgefordert austauschen, damit die Konfi nicht nach Lachs schmeckt.jl
Victoria-Jungfrau Grand Hotel, Interlaken
An diesem Sonntag ist in der Victoria-Halle kaum ein Tisch frei. So nice: der Blick auf Schynige Platte und Jungfraujoch sowie der gehobene Musikgeschmack des Pianisten. Gäste haben die Wahl unter 5 Schwarztees, 2 grünen Tees, 2 Früchtetees und 6 Kräutertees von Ronnefeldt, die lose angeboten werden. Für 29 Franken (39 mit Champagner) stehen einem Sandwich- und Kuchenbuffet offen. Die Laugenbrötli mit Lachs, die Mini-Croissants mit Brie oder das Toast-Clubsandwich en miniature sind köstlich. Das süsse Buffet ist überwältigend: Ananasstücke und Erdbeeren wollen in Schokolade getaucht werden. Crumbles mit Vanillesauce, diverse Fruchttörtli, Vermicelles in Zwergenformat oder frisch gebackene Waffeln rufen «Nimm mich!» . Die knusprigen Scones werden warm gehalten. Dazu gibt es dreierlei selbst gemachte Konfitüren. Die Clotted Cream kommt von Geschmack und Konsistenz her dem britischen Vorbild sehr nahe. Please: Scones auch ohne Rosinen anbieten.jl
Grand Hotel Bellevue, Gstaad
Im Luxusskiort sind die Preise stolz: Der Afternoon Tea «Deluxe» kostet 58 Franken, das Angebot «Royal» mit Champagner 78 Franken. Man sitzt in grosszügigen Sitzecken in der asiatisch angehauchten Lobby, umgeben von Familien, die nie gehörte Sprachen sprechen. Die Karte ist mit 7 Schwarztees, 1 weissen Tee, 4 Grüntees, 2 teilfermentierten Tees und einigen Früchte- und Kräutertees aus dem Luzerner Laden L’Art du Thé gut bestückt. So nice: die Teller mit Erdbeermuster von Wedgewood. Den
Reigen eröffnen Fruchtspiesse, gefolgt von sechs Mini-Sandwiches, belegt mit Guacamole/ Forelle, Rindstatar/Trüffel und Schinken. Dann geht es richtig los: Auf einer Etagère locken 12 Sandwiches, belegt mit Gurke, Schinken und Foie gras. Anschliessend kommen vier feine Mini-Scones mit flüssigem Rahm und zwei köstlichen Konfitüren (Aprikose und Waldbeere) sowie Patisserie. Please: Scones auch ohne Rosinen anbieten. Nach den Sandwiches Teller und Besteck austauschen.jl
Vielleicht war es einer dieser verregneten Sommertage, der die Unpässlichkeit noch verstärkte. An einem Nachmittag fühlte sich Anna, die 7.Herzogin von Bedford, plötzlich schwach. Was nicht weiter verwunderlich war, denn damals wurde in der gehobenen Gesellschaft zwischen Frühstück und spät serviertem Abendmahl nur ein bescheidener Lunch serviert. Die Herzogin zog sich in ihr Zimmer zurück und liess sich Tee, ein wenig Brot und Kuchen bringen. Diese kleine nachmittägliche Stärkung gefiel ihr so sehr, dass sie für den Rest des Sommers 1840 auf ihrem Landsitz Afternoon Tea reichen liess. Zurück in London, machte die Freundin von Königin Viktoria das Teeritual zum Trend.
Land im Afternoon-Tea-Fieber
Heute wird Afternoon Tea in Grossbritannien zwischen 15 und 18 Uhr an vielen Orten angeboten: Im obersten Stockwerk des Londoner Edelkaufhauses Fortnum&Mason ebenso wie im Close House Hotel in Newcastle. Fester Bestandteil der Speisen sind stets in Streifen geschnittene Fingersandwiches aus Toastbrot und Scones, ein rundes schwach gesüsstes Gebäck. Scones werden mit Clotted Cream, dickem Rahm aus unbehandelter Kuhmilch, und Erdbeermarmelade gegessen. Dazu werden noch kleine Kuchen serviert, die nach Ort und Jahreszeit variieren. Meist wird alles in einer Etagère angerichtet, damit sich die Gäste nach Herzenslust selbst bedienen können. Dass die Begeisterung auf der Insel für diese Tradition riesig ist, zeigt ein Blick auf das Buchangebot bei Amazon Grossbritannien. Wer den Suchbegriff «Afternoon Tea» eingibt, erhält Hunderte von Titeln.
Mehr Teepartys in Bern
Auch in der Schweiz kann man an manchen Orten das ausgedehnte Teeritual geniessen, doch wirklich bekannt ist es hierzulande nicht. Dabei wärmen gerade an nasskalten Wintertagen Tee, Sandwiches, Scones mit Rahm und Kuchen Bauch und Seele gleichermassen. In Bern und im Kanton bieten einige Hotels Afternoon Tea an (siehe Testberichte rechts), doch neuerdings kann man sich auch zu Hause damit verwöhnen lassen. Fest entschlossen, die Idee unter die Leute zu bringen, gründeten Luisa Stoller und Fiona Lehner letzten September einen Afternoon-Tea-Catering-Service. «Bereits als Kind war ich damit vertraut, denn mein Grosi väterlicherseits war Halb-Engländerin», erklärt Lehner die Entstehungsgeschichte. Mit ihrer Begeisterung steckte sie ihre Freundin Luisa an, die sich ebenfalls im Gastrobereich selbstständig machen wollte. Bereits ab Bestellungen für zwei Personen liefern die Bernerinnen Afternoon Tea, Cream Tea sowie Cream Tea and more. Und holen am Ende der Einladung das Geschirr wieder ab.
«Der Begriff Afternoon oder Low Tea, der für Sandwiches, Scones und Kuchen steht, wurde dadurch geprägt, dass er an niedrigen Tischen in Salons eingenommen wurde», klärt Fiona Lehner die Begriffsvielfalt. Er sei nicht zu verwechseln mit High Tea, der ab 18 Uhr serviert werde und herzhaftere Speisen enthalte. «Diese Tradition entstand vermutlich in der Arbeiterklasse. Um 18 Uhr schlossen die Fabriken, und die Arbeiter kamen nach Hause, um dort am Esstisch, dem High Tea, ein sättigendes Mahl einzunehmen», ergänzt Geschäftspartnerin Luisa Stoller. Ohne Sandwiches und Kuchen stellt der Cream Tea eine abgespeckte Variante des Afternoon Tea dar.
12 Scones-Rezepte getestet
Bevor die beiden starteten, recherchierten sie in London. Und probierten mit der tatkräftigen Unterstützung ihrer Familien 12 Scones-Rezepte aus, bis sie zufrieden waren. «Damit sie gut schmecken, darf der Teig nicht zu fest geknetet werden», sagt Lehner. Mehr will sie nicht verraten. Da die Clotted Cream in Grossbritannien aus unbehandelter Kuhmilch hergestellt werde, schmecke sie anders als die hier bei Globus oder British Shop in Thun erhältlichen Produkte. Notfalls könne man auch auf Crème Double ausweichen. Auch müsse die Erdbeermarmelade nicht unbedingt von Fortnum& Mason oder Wilkin&Sons kommen.
«Die Konfis von Coop oder Migros passen ebenfalls gut», meint Stoller. Ihre Strawberry Jam kochen die beiden Tea-Ladys selbstverständlich selbst ein. Nur bei Ei-Kresse- und Gurkensandwiches, Letztere lässt auch die Queen oft bei Empfängen servieren, sind sie rigoros. Die seien einfach Pflicht. Damit die Atmosphäre very British wird, gehören unbedingt Silberbesteck und feines Porzellan auf den Tisch.
Am besten lässt man sich den Afternoon Tea von den beiden Profis stilecht liefern. Sie bringen alles mit, sogar CDs mit Klaviermusik. Während sich die Gäste von der Etagère bedienen, müssen die Gastgeber nur von Zeit zu Zeit frischen Tee aufbrühen. Ansonsten können sie sich entspannt zurücklehnen und sich einmal ein bisschen fühlen wie die Herzogin von Bedford. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.01.2012, 11:28 Uhr
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