Nette Frauen werden schneller dick
Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 30.08.2010 14 Kommentare
Zur Person Karen R. Koenig
Karen R. Koenig arbeitet als Psychologin mit dem Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie in Sarasota, Florida. In den USA wurde sie als Autorin mehrerer Bücher zum Thema Ernährung und Übergewicht bekannt. Vor kurzem erschien «Warum die nettesten Frauen am schnellsten dick werden». Mosaik bei Goldmann, Fr.16.50.
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Frau Koenig, Sie schreiben in ihrem neuen Buch, dass Übergewicht mit übertriebener Nettigkeit zusammenhängen könnte. Wie sind Sie darauf gekommen?
Karen Koenig: Während meiner langen Arbeit mit essgestörten Frauen beobachtete ich, dass emotionale Probleme sie davon abhielten, weniger und gesünder zu essen. Mir fiel auf, dass viele Angst vor Konfrontationen hatten und Schwierigkeiten, ihre Bedürfnisse zu äussern. Forderte ich sie auf, etwas Positives über sich zu sagen, kam immer nur ein Satz: «Ich bin nett.» Das war alles, was ihnen einfiel, dabei handelte es sich um beruflich sehr erfolgreiche Frauen. Doch dieses Gefühl, ständig nett sein zu müssen, stresste sie offensichtlich sehr, und zur Beruhigung assen sie.
Sie schreiben nur von zu netten Frauen mit Essstörungen. Trifft das denn auf Männer nicht zu?
Doch, ein paar wenige sind mir begegnet. Aber da ich in der Überzahl Patientinnen mit diesem Problem habe, konzentriere ich mich im Buch auf Frauen.
Sie selbst waren auch einmal zu lieb und zu dick. Nahmen Sie ab, indem Sie egoistischer wurden?
Vor vielen Jahren war ich ständig auf Diät und litt zwischendurch an Fressattacken. Ich hatte 20 Pfund zu viel auf den Rippen und Probleme, meine Wünsche zu äussern. Als ich anfing, das zu tun, was ich wollte, änderte sich auch mein Essverhalten.
Warum lassen sich nette Menschen leichter stressen und greifen deswegen vermehrt zu Süssigkeiten?
Sie wollen es allen recht machen, können nicht Nein sagen, und denken, dass sie sich um das Wohlergehen der anderen kümmern müssen. Und stellen dabei ihre Wünsche ganz hinten an. Doch da man täglich in Situationen kommt, in denen man es unmöglich allen recht machen kann, fühlen sie sich gestresst. Als Folge produziert der Körper Cortisol, das zu einer vermehrten Ausschüttung des Neuropeptids Y führt. Und das führt schliesslich zu einer Gier nach Kohlehydraten, die wiederum beruhigend wirken.
Was führt überhaupt dazu, ständig nett sein zu wollen?
Vielfach ist eine schwierige Kindheit der Grund. Nehmen Sie ein Mädchen, das aus irgendwelchen Gründen Elternersatz spielen und putzen, kochen sowie für die jüngeren Geschwister sorgen muss. Kinder, die so aufwachsen, erfahren das bisschen, das ihnen an Bestätigung entgegengebracht wird, nur durch Sorge für die Umwelt. Und haben Angst, dass andere böse werden, wenn sie ihre Pflicht nicht erfüllen. Das erzeugt natürlich Stress.
Sie schreiben, dass sich auch Perfektionistinnen mit Neinsagen schwertun.
Ja, einer Frau, die ständig alles perfekt erledigen möchte, fällt es ebenfalls schwer, Nein zu sagen. Und sie fühlt sich schnell unzulänglich, wenn sie ihren Erwartungen nicht gerecht wird. Die dadurch entstehenden schmerzlichen Gefühle werden dann gerne mit Fastfood oder Kuchen erstickt.
Wer ständig die eigenen Bedürfnisse unterdrückt, wird frustriert und sucht automatisch Trost im Essen?
Die ständige Anspannung oder Furcht führt dazu, dass vermehrt Cortisol produziert wird. Befindet sich der Körper ständig im Stresszustand, werden auf Dauer nicht mehr genügend Botenstoffe wie etwa Serotonin produziert. Doch Serotonin beeinflusst das Sättigungsempfinden und wirkt appetitregulierend. Ein zu niedriger Serotoninspiegel kann daher zu Fressattacken führen. Mittlerweile ist bekannt, dass Kinder, die Traumata wie Misshandlungen in der Familie erlebten, oder die die Verantwortung für die Eltern übernehmen mussten, auch als Erwachsene schneller in Stress geraten. Mit all den Konsequenzen. Leider ist es auch so, dass Kindern, die aus solchen «high stress»-Familien kommen, ausser Essen keine anderen Stressbewältigungsstrategien vermittelt wurden. So suchen sie auch später Zuflucht bei Pommes frites und Torte.
Lassen sich derartige Essstörungen nur mit langjährigen Therapien in den Griff bekommen?
Es ist kein leichter Weg, aber eine Therapie ist nicht immer nötig. Manchen reichen vielleicht schon die Denkanstösse in meinem Buch.
Sie plädieren darin für mehr Egoismus und dafür, sich selbst an die erste Stelle zu setzen. Aber sicher sind auch nicht alle Egoisten frei von Essproblemen?
Ich arbeite schon lange als Therapeutin und habe tatsächlich sehr wenige Egoisten mit Essstörungen erlebt. Und wenn sie zu dick sind, dann aus anderen Gründen als den genannten.
Wie haben Sie damals angefangen, etwas weniger nett zu sein?
Ich begann, öfter Nein zu sagen bei Leuten, die ich gut kannte und zu denen ich Vertrauen hatte. Dann ging es weiter am Arbeitsplatz. In den 80er-Jahren arbeitete ich in einer Werbeagentur, und einer der Männer dort wollte, dass ich ihm einen Kaffee holte. Als ich Nein sagte, wurde er wütend und warf sein Buch an die Wand. Ich weiss noch, wie ich in diesem Moment dachte, dass es sein Problem sei, wenn er sich ärgerte.
Und wo fiel es Ihnen eher schwer, für sich selbst einzutreten?
Bei Männern. Zu der Zeit war ich Single und wollte gefallen. Deshalb ging ich noch lange mit Männern aus, die mir nicht wirklich zusagten. Aber ich gab nicht auf und arbeitete hart an meinem Selbstvertrauen. Noch etwas fällt mir ein: Mir half auch, in meinem Freundeskreis aufzuräumen. Ich trennte mich von Leuten, die nur jammerten, und umgab mich stattdessen mit tatkräftigen, interessanten Leuten. Das führte ebenfalls dazu, dass ich mich besser fühlte und kontrollierter ass.
Das ist aber ein längerer Prozess. Haben Sie vielleicht ein paar Instant-Tipps, die man schnell umsetzen kann?
Sagen Sie jeden Tag einmal Nein, und tun Sie Dinge ohne den Anspruch, perfekt sein zu müssen. Laden Sie zum Beispiel Leute auch dann zu sich ein, wenn die Wohnung nicht perfekt aufgeräumt ist. Und erlauben Sie sich, Fehler zum machen. Das entstresst ungemein. Setzen Sie anderen Grenzen, das nimmt ebenfalls Druck weg. Und vergessen Sie ein für alle Mal den idiotischen Gedanken, dass Sie ein braves, selbstloses Mädchen sein müssen.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 30.08.2010, 13:02 Uhr



