Leben
Chayote statt Geranie
Exotik als Erfolgfaktor: Nach einem Unwetter, das seine Gärtnerei im Belpmoos zerstörte, verlegte sich Hans Marti auf exotische Zierfrüchte. Und erschloss sich so eine blühende Nische. (Bild: Raphael Hünerfauth)
Marktplätze sind an sich eine Pracht fürs Auge. Bei Marianne und Hans Marti am Stand auf dem Berner Bärenplatz hat man aber das Gefühl, hier würde sich gleich die ganze Farbpalette der Natur vereinen. Tritt man näher, erkennt man, dass diese Farbtupfer in den kleinen Körbchen alles Zierfrüchte sind: Ziermelonen, Kalebassen, Chayote, Wild-Cucumis, Chili oder Morgenstern – darum herum staunende Marktbesucher.
Exotik im Belpmoos
Wir besuchen den drahtigen Gärtnermeister mit dem schlohweissen Haar in seiner Gärtnerei in der Ebene vom Belpmoos. Feuchtwarme Luft schlägt einem beim Betreten des ersten Gewächshauses entgegen. Hier kultiviert Marti sudanesische Gurken. Er nennt sie Morgenstern, weil ihre Form an das Folterwerkzeug erinnert. Die Stacheln sind tatsächlich ziemlich scharf. «Sie sehen so wehrhaft aus, sind aber sehr zierlich und heikel.» Marti schiebt die Blätter einer Pflanze beiseite, damit man die Früchte sehen kann. Einige Meter weiter leuchten gelbe Paprika zwischen dem Grün hervor: Chili «Fatali». Sie dienen vor allem als Dekoration. Man könnte sie zwar durchaus essen, «aber sie sind extrem scharf».
Die Not gebar eine Tugend
Die Gärtnerei Marti ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich ein traditioneller Betrieb mit einer speziellen Produktepalette eine Nischenposition erobern konnte. Natürlich hätten die Martis auch weiterhin nur auf Geranien und Schnittblumen setzen können. «Aber das wäre uns zu langweilig.» Mit ein Grund für die neue Ausrichtung war auch das Unwetter 1999, das die Gärtnerei vollständig zerstörte. «Hier stand das Wasser zwei Meter hoch», zeigt Marti im Gewächshaus. Danach wurde der Verkauf in der Gärtnerei eingestellt – und bei den Kulturen verlegte man sich auf exotische Zierfrüchte. Heute beliefert er verschiedene Blumenbörsen und verkauft auf dem Berner Märit. «Unsere beste Werbeplattform.»
Erfolgreicher Forschereifer
Auf vielen Reisen ist das Gärtner-Ehepaar immer wieder auf besondere Sorten gestossen – manchmal auch im Internet. Bis eine Sorte wirklich «markttauglich» ist, kann es schon mal drei bis vier Jahre dauern. Hinter den Zierfrüchten steckt viel Tüftelarbeit. Marti versucht auch verschiedene Pflanzen zu kreuzen oder neue Sorten zu kreieren. Wie die «Igeli», von denen er inzwischen zehn verschiedene Sorten im Angebot hat. Gelohnt hat sich die Neupositionierung für den forschenden Gärtnermeister allemal. Von Rezession spüren die Martis nichts. «Gerade in solchen Zeiten wird das Zuhause wieder wichtiger, und man gibt mehr Geld aus für die Verschönerung.»
Die ganze Welt in Früchten
Im nächsten Gewächshaus treffen wir auf Maschischi, eine brasilianische Gurkenart. «Die Gurke der armen Leute; sie sind sehr angenehm zu essen.» Weiter vorne hängen Ballon-Igel an den Pflanzen, die an einem feinen Gitter bis unters Dach wachsen. Zum Teil stehen die Pflanzen in Töpfen, andere sind direkt in der Erde eingepflanzt. «Man darf sie nicht zu mastig halten», erklärt Hans Marti. Es sei eine stetige Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig Wasser, sagt der Gärtnermeister. Und schon ist er bei der nächsten Pflanze angelangt, der Vogelfrucht, die Blüten wie eine Orchidee hat. Nur die schwarze Holzbiene könne sie bestäuben. Weil diese in diesem Jahr nur kurz gekommen sei, musste er von Hand nachhelfen. Die nächste Frucht ist schon ziemlich braun mit wunderschöner Zeichnung: Es sind die indischen «de Sikkim», die an übergrosse Bohnen erinnern. Auf die orange Aubergine aus Togo mit den grünen Streifen ist er besonders stolz. «Dieses Jahr konnte ich erstmals davon ernten», freut Hans Marti sich.
Bis mindestens Ende Oktober sind die meisten der rund 50 verschiedenen Zierfrüchte noch auf dem Berner Märit zu kaufen. Dann, wenn die Tage kürzer werden, kommt wieder die Tüftlerzeit, und der Gärtnermeister sitzt oft tagelang vor dem Computer, um Ausschau nach neuen Samen aus aller Welt zu halten. Damit er im nächsten Sommer seine Kundschaft wieder mit neuen Formen und Farben überraschen kann. (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.10.2009, 10:23 Uhr


















