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«Wie ich am ‹Buechibärg› den vierten König traf»

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 18.12.2008 3 Kommentare

Es gibt Dinge, die man erleben muss: Das Balmkirchli am Bucheggberg im Kanton Solothurn etwa. Wir steigen auf zu einem Kirchli mit vier statt drei Königen. Dahinter verbirgt sich eine wunderbare Geschichte.

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Kurz vor Balm, das Kirchli als weisser Fleck im Berg.
Thomas Widmer

   

Tipps & Infos

Wandervorschlag: von Messen nach Balm, zum Kirchlein und weiter nach Biezwil in 90 Minuten. Verlängerung: in noch einmal 90 Minuten weiter nach Büren an der Aare. - Den Kirchenschlüssel bekommt man bei Frau Rätz in Balm, 031/ 765 57 15. - Buch: Edzard Schaper, «Die Legende vom vierten König», Artemis & Winkler.

Im Internet auf www.zufuss.tagesanzeiger.ch sind alle meine Geh-Abenteuer schön in ein Dossier gepackt. Noch besser: Jeder Wanderung ist neuerdings eine Fotostrecke beigestellt, zehn meiner Bilder in der Regel. Wenn man sie durchklickt, wandert man ganz mühelos.

Allerdings, es gibt dann doch Dinge, die muss man erleben. Real, vor Ort. Das Balmkirchli etwa am Bucheggberg, den die Leute dort liebevoll «Buechibärg» nennen.

Als ich in Messen, Kanton Solothurn, aus dem Bus steige, sehe ich den Bucheggberg zwei Kilometer voraus. In dem bewaldeten Hang hat es einen weissen Fleck. Das ist das Kirchlein. Es zu erreichen, halte ich durchs topfebene Limpachtal auf das Dörflein Balm zu.

In Balm läuft mir ein riesiger Berner Sennenhund zu, schleckt mir die Hände ab, will nicht von mir lassen, will nicht mehr heim. Die nächste halbe Stunde habe ich einen Wanderfreund. Wir steigen auf zum Kirchlein. Endlich erreichen wir, was die alten Griechen im Falle ihrer Tempel «Temenos» hiessen, heiliger Bezirk. In der terrassierten Umfriedung wittern Grabsteine, daneben steht frei ein Glockenstuhl aus altem Holz. Das Kirchlein, an den Hang geschmiegt, scheint schlafend in der Stille des Dezembertags. Im Süden kleben am Horizont die Berner Alpen wild gezackt wie ein Scherenschnitt.

Ich schliesse auf, mit dem Schlüssel, den ich im Dorf abgeholt habe. Trete ein. Auch das Innere ist schlicht: Holzbänke, eine Kleinstorgel, eine leicht erhöhte Predigtkanzel. Im Schummer des Raumes fesselt mich das Fenster mit drei Glasmal-Motiven: Maria, hingebettet, mit dem Kindlein im Arm und dem Esel neben sich. Die Heiligen Drei Könige, niedergekniet. Und ein Mann auf einem Pferd, in ein fasnachtartig gelbes Gewand gekleidet und mit einem roten Umhang bedeckt.

Wer ist der Mann? Und was will er in dem Weihnachtszyklus?

Es ist der vierte König, lese ich später zu Hause in einer Monografie über das Kirchlein. Den neuzeitlichen Künstler, der das Fenster schuf, inspirierte offenbar die gleichnamige Legende Edzard Schapers. Das ist ein 1908 im heutigen Polen geborener, 1984 in Bern verstorbener, heute fast vergessener deutscher Schriftsteller.

Schaper habe ich gekannt! Nun, gesehen. Einmal. Anfang der Achtzigerjahre, in Bern. Da raunte mir eine Studienkollegin zu, als uns beim Flanieren an der Aare ein alter Mann in einem abgetragenen Wintermantel entgegenkam, dies sei der grosse Romancier Edzard Schaper. Natürlich hatte ich keine Ahnung, wer das sein sollte.

Schapers Legende vom vierten König geht so: Wie den drei Königen im Morgenland erscheint auch dem vierten König, der in Russland lebt, der Stern von Bethlehem. Und er folgt dem Stern ebenfalls. Doch seine Reise dauert Jahrzehnte, denn in seiner Güte und Milde verzettelt er sich. Verschenkt all die Schätze, die dem Kind zugedacht sind, an Arme. Gerät gar, indem er sich für einen anderen opfert, als Gefangener auf eine Galeere.

Womit ich auf Schaper zurückkommen muss: Der Schriftsteller, der auch Kriegsreporter war, im Zweiten Weltkrieg zum Tode verurteilt wurde, in Dänemark, Estland, Finnland, Schweden, der Schweiz lebte - dieser Schaper wirkte damals an der Aare verloren und verworfen wie sein König nach all den Irrjahren. Oder wenigstens ist der Schaper in meinem Kopf so: einsam, traurig, abgeschnitten von allem und allen.

Der vierte König hat bereits jegliche Hoffnung aufgegeben. Da erscheint ihm wieder der Stern und geleitet ihn doch noch zum Heiland - der am Kreuz hängt. Nun schämt sich der König, dass er dem Leidenden nichts geben kann. Aber besitzt er nicht sein Herz und dasjenige einer Bettlerin, die er einst rettete? Mit letzter Kraft flüstert er: «Aber mein Herz, Herr, mein Herz ... und ihr Herz... Unsere Herzen, nimmst du sie an?»

Ist das nicht eine wunderbare Geschichte? Frohe Weihnachten, liebe Leserinnen und Leser. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2008, 14:29 Uhr

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3 Kommentare

Helen Culbertson

18.12.2008, 16:16 Uhr
Melden

Danke fuer diesen Bericht .Mein Heimweh entflammte und ich bin tief geruehrt den Ort meiner Kindheit in so praechtigen Bidern zu sehen. Ich ging oft mit meinem Vater diesen Weg und er hat mir so als Kind die Natur gezeigt die auch noch heute fuer mich mein Glaube ist Froehliche und besinnliche Festtage aus Uebersee Antworten


Helen Wälchli

22.12.2008, 09:33 Uhr
Melden

Herzlichen Dank für diesen Artikel und die Legende vom vierten König. Was für ein wohltuender Ausgleich für einen glaubenden Menschen, der gestern ein unsägliches Spätprogramm serviert bekam, in dem Glauben zu einer dada-gaga-Geschichte verkam. In diesem Sendegefäss war Pfarrer Ernst Sieber wohl so etwas wie der vierte König... Merry Christmas und ein besinnliches Weihnachtsfest!!! H.Wälc Antworten



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