Petrarca, Goethe und das Firnerloch
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 31.07.2009 1 Kommentar
Eben ist zum 75-Jahr-Jubiläum der Zürcher Wanderwege eine Festschrift erschienen mit einem interessanten Aufsatz über die Geschichte des Wanderns. Demnach sind die Urahnen von uns heutigen Wanderern: prähistorische Jäger auf der Pirsch. Nomaden. Die alten Heere (legendär der dreitägige Eilmarsch der Zürcher zur Schlacht bei Murten gegen Karl den Kühnen). Kaufleute. Pilger. Und Hirten, die so manche Alp, so manchen Pass erschlossen.
Als erster echter Wanderer gilt der italienische Universalgelehrte Petrarca: Er soll 1336 den Mont Ventoux in der Provence bestiegen haben – aus Neugierde. Es ist eine Grosstat. Den Menschen jener Epoche sind die Berge an sich ein Graus. Die Stadt Luzern verbietet gar die Besteigung des Pilatus. Man glaubt nämlich, dass dort oben der untote Pontius Pilatus umgeht; stört man den Geist, löst er Unwetter aus.
Street Parade des Bisistals
Doch allmählich beginnt der Mensch die Natur zu dominieren. Die Angst vor ihr ablegend, kann er die Berge schön finden. Die Naturbegeisterten des 18. Jahrhunderts verkörpern den Wandel: Ebel, der Schweiz-Bereiser. Goethe. Von Haller, der die Alpen im gleichnamigen Gedicht preist. Der Rest ist Technik- und Sozialgeschichte: Die Eisenbahn, später das Auto machen den Menschen mobil. Die Arbeitszeiten sinken, sodass die breite Masse Zeit zum Wandern findet. Und die englischen Touristen sorgen für...
Man lese das Buch. Ich möchte hier auf eine besonders wilde Wanderung überleiten, die man vor 500 Jahren noch als gruselig empfunden haben mag: vom Bisistal durch das sonderlich abschüssige Firnerloch auf den Urnerboden.
Ich reiste am Vorabend ins Bisistal, die Fortsetzung des Muotatals zuhinterst im Kanton Schwyz. Im Schönenboden ass ich ein Poulet im Körbli. Lustig fand ich auf dem Tischservice mit lokaler Werbung die Erwähnung eines Muotataler Anlasses namens «Flätthüntschsauft». «Das ist unsere Street Parade», erklärte mir der Hotelier. Ich fragte nicht nach; ich assoziiere eine saftige Sache, eine Art alpines Wikingergelage, und möchte mir die Vorstellung erhalten.
Im Firnerloch
Am nächsten Morgen liess ich mich vom Kleinbus noch weiter ins Bisistal tragen. Meine Wanderung begann beim Sahli, der Talstation der Seilbahn, die linkerhand hinauf zur Glattalp führt. Ich selber ging auf steilen Wegen zur Alp Gwalpeten, die in einem veritablen Steingarten liegt. Auf Geisspfaden meisterte ich hernach die Wand vor mir und querte dabei Geröllhalden der Extremklasse. Auf der Passhöhe hatte ich plötzlich eine neue Landschaft vor mir: Tief unten erahnbar der Urnerboden mit der Klausenpassstrasse, vor mir der gewaltige, schneebedeckte Clariden. Und um mich Karrenfelder aus Kalk. Der weisse Stein wirkte auf sinistre Art zerfetzt und zerhackt.
Und gleich war ich im Firnerloch: Einer rutschigen, übersteilen Geröllpassage – fürwahr, wer sie schadlos überstanden hat, darf sich als Held fühlen! Endlich erreichte ich die Alp Firnen. Die Alpleute nahmen gerade vor der Hütte ihren Zmittag: Bratwürste und Gschwellti. Ich stieg, mit ins Schlottern geratenden Knien, weiter ab; ich genoss es dabei, wie der Urnerboden, diese Prachtsalp, allmählich näher kam.
Monumentale und atemberaubende Busfahrt
Unten an der Klausenstrasse war ich zurück in der Zivilisation. Zehn Minuten später, beim Urnerboden-Dörfli, kaufte ich mir im Laden ein Alpkäsmutschli für zu Hause. Letzter Akt meiner Wanderung war alsbald die Busfahrt hinab nach Linthal-Bahnhof. Sie ist in sich selbst eine Attraktion: Monumental und atemberaubend wie die vorangegangene Route.
Womit ich beim Dank angekommen wäre: Eine grosses Merci allen meinen Vorgängern vom römischen Legionär über den mittelalterlichen Säumer bis zum neuzeitlichen Wanderwegfunktionär, dass sie mir Wege wie diesen vorgespurt haben und vorspuren.
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.07.2009, 14:15 Uhr
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