Mit Lotti auf Schneeschuhen zum Chasseral
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 29.01.2009
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Route
Gehzeit: 6½ Stunden. Hotel/Restaurant Chasseral: Im Winter Sa/So immer offen, an schönen Wochentagen oft. 032 751 24 51. www.chasseral-hotel.ch.
Vergangene Woche kündigte ich an, in der nächsten Kolumne eine Schneeschuhwanderung auf den Chasseral vorzustellen, den Berg des Berner Juras. Hier ist sie - und einleitend sei beigefügt, dass unser Zürcher Grüpplein sich für diese Wanderung einer Einheimischen anvertraute: Lotti Teuscher, meiner «Bieler Tagblatt»-Journalistenkollegin. Manchen Lesern klingt der Name vielleicht vertraut. Der Liebe Lottis zum Chasseral und ihrer intimen Kenntnis desselben hatte ich letzten Herbst schon eine Kolumne gewidmet.
Damals gingen wir durch die wilde Combe Grède zum Gipfel. Momentan wäre dies lebensgefährlich. Wie im Herbst abgemacht, zeigte uns Lotti die Winterroute. Dieser Zugang von Osten ist freilich anstrengend, man muss, den einstündigen Abstieg nach Nods zum Bus inbegriffen, mit sechseinhalb Stunden Gehzeit rechnen.
Auf dem Bieler Bahnhofplatz trafen wir Leute aus Zürich Lotti und ihre Seeländer Fraktion. Nach dem Begrüssungsküssen stiegen alle elf in den Bus nach Les Prés-d’Orvin. Dieses Wintersport-Weilerchen liegt geborgen in der Rinne zwischen Mont Sujet und Chasseral. Bei der Bus-Endhaltestelle montierten wir die Schneeschuhe. Dabei mag unsere Ungeschicktheit Outdoor-Profi Lotti befremdet haben: Einige von uns, darunter ich, haben wenig Übung mit den Kunststoff-Dingern und ihren verwirrlichen Bindungsdetails.
Endlich gingen wir los. Und es war wieder einmal schön, festzustellen, wie man beim Schneeschuhlaufen in einen meditativen Trott fällt. Den Chasseral zeitweise vor Augen, zogen wir querfeldein; doch weil nicht jeder eine ortskundige Lotti dabeihat, beschreibe ich im Folgenden lieber die offizielle Wegführung. Der ausgeschilderte Pfad führt vorerst parallel zum Strässchen zur Métairie de Prêles, einer Wirtschaft. Bei der Métairie geht es dann rechts hoch nach Les Colisses, dort wiederum beginnt der Gratweg zum Gipfel. Und jetzt ein aus leidvoller Erfahrung geborener Tipp: Man trödle nicht! Bereits wähnt man von Les Colisses die Chasseral-Antenne nah und meint, sie sei bald erreicht. Tatsächlich dauert es gut zwei Stunden, bis man ankommt. Das ist eine grandiose optische Täuschung.
Unterwegs zum Chasseral war viel Zeit, mit Lotti dessen Schönheit zu würdigen, er ist ein Berg der Sonderklasse: riesig, vielgestaltig, reich an Wundern. Nur schon der Blick hinab aufs Plateau de Diesse: Die Terrasse über dem Bielersee sah in der winterlichen Kargheit - weisse Wiesenflächen, schwarze Waldflecken, Strassenlinien, Häuser - aus wie ein japanischer Holzschnitt. Ich schaute und schaute, hörte gleichzeitig Lotti zu, die von ihren Chasseral-Erfahrungen erzählte. Eine sei in Form einer Warnung wiedergegeben: Bei Nebel findet man hier oben gar nichts mehr und kann, 20 Gehminuten nach der Antenne, das Hotel verpassen, selbst wenn es nur zehn Meter entfernt ist. Der «Chasse» ist nicht harmlos.
Und gleich noch eine Warnung: Auch im Hotel ist man nicht wirklich in Sicherheit. Vom Selbstbedienungsrayon des Restaurants nämlich geht es eine gummibenoppte Rampe hinab ins eigentliche Lokal. Die Rampe ist im Winter von den vielen Schuhen feucht, und es scheint programmiert, dass Leute ins Rutschen geraten. Eine Frau, später ein Kind krachten voll auf den Hintern, als wir da waren. Wäre das Amerika, so hätte längst jemand den Wirt auf fünf, sechs Millionen Schadenersatz verklagt.
Soll so negativ eine Kolumne enden? Auf keinen Fall. Schliessen wir lieber mit der Bemerkung, dass dies ein grosser Samstag war. Und dass es selbstverständlich ein Wiedersehen mit Lotti und ihren Leuten geben wird. Sie hat versprochen, sich im Rahmen einer Konkurrenzpräsentation ihrerseits meine Heimat zeigen zu lassen. Im Frühsommer wird den «Wessis» mal ein deftiger Ostschweizer Canyon vorgeführt: das Ofenloch im Säntisgebiet. Bericht folgt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.01.2009, 09:00 Uhr
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