Metardus, Margriata und die zerschellte Venom
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 30.06.2010
Zu Fuss
Route: Bushaltestelle Mastrils-Tretsch (Bus ab Landquart). Naturfreundehaus Jägeri. Pizalun. Furggels/St. Margrethenberg. Skilift Tristeli. Pfäfers. Valur. Bad Ragaz, Dorf. Bad Ragaz, Bahnhof.
Dauer: sechs Stunden.
Höhendifferenz: je knapp 1000 Meter auf- und abwärts.
Charakter: Streng, weit, aussichtsreich, Natur und Kultur.
Höhepunkte: Der Tiefblick vom Pizalun. Die idyllische Terrasse des St. Margrethenbergs. Das historische Pfäfers. Der gepflegte Kurort Bad Ragaz.
Einkehr unterwegs: „Tristeli“ (St. Margrethenberg). Diverse Orte in Pfäfers.
Neues Wanderbuch von Thomas Widmer mit 52 Schweizrouten: „Zu Fuss. Die verschwundene Seilbahn“. www.echtzeit.ch
Stichworte
Letztes Jahr schaute ich mir zwischen Bad Ragaz und Landquart aus dem Zug den bewaldeten Berghang zur Rechten an. Auf der Krete sah ich einen breiten Bröckelzahn. Es war, fand ich im Internet, der Pizalun, offenbar ein De-Luxe-Aussichtsberg.
Sonne über Landquart
Monate später: Zeit für den Pizalun. Das Radio hat zwar Schlechtwetter vorhergesagt. Aber auch Restsonne in den Föhntälern. In der Tat tröpfelt es in Zürich morgens bereits. In Landquart ist es sonnig. Ich nehme den Bus nach Mastrils, er quert den Rhein auf der modern-eleganten Tardisbrücke. Deren Urahnin wurde 1529 von einem Metardus Heinzenberger erbaut, daher der Name. Einst war sie die einzige ganzjährig offene Verbindung Altbündens zur Eidgenossenschaft.
Mastrils, Endhaltestelle Tretsch. Unter mir strömt der Rhein, vom Prättigau fliesst ihm durch die Klus die Landquart zu. Ich fasse nun mein erstes Ziel ins Auge, den Punkt Jägeri in der Pizalun-Krete. Es folgt ein strenger Aufstieg durch Wiese und Wald. Zweimal verlaufe ich mich kurz. Endlich die Jägeri. Leute sind daran, Ess- und Trinkware ins Naturfreundehaus zu schaffen; man kann es mieten. Direkt vor mir habe ich den gut 150 Meter höheren Pizalun, weit ist das nicht mehr. Ich gehe jetzt auf dem Grat zwischen dem Rheintal und dem Hochtal von St. Margrethenberg. Kurz vor dem Gipfel ein Bunker in der Wand: der Pizalun war im letzten Weltkrieg ein Beobachtungsposten der Armee. Und noch eine andere militärische Sache: In den Sechzigern zerschellte am Pizalun eine Venom. Der Pilot rettete sich per Schleudersitz.
Eine unglaubliche Aussicht
Eine Eisentreppe mit Handläufen führt auf den Zahn. Oben eine Plattform mit Geländer, ein Kreuz ausserhalb der Umzäunung – und das Panorama des Tages von Rätikon bis Alpstein und Albulaalpen. Seine vorgeschobene Lage macht das Berglein unglaublich aussichtsreich.
Durch den Wald steige ich ab auf den St. Margrethenberg. Im Weiler Furggels hat es für meinen Geschmack zuviele Häuser im Tirolerstil – Musikantenstadlfantasien, Pseudo-Alpinità. Eine Tafel lenkt mich ab. Der St. Margrethenberg heisst nach der Heldin eines alten rätoromanischen Epos aus dem 7. oder 8. Jahrhundert: Diese Margriata verdingt sich in Männerkleidern als Zusenn, wird vom Hirtenknaben verraten und vom Senn verstossen, um später in der Einsamkeit Wunder zu wirken.
Der heilige Pirmin
Abstieg Nummer zwei beginnt kurz vor dem Restaurant Tristeli und bringt mich nach Pfäfers. Das Dorf mit seiner historischen Gasse und dem alten Kloster ist ein Bijou. Was es mit dem Kloster auf sich hat, ist im Gemeindewappen - weisse Taube auf rotem Grund, die etwas im Schnabel trägt - verdichtet. Offenbar wollte sich der heilige Pirmin in der Gegend niederlassen. Als im Tal ein Waldarbeiter sich mit der Axt verletzte, nahm eine Taube einen blutigen Holzspan, lockte Pirmin hinauf nach Pfäfers und setzte sich demonstrativ auf einen Ast.
Im Sardona genehmige ich mir eine Käseschnitte. Dann nehme ich den dritten Abstieg in Angriff. Ich wähle den kleinen Umweg via Valur und gehe bald auf sicherem Strässlein hoch über dem vordersten Teil des Taminatobels – furchterregend, die Schlucht. Unten in Bad Ragaz bin ich geschafft. Und es wird nun so dunkel, dass ich zum Bahnhof fast renne. Kaum sitze ich im Zug, setzt der Regen mit Macht ein. Guter Föhn! Er hat genau die sechs Stunden gehalten, die diese grosse Wanderung wollte. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.06.2010, 08:55 Uhr
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