Lenin und die Wetterlatte
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 04.06.2009 2 Kommentare
Gut, ist der Sommer jetzt da. Man ist doch wieder bedürftig nach den grossen Bergwanderungen: nach jähen Fluhen, Kreuz-bestückten Gipfeln, weiten Alpen mit mäandrierenden Bächen. Apropos – man verzeihe mir diese Abschweifung gleich zu Beginn meiner Kolumne: Was das Mäandern angeht, ist mein Liebling die Plaun Segnas Sut am Segnespass zwischen Flims und Elm, eine Hochebene, deren Bach sich in unzählige Bächlein verzweigt – das ist Landschaftskunst! Dort hinauf will ich diesen Sommer wieder einmal.
Allerdings dauert es noch einen Monat, bis die 2627 Meter des Segnespasses gefahrlos zugänglich sind. Für diese Woche schlage ich ein tieferes Ziel vor. Einen Gipfel im Berner Oberland, der nur 2007 Meter hoch ist, aber doch ein montanes Szenario bietet: die Wetterlatte, die mit dem Gehrihorn – die eine links, das andere rechts – den Eingang zum Kiental bewacht.
Ich bestieg die Wetterlatte letztes Jahr um diese Zeit mit meinem alten Wanderfreund Peter. Am Bahnhof von Mülenen im Kandertal starteten wir. Witzig, wie all die Leute, die mit uns aus dem Zug gestiegen waren, der Talstation der Niesenbahn zustrebten, wohingegen allein wir auf die andere Seite, in den Ort hinein, hielten.
Die Wetterlatte konnten wir in Mülenen noch nicht ausmachen. Sie ist aus diesem Winkel kein dominanter Berg, und der Himmel war ein wenig dunstig. Ausgeschildert war sie vorerst auch nicht. Kein Problem, wer dem Wegweiser Richtung «Faltschen» folgt, kann nichts falsch machen.
Besagte Faltschen erwies sich als eine Streusiedlung auf einer Terrasse 200 Meter höher. Von hier aus hatten wir bereits viel Sicht. Wir blickten zum Beispiel weit nach Süden ins Kandertal, erfassten aber auch die markante Schneise der Niesenbahn an dem steilen Berghang gegenüber.
Nun wurde die Sache schnell abenteuerlich. Wir gerieten in einen tobelartigen Geländeschlitz. Bachnah führte uns der Pfad aufwärts durch ein Gewucher von Disteln, Sumpfblumen, Farnwedeln und schien sich dabei immer wieder zu verlieren. Wir hatten Mühe, ihn zu erkennen. Und der kalte Tau der Pflanzen nässte uns bis zu den Hüften.
Kurz unterhalb der Fulematti erreichten wir ein Alpsträsschen. Und kurz darauf die gleichnamige Alp. Und siehe da, ein Mensch! Der erste seit Mülenen! Eine junge Deutsche verkaufte uns Mineralwasser. Wir plauderten und erfuhren, dass sie ihren Job in Berlin aufgegeben habe und nun hier sozusagen Alp-Stagiaire oder auch Alp-Aupair spiele.
Zur Wetterlatte hinauf wurde die Umgebung allmählich felsig. Auf einem markanten Sattel trafen wir eine alte Dame. Es war die Mutter der Berlinerin, die zu Besuch weilte. Zusammen blickten wir hinab zur puppenstubenartig ausgebreiteten Alp, auf der ihre Tochter arbeitete.
Als wir endlich auf dem Gipfel anlangten, war das eine erhabene Sache, plötzlich sahen wir alle Berge aufs Mal, Niederhorn, Sulegg, Morgenberghorn, Dreispitz und Dutzende andere. Sahen dazu von unserer Ruhefläche auf den Thunersee. Wie handlich so ein Gewässer aus der Vogelperspektive stets wirkt.
Der Abstieg zur Alp Engel schien später leicht. Dann aber: wieder ein Urwald! Ich war froh, nicht allein zu sein. Zwar kann man in dem Steilwald nicht ernstlich abstürzen, aber wer sich den Fuss verstaucht, könnte liegen bleiben, die Wetterlatte wird nicht so oft begangen. Wir selber brachten die Sechseinhalb-Stunden-Route gut hinter uns, liefen müde in Kiental ein und verpflegten uns im hablichen Bären.
In ihm fand 1916 die Zweite Konferenz der Internationalen Sozialisten statt. Die Teilnehmer tarnten sich als Touristen. Doch garantiert waren Lenin und seinesgleichen viel zu sehr mit der Planung der Weltrevolution zu beschäftigt, um die Schönheit des Ortes und der Wetterlatte zu würdigen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.06.2009, 10:41 Uhr
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2 Kommentare
Recht erfreulich die vielen abwechslungsreichen Wandervorschläge von Thomas Widmer. Ist doch der Inhalt dieser Berichte eine der wenigen noch positiven Abwechslungen in der Tagespresse. Mögen uns noch unendlich viele solcher Vorschläge von Herr Widmer zum wandern verführen. Antworten
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