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Eine sehr dicke Eiche und ein Obstbaum-Rekord

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 11.12.2008

Auf dem Sonnenberg bei Rheinfelden wartet die mythenträchtige Grenze zwischen der Alten Eidgenossenschaft und dem Territorium der Habsburger.

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Schilderwald im Wald zwischen Rheinfelden Bahnhof und der A3.
Thomas Widmer

   

Route

Gehzeit 3 Stunden ohne den 30- Minuten-Abstecher vom Bahnhof Rheinfelden zum St.-Anna-Loch und retour.

6000 Kilometer zieht sich von Syrien bis Moçambique das Great Rift Valley. Das St.-Anna-Loch zu Rheinfelden ist im Vergleich ein Mini-Grabenbruch. Doch auch im St.-Anna-Loch stossen tektonische Platten aufeinander. Mitten im Rhein. Bevor ich via Sonnenberg nach Zeiningen wandere, spaziere ich durch die Altstadt zum Rhein, das Phänomen zu besichtigen.

Nun, viel ist nicht zu erkennen. Immerhin erahne ich vom Mittelsektor der Rheinbrücke aus das Loch flussabwärts, Wasserwirbel deuten die Verwerfung in der Tiefe an, 32 Meter fällt der Grund ab, rundum sind es nur gut 4. Das erzeugt böse Strudel. Eine Sage erklärt den Namen der Stelle: Als einst Hunnen anzogen, versenkten die Leute des Städtchens ihr Gold im Rhein. Die Hunnen erzürnte das sehr, sie ergriffen die Adelsdame Anna, warfen sie dem Gold nach. Anna ertrank.

Ob das so geschehen ist? Ich bezweifle es. Wer schmeisst schon seine Preziosen ins Wasser, wenn er sie im Wald vergraben kann? Und davon hat es um Rheinfelden wirklich reichlich. Nachdem der Exkurs zum Loch beendet ist und ich zurück am Bahnhof bin, nehme ich meine Fricktal-Wanderung in Angriff. 20 Minuten später tauche ich beim Schiffacker in dichten Forst ein. Ein Idyll ist das nicht, die A3 lärmt. Der Übergang über sie heisst nichtsdestotrotz poetisch «Rosshimmelbrücke», hier wurden früher tote Pferde begraben.

Danach gerate ich ins Waldreservat Sunneberg, ein Paradies für Freunde und Freundinnen der Eiche. Von diesem Baum, der laut Infotafel bis zu 1000 Jahre alt wird, dessen ältere Exemplare also das Mittelalter gesehen haben, sind im Reservat 925 Stück verzeichnet.

Bald darauf wandere ich an der Kantonsgrenze zwischen dem Aargau und Basel-Landschaft – doch um vorzugreifen: Oben auf dem Sonnenberg wartet eine mythenträchtigere Grenze, markiert von verwitterten Steinen. Es ist die zwischen der Alten Eidgenossenschaft und dem Territorium der Habsburger, deren Untertanen die Fricktaler bis zum Franzoseneinmarsch 1799 waren. So voller Geschichte und Geschichten ist diese Vorwinterwanderung. Imponieren mag auch, dass man von dem Plateau vor dem Sonnenberg die Gegend um Magden erblickt, die als obstbaumreichste Europas gilt. Das andere nahe Dörfchen muss man wegen seines Namens lieben, in dem ein Monatsname anklingt: Maisprach, da wird mir lind im Gemüt. Und wehmütig. Bis zum Mai dauert es noch viele Nebel- und Pflotschtage.

Der Sonnenberg auf 632 Metern ist Wanderhöhepunkt. Ein Aussichtsturm steht auf ihm, trutzig und wehrhaft wie eine Burg. Wäre Sonntag und nicht Mittwoch, so würde ich mir unten am Eingang einen Kaffee genehmigen, denn die Naturfreunde Möhlin wirten hier an Sonntagen, auch im Dezember. Und an manchen Fest- und Feiertagen stehe man ebenfalls im Einsatz, hat mir eine Frau von den Naturfreunden versichert, die ich anrief, um die Öffnungszeiten zu erfahren.

Der Turm ist inwendig ein riesiges Treppenhaus: Holzgeländer, abgewetzte Holzstufen. Oben blicke ich durch Glasscheiben 360 Grad in die Runde. Der Horizont ist leider verhangen. Was man sehen kann, entnehme ich dem Führer «Wandern im Aargau»: Gisli-, Wasser- und Geissflue. Titlis, Urirotstock, Eiger, Mönch und Jungfrau. Aber auch Schwarzwaldgipfel wie Belchen und Hohe Möhr.

Vom Sonnenberg hinab nach Zeiningen ist hernach ein schönes Auslaufen. Etwas Letztes muss ich berichten von dieser Wanderung. Vor dem erwähnten Waldreservat verweist ein Wegweiser auf eine «Stern-Eiche» fünf Minuten abseits der Route. Ich ging schauen. Es handelt sich, laut Schild, um Stern-Eiche Nummer sechs von deren neun, die den neun Sternen im Rheinfelder Stadtwappen entsprächen. Die Eiche habe auf Brusthöhe 527 Zentimeter Umfang. Und wie auch zu lesen steht, war sie 1989 der zweitdickste Baum im Aargau. So sind wir Schweizer. Wir kategorisieren, katalogisieren, verbuchhaltern alles.

Gehzeit 3 Stunden ohne den 30- Minuten-Abstecher vom Bahnhof Rheinfelden zum St.-Anna-Loch und retour. TA-Redaktor Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Wanderung in der Schweiz vor. Seine Bücher «Zu Fuss» und «Zu Fuss 2» sind im Echtzeit-Verlag erschienen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2008, 09:46 Uhr

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