Leben

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Eine schöne Art, neue Schuhe einzulaufen

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 24.09.2009 3 Kommentare

Mit dem erstbesten Zug stadtauswärts, spontan aussteigen und schauen, wo der Weg hinführt. Die Sihl an der Grenze von Zug und Zürich ist ein Fluss zum Verlieben.

1/11 sihlsprung 240809 004.jpg
Südostbahn bei Samstagern.
Thomas Widmer

   

Als ich eines sonnigen Morgens zum Wandern auszog, wusste ich nicht, wohin ich wollte. Einzig hatte ich die feste Absicht, meine neuen Trekkingschuhe einzulaufen. Gekauft hatte ich sie bei Bellmann, dem Orthopädietechniker meines Vertrauens in Zürich-Wiedikon. Zwecks Verfertigung von Einlagen suchte ich jenes Geschäft in kurzer Zeit viermal auf. Herr Ruckstuhl hiess der kompetente und nette Mann, der mir die Einlagen fertigte. Und eben – nebenbei kaufte ich bei meiner letzten Visite auch noch Schuhe. Nicht ganz billige, doch mokassinweiche Künzli.

Vom Laden schwebte ich, die neuen Schuhe an den Füssen, über die Strasse zum Bahnhof Wiedikon und nahm den erstbesten Zug stadtauswärts. Stieg in Wädenswil spontan um auf den Zug nach Einsiedeln. Stieg in Samstagern spontan aus. Einfach, weil ich da noch nie ausgestiegen bin.

Vor mir hatte ich den mächtigen Waldriegel des Höhronen. Immer noch planlos, hielt ich auf diesen zu. Und bald schon wurde ich überrascht: Da lag das Hüttnerseeli in seinem Riedgürtel. Es ist auch ein Badesee, der Kiosk war offen, ich trank einen Kaffee.

Oben in Hütten konsultierte ich die Wegweiser und wusste nun, was ich machen wollte: sihlabwärts wandern. Ich stieg auf der Strasse zum Fluss hinunter. Las dort mit Interesse eine Warntafel der SBB. Sie besagte: Die Sihl kann ihren Pegelstand momentan schnell verändern, man meide das Flussbett; in Zürich nämlich laufen die Bauarbeiten am neuen Durchgangsbahnhof Löwenstrasse, der unter der Sihl liegt; damit die Arbeiten nicht beeinträchtigt werden, hat man dort momentan den Sihldurchlass verschmälert; diese veränderte Wasserregulierung hat Auswirkungen bis weit hinauf.

So weit das Schild; gern gebe ich zu, dass ich seinen Inhalt nicht bis ins Letzte verstanden habe.

Danach genoss ich den Fluss. Musste ihn freilich bei der Finsterseebrugg für einige Zeit wieder verlassen. Die Sihl hat strichweise unzugänglich böse und tiefe Tobel ausgefressen. Beim Wasserkraftwerk Waldhalde hatte ich sie wieder. Weiter unten, am Suenersteg, wechselte ich auf das katholische, das Zuger Ufer. Es kam die zweite Überraschung: die Fischbeiz Sihlmatt. In der Küche werkten Weissmützen, draussen herrschte an den langen Tischen lockere Stimmung. Rentner jassten. Ich ass zwei gebratene Forellen. Die Mahlzeit war ein Geschenk.

Gleich danach die nächste Überraschung: ein Tunnel-Galerien-System. Zum Sihlsprung hin, 20 Minuten weiter flussabwärts, legt die Sihl wieder einmal jede Manierlichkeit ab. Sie durchzieht eine Engstelle, auch sind in ihr Bett Felsen gestürzt; beides macht sie wütend, sie springt und schäumt und rast. Besagte Tunnel und Galerien machen die Begehung des Erosionsgebiets möglich. Dieses ist eine abenteuerliche Sache: In den Tunneln muss man den Kopf einziehen, draussen auch, die überhängende Nagelfluh bedrängt und beklemmt einen.

Ich atmete auf, als ich diese Passage hinter mir hatte. Es folgte Überraschung vier: Ich fand mich inmitten herzig gerundeter Hügelchen. Der Wanderweg führt vor der Sennweid durch jene Drumlinlandschaft, für die das Gebiet um den Hirzel berühmt ist. Drumline sind Hügel von tropfenförmigem Grundriss. Gletscher haben sie einst geformt.

Muss man gesehen haben, diese reizenden Kuppen. Sie gefielen mir so sehr, dass ich hernach ohne jede Abscheu den Lärm von der stark befahrenen Hirzelstrasse hinnahm. Sihlbrugg-Dorf dann stellte sich als moderne Ödlandschaft der Driveins und Autohäuser heraus. An dieser Stelle, auf diese Weise wollte ich die Sihl nicht verlassen. Ich begleitete sie daher – das dauerte noch einmal fast eine Stunde – rechtsseitig bis zur Station Sihlbrugg. Dort nahm ich Abschied, mit Füssen, die nur leicht schmerzten.

Fazit: Hervorragend gegessen. Die schönen Schuhe eingelaufen. Mehrfach überrascht worden. Einen Fluss lieben gelernt.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2009, 09:15 Uhr

3

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

3 Kommentare

Walter Kunz

24.09.2009, 10:11 Uhr
Melden

Bitte weiter so. Kann ihnen, für ihre bewundernswerten Bemühungen, nur immer wieder von neuem gratulieren. Antworten


Werner Meier

24.09.2009, 10:51 Uhr
Melden

Wanderung (und auch der Artikel darüber) empfehlenswert. Gehen Sie nochmals, wenn die Blätter verfärben (und planen Sie die doppelte Zeit ein für Fotostopps) - nur nicht am Wochenende, wenn gestresste Biker unterwegs sind. Antworten



Leben

Populär auf Facebook Privatsphäre

Umfrage

Waren Sie schon mal in einem Pfingstlager?





Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.