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Die Partyjugendlichen und der Meltingerberg

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 21.01.2010

Der solothurnische Meltingerberg ist ein beliebtes Ausflugsziel für alle Jahreszeiten. Auf dem Weg dorthin gibt es die Ruine Gilgenberg, den ehemaligen Sitz der Solothurner Landvögte, zu bewundern.

1/12 Baggerballett bei Nunningen-Oberkirch.
Bild: Thomas Widmer

   

Stichworte

Die Wanderung

Route: Bushaltstelle Nunningen-Oberkirch – Ruine Gilgenberg – Chrüz – Meltingerberg – Horüti – Chäsel – Erschwil Post.

Dauer: drei Stunden.

Höhendifferenz: 300 Meter aufwärts, 500 abwärts.

Charakter: Strässchen und Waldwege, da viel begangen, auch im Winter machbar, meist sind die Pfade ausgetrampelt. Falls zuviel Schnee liegt, empfiehlt sich das Strässchen von Meltingen aus.

Höhepunkte: Die gewaltige Ruine. Die Wildheit des Solothurner Juras. Das dichte Stechlaub im Abstieg.

Einkehr: «Meltingerberg» (Mo, Di geschlossen).

Selten war ich ein derart obszöner Anblick wie am Freitag, dem ersten Januar, im Postauto 9.24 ab Laufen nach Nunningen. Diese demonstrative Frische! Diese Wandersmann-Aufgeräumtheit! Diese Kumpanei mit dem Chauffeur! Und all das beäugt von Jugendlichen, die offensichtlich die Nacht in Basel durchgefeiert hatten. Red Bull hin oder her hingen sie halbtot in den Sitzen, spürten den Kater kommen. Meine aggressiv rote Windjacke machte ihr Kopfweh nur schlimmer.

In Breitenbach zogen die Jugendlichen ab. Der Chauffeur, mit dem ich jetzt allein war, merkte an, so dichter Nebel sei in der Gegend rar. Und wo ich hinwolle? Auf den Meltingerberg, erwiderte ich. Dann müsse ich in Meltingen aussteigen, sagte er.

Ich beharrte aber auf der Haltestelle Nunningen, Oberkirch. Ich hatte es so auf www.wandersite.ch gelesen hatte, meiner bewährten Internet-Tippgeberin. Dort heisst es über die ganze Wanderung: «Der Meltingerberg mit seiner Bergwirtschaft ist ein beliebtes Ausflugsziel für alle Jahreszeiten. Im Winter wird die beschriebene Route von den Hundespaziergängern und Wanderern regelmässig begangen, so dass die Wege nach Schneefällen meist rasch wieder gespurt sind. Sie sind aber nicht speziell für Winterwanderer präpariert.»

Die Ruine Gilgenberg

Schnee lag an meinem Tag keiner. Schade, sehr schade, ich hätte mir Märchenweiss gewünscht. Ich ging von der Haltestelle zehn Meter vorwärts, bog rechts ein und gleich noch einmal rechts ein in den «Burgfeldweg». Das Strässchen führte in eine Senke und wieder aufwärts, wurde zum Feldweg, dann zum schmalen Pfad... und hupps, wie weiter? Ich hielt die Richtung, visierte ein Sägereigebäude unter mir an, erreichte einen Fahrweg; alles wieder gut. Ein Wanderweg führte links vom Bach den Hang hinauf.

Die Ruine Gilgenberg trat über mir aus dem Nebel. Ich ging hoch, trat ins dachlose Gemäuer. Gilgenberg, so eine Tafel, kommt von «Ilge» gleich «Lilie»; die Adelsleute führten zwei gekreuzte Lilienstäbe im Wappen. Die Festung wurde 1356 beim Basler Erdbeben schwer beschädigt. Man baute sie wieder auf, sie beherbergte danach Solothurner Landvögte.

Wald, Stechlaub, ein Schlängelpfad

Jetzt wurde es kurz gefährlich, denn ich nahm den abenteuerlichen Sommerweg, der zu Anfang kettengesichert war. Schlauer ist, weiss ich mittlerweile, wieder aufs Forststrässchen abzusteigen und via Chrüz auf den Meltingerberg zu halten. Ich schlug mich durch. Und war schliesslich oben. Und siehe da, die Sonne entfaltete alsbald eine diskrete Präsenz, ohne freilich die Wolken zu vertreiben. Leider war die Wirtschaft noch zu, die doch normalerweise anfangs Woche, an Montagen und Dienstagen, geschlossen ist. Neujahr eben, am Vorabend habe man gesilvestert, erklärte mir später der nette Wirt. Ich hatte ihn angerufen, um nach seinen Spezialitäten zu fragen. Käseschnitte, aber auch Fondue und Raclette, antwortete er, wobei er froh wäre, wenn grössere Wanderpartien sich anmeldeten.

Nun kam der Horüti-Grat: Wald, Stechlaub, ein Schlängelpfad. Und es kamen die Lichtung von Chäsel und der zweite Teil des Abstiegs: mal ging ich auf dem Strässchen, mal nahm ich eine der Abkürzungen, freilich war der Boden schlipfrig. Endlich war ich unten in Erschwil. Es gehört zur perfekten Dramaturgie der Wanderung, dass es erst zu nieseln begann, als ich im Bus zum Bahnhof Zwingen sass. Er fuhr via Breitenbach, und ich dachte, dass die Party-Jugendlichen nun wohl im Tiefschlaf lagen. Ich verspürte Bedauern mit ihnen: Ein Neujahrstag macht soviel mehr Spass, wenn man ihn nicht im Bett verbringt.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2010, 09:08 Uhr

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