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Die Maienfelder Furgga führt gar nicht nach Maienfeld

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 03.09.2009

Arosa vom Schiesshorn aus, das abweisende Welschtobel aus der Vogelsicht, der Alteiner Wasserfall: Die Wanderung in Arosa bekommt wie ein delikates, mehrgängiges Gourmetmenu.

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Hängebrücke bei der ARA Arosa mit dem Wanderkolumnisten.
Thomas Widmer

   

Die folgende Wanderung in Arosa ist, ins Gastronomische übersetzt, ein mehrgängiges Spitzenmenü. Den Abschluss bildet, comme il faut, ein tolles Dessert, der Alteiner Wasserfall nämlich – und wer nur das Dessert will, weil er auf mehr momentan keinen Appetit hat oder generell kein grosser Esser ist, warum auch nicht? Vom Bahnhof 150 Höhenmeter abwärts zur ARA, dann ins Welschtobel hinein, wieder gut 150 Höhenmeter aufwärts, et voilà, der Fall! Dieser wilde Zugangspfad, diese Enge des Einschnittes, dieses ungebärdige Brausen: Die zweistündige Wanderung zu diesem Punkt lohnt.

Nun aber zum ganzen Menü. Dessen Höhepunkt ist das Schiesshorn, einer der Hausberge Arosas, 2605 Meter hoch. Schon die Vorspeise ist schmackhaft: Wieder starten wir bei der ARA. Auf der Hängebrücke queren wir den Welschtobelbach und steigen dem Furggatobelbach entlang aufwärts. Vor uns haben wir nun die typischen Gipfel der Region: Sie sind, Schiesshorn inklusive, mehrheitlich grau und bröckeln vor sich hin. Mit quälender Langsamkeit erodierende Steinhaufen sind diese Berge.

Blick auf Welschtobel am schönsten

Als wir das Furggatobel hinter uns haben, geraten wir in weites Alpgelände. Eine Verzweigung kommt in Sicht. Geradeaus führt ein Weg über die Maienfelder Furgga nach – nein, natürlich nicht nach Maienfeld, sondern nach Davos Frauenkirch. Der Name des Überganges zeugt von der materiellen Not der Aroser in vergangenen Jahrhunderten. Erst der Tourismus brachte den Wohlstand nach Arosa. Zuvor mussten die Talleute Kuhrechte nach auswärts verpachten. Viele gingen an die Stadt Chur. Und die Furggalp ging an Maienfeld.

Wir biegen rechts ins Obersäss ab und gelangen so allmählich auf die Rückseite des Schiesshorns: Da ist er, unser Hauptgang. Ein Seelein auf dem nahezu ebenen Boden erfrischt das Auge, und gleich danach ist die Zeit für einen Trick gekommen. Weglos nämlich erreichen wir das Schiesshorn am schnellsten, auf der Direttissima. Viel falsch machen können wir dabei eigentlich nicht. Einfach nach dem Seelein beherzt rechts in den Hang einbiegen und aufwärts halten, und bald ist der Grat erobert, der zur höchsten Stelle leitet. Spätestens dort ist die Sicht umwerfend und fühlt man sich wie ein Vogel. Tief unten liegt Arosa in seinem Kessel, gegenüber protzt das Weisshorn, wir sehen aber auch das ganze Rätikon, die Bernina-Berge und so weiter und so fort.

Am allerschönsten aber ist der Blick auf das Welschtobel. Kilometerweit zieht es sich schnurgerade nach Südwesten, das Bachbett eine einzige Geschiebewüste, links und rechts gesäumt von rüden Geröllhalden; dort aber, wo sich nichts zu Tale wälzen will, hat sich ein kümmerlicher Bewuchs von Buschwerk und Mininadelbäumen gebildet.

Durcheinander der Kulturen

Nun, apropos Welschtobel, gleich noch einmal ein wenig Namenskunde: Wir haben es in dieser Gegend historisch betrachtet mit einem Durcheinander von Alemannisch und Rätoromanisch zu tun. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts siedelte sich in Arosa das deutschsprachige Pioniervolk der Walser an; sie stammten, wie der Name sagt, ursprünglich aus dem Wallis. Aus ihrer Sicht waren die Rätoromanen «Welsche». Daher der Name Welschtobel: Es führt zur Alp Ramoz und weiter über einen Pass ins definitiv romanische Albulatal.

Der Abstieg vom Schiesshorn ist nun einfach. Zur nahen Schiesshornfurgga führt ein steiler, doch guter und vor allem markierter Weg. Dem Alteinbach entlang nähern wir uns allmählich besagtem Welschtobel, und endlich ist da das Schild, das den Alteiner Wasserfall anzeigt. An sich ist der 20-minütige Abstecher zu diesem fakultativ – doch wer würde denn nach einem so opulenten Mahl auf das abrundende Dessert verzichten wollen?

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2009, 09:37 Uhr

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