Der Mann, der seine Fahne ass
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 19.03.2009 4 Kommentare
Die erste Wanderung nach meinem Bandscheibenvorfall (eine unangenehme Sache, die ich hier nicht ausführlicher darlegen mag) steht an. Aus zwei Gründen entscheide ich mich nach kurzer frühmorgendlicher Planung für die Zweieinhalbstunden-Route von Zofingen nach Uerkheim: Zum einen, eben, ist da der Rücken, dessen Wiedereingliederung in den Alltag ich nicht zu forsch angehen will; die gewählte Route ist eher leicht. Zum anderen liegt an diesem 8. März in höheren Lagen so viel Schnee, dass gröbere Touren ohnehin nicht in Frage kommen.
Wanderstart in Zofingen Bahnhof. Ich beginne mit einer Stadtbesichtigung. Weil es erst neun Uhr ist und Sonntag dazu, sehe ich kaum einen Menschen. Auch der Niklaus-Thut-Platz ist leer, abgesehen von Thut selber natürlich, der als Brunnenfigur das Stadtbanner in die Höhe streckt.
Eigentlich müsste er anders abgebildet sein: das Banner schluckend. Das nämlich war 1386 in der Schlacht von Sempach seine Leistung: Alt-Schultheiss Thut, der mit seiner Zofinger Fraktion auf der habsburgischen Seite kämpfte, verspeiste, als der Sieg der Eidgenossen sich abzeichnete, in aller Hast besagtes Banner und rettete es so davor, in Feindeshand zu geraten. Kurz darauf war er tot. Drei Tage später schnitten sie ihm zu Hause das Banner aus dem Magen.
Aha, auch eine beherzte Essleistung kann unsterblich machen, denke ich, während ich den Platz umrunde, dessen früherer, bis Ende 19. Jahrhundert bestehender Name Gerechtigkeitsplatz mir letztlich besser gefällt. Auffallend prächtig präsentiert sich das «Neuhaus», das 1770 für einen hablichen Kaufmann errichtet und später zur Bankniederlassung wurde; tatsächlich prangt da das Emblem der UBS - und nein, es folgt jetzt kein UBS-Bashing, wie es derzeit so beliebt ist. Für populistische Rituale hat meine Kolumne zu viel Niveau.
Den Wegweisern Richtung Schöftland folgend, verlasse ich Zofingen, das in seiner altehrwürdigen Gestalt die Gegenwart souverän in Schach hält, auf der Strasse Richtung Bottenwil. Nach einem Kilometer auf Hartbelag ist der Wald erreicht, nun beginnt der Pfad zu steigen, gut 200 Höhenmeter sind zu bewältigen. Der Schnee ist mal 5, mal 40 Zentimeter hoch, und ich gerate beim Stapfen schnell ins Schwitzen; wenigstens hat streckenweise ein früherer Fussgänger vorgespurt. Bald komme ich zu einer markanten Stechpalme. Ganz in der Nähe steht ein Holzrahmen auf einem Gerüst; blickt man hindurch, sieht man - nun, was schon: Bäume.
Es handelt sich um eine Station der Aktion «Kunstraum Wald». Lächerlich. Ich weiss nicht, wie viele Male ich diesen Gag schon gesehen habe: Irgendein Künstler stellt irgendwo einen Bilderrahmen ins Gelände und findet es wahnsinnig subtil, wie er mit diesem Kniff Passanten auf die - allen Gemälden überlegene - Schönheit der Natur aufmerksam macht. Wer so etwas heute noch veranstaltet, gehört zehn Jahre für alle Kunstförderbeiträge und -stipendien gesperrt.
Der Rest der Wanderung, also ihr Hauptteil, ist nun schnell abgehandelt: Ich durchquere Wald, Wald, Wald. Ich bin dabei allein, und es waltet Stille, wenn man davon absieht, dass eine Zeitlang von Zofingen her noch die Kirchenglocken mich begleitet haben. Oben am Munihubel treffe ich zweimal auf die Autostrasse nach Bottenwil respektive Uerkheim, doch nur kurz bin ich ihr ausgesetzt. Womit wir schon das Fazit formulieren dürfen: Der menschenreiche Aargau kann sehr einsam sein.
Endlich steige ich ab ins Tal der Uerke. Uerkheim ist hübsch, aber recht verzettelt. Die reformierte Kirche rettet den Ort, indem sie es kraft ihrer Stellung auf einem Sandsteinsporn schafft, ihm ein Zentrum zu geben. Sie ist romanischen Ursprungs und wurde 1520 umgestaltet. So eine schöne Kirche sieht man nicht alle Tage, finde ich an dieser Stelle. Im Übrigen verspüre ich gleichzeitig Dankbarkeit, dass mein Rücken die ganze Route über lieb zu mir war. Die Wandersaison 2009 scheint hiermit gerettet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.03.2009, 08:22 Uhr
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4 Kommentare
Ich finde Ihre Berichte toll. Jetzt wo ich die neue Wandersaison vorbereite, eine echte Fundgrube. Genial finde ich die Wanderkarten, mit den wichtigsten Angaben zur Wanderung, wie Wanderzeit und Höhenmeter auf und ab etc.. Schade, dass sie bei den älteren Wanderungen von Oktober bis .. noch fehlen. Einiges kann man dem Text entnehmen. Ich freue mich auf mehr. Möge die Bandscheibe zurückfinden! Antworten
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