Der Höllenhund von Walchwil
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 30.04.2009 1 Kommentar
Früher, als ich noch Literaturkritiker war, gingen mir täglich Romane zu mit der Bitte um Besprechung. Heute, als Wanderkolumnist, bekomme ich Wanderbücher und Ähnliches – jetzt weiss ich nicht recht, wird von mir erwartet, dass ich die Swisstopo-Wanderkarten «Baden» und «Val Verzasca», die ich kürzlich erhielt, rezensiere? Soll ich von lyrischen Hügelkoloraturen, souveräner Höhenlinienführung, beeindruckendem ästhetischen Naturalismus schwärmen?
Nun, belassen wir es bei dem Hinweis, dass die zwei Kartenblätter des Massstabs 1:50'000 jetzt also in überarbeiteter Form, doch altgewohnter Qualität vorliegen.
Kürzlich wanderte ich von Walchwil am Zugersee auf den Zugerberg. Das dauerte bloss drei Stunden, war im ersten Teil aber schweisstreibend. Man ist nach dem langen Winter noch nicht so richtig in Form, exakt der Vorzug dieser Route mit ihren gut 550 Höhenmetern aufwärts ist es, dass sie hilft, dass man wieder fit wird. Der Weg führte mich vom Bahnhof – in der nahen Kirche war gerade Erstkommunion – durch ein gediegenes Viertel. Walchwil, in dem übrigens Hans Hürlimann, der CVP-Bundesrat, geboren wurde, ist ein Ort der Neureichen geworden. Nebenan liegt die Finanzebene von Zug, und am See gibt es herrliche Wohnlagen.
Kurz vor der Ausseregg, am oberen Dorfrand, hatte ich ein Erlebnis der dritten Art. Linkerhand, ganz nah, heulte ein Hund. Durchdringend, ohne Unterlass, gemütsaufwühlend, unheimlich wie der «Hound of the Baskervilles» im gleichnamigen Sherlock-Holmes-Roman von Sir Arthur Conan Doyle. Zu meinen Hochmoorfantasien passte, dass Dunstfetzen waberten; nicht einmal die Rigi sah ich. Mir war und ist nun nicht klar, ob der Walchwiler Infernohund permanent so laut heult oder nur, als ich in Hörweite war; jedenfalls wäre es im ersten Fall unerträglich, in der Nachbarschaft wohnen zu müssen.
Danach wurde alles einförmige Natur; über die nächsten anderthalb Stunden, die mich via Geisswald und Herrenwald auf den Walchwilerberg führten, ist gar nicht so viel zu sagen. Steil wars. Anstrengend. Urwaldartig. Meditativ. Der Weg mit dickem Laub und mit Geröll bepackt, von Findlingen gesäumt und von Buchen, dazu rundum Moos und Stechlaub und Fallholz. Unter mir hätte ich ab und zu den See gesehen, doch der Dunst vereitelte dies weitgehend.
Schliesslich der Walchwilerberg, der mit einem Damwildgehege begann. Auf dem Hirschenhof von Untersüren lebt eine Gruppe von Leuten hippie-blüemli-bhagwan-new-age-mässig. Wenigstens sehen die Fotos auf ihrer Homepage so aus. Man feiert Jahreskreisfeste, macht und lebt Kunst, bauert bio. Und man wirtet. Sehr schön, das improvisierte Hirsche-Beizli. Würste, Sirup et cetera kann man auch kaufen, ich schätzte das.
Auf dem Rest der Route geriet ich zuerst – am Horizont begann sich der Rossberg zu zeigen – zum Früebüel. Dann hielt ich hinüber zum Ewegstafel. Allein war ich nicht mehr, denn auf dem breiten Rücken des Zugerbergs, den man per Standseilbahn von der Talstation Schönegg bei Zug erreicht, ist immer Volk unterwegs. Sonntags sowieso. Also teilte ich das schlüsselblumenübersäte Feuchtgebiet Eigenried mit anderen. Es erinnerte mich in seiner Kargheit an die schottischen Highlands.
Nachdem ich das Institut Montana passiert hatte, eine international ausgerichtete Privatschule, langte ich bei der Bergstation der Standseilbahn an. Der nahe «Vordergeissboden» wäre die erste Essadresse auf dem Berg, doch diesmal erwählte ich mir das Restaurant gleich bei der Bahn. Bestellte Rahmschnitzel mit Nüdeli. Und erlebte von meinem Terrassenplatz aus, wie die Atmosphäre endgültig aufklarte. Es zeigten sich unter mir der Zugersee und Zug.
Das war ein erhabener Anblick. Gut, ist er mir zuteil geworden. Vielleicht wäre mir von dieser Wanderung sonst zuvorderst das horrible Hundeheulen geblieben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.04.2009, 10:07 Uhr
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