Böse, bröckelnde, glitschige, schöne Beichlen
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 01.10.2009
Stefan und ich begegneten während unserer Beichlen-Unternehmung keinem Menschen, abgesehen vom Anfang und Ende in Escholzmatt. Schade. Die Leute des Entlebuchs stehen im Ruf, besonders originelle Wesen zu sein. Nehmen wir zum Zeugen Franz Joseph Stalder, 1757 bis 1833, Pfarrer zu Escholzmatt und Dialektforscher, der dem Homo Entlebuchensis so manche Zeile widmete. Als «Mittelgeschöpf zwischen Mann und Kind» schildert er ihn: «Er vertändelt sein bisschen Geld mit Wein und Mädchen, arbeitet wieder wacker drauflos, und ihm schlägt freudig das Herz, wenn sein in Monatsfrist errungener Lohn für einen einzigen Fasnachtstag wieder erkleckt.»
Dass wir nicht das Vergnügen hatten, eine solche Frohnatur zu treffen, ist freilich leicht zu erklären. Die Beichlen, ein kilometerlanger Nagelfluhkamm, bringt es zwar nur auf 1770 Meter Höhe. Aber wild ist sie, will einen körperlichen Effort und ein Mass an Achtsamkeit, wie ihn in der Regel nur alpine Gipfel fordern. Und daher streben die Massen von Äschlismatt aus, wie die Einheimischen ihr Escholzmatt nennen, anderen Zielen zu. Und daher gibt es zur Beichlen hinauf keine Wirtschaft. Und daher waren ich und Stefan, einst mein Redaktionskollege in Bern, allein unterwegs.
Aber schön war die Wanderung dann doch, bei aller Anstrengung. Vom Bahnhof Escholzmatt aus gingen wir kurz vorwärts, Richtung Bern. Überquerten das Geleise. Und hatten unser Ziel voll im Visier; die zackige Militanz dieser Krete kann den nicht wirklich entschlossenen Wanderer abschrecken. Bald landeten wir im Wald, und das blieb die meiste Zeit des Aufstiegs so. Immerhin gingen wir zwischendurch auch über Wiesen, umkurvten einige verdatterte Ziegen. Toll der Blick, den wir uns dabei eroberten; ein Gutteil des Entlebuchs lag uns schnell einmal zu Füssen.
Via Chuchimoos gelangten wir zum Schafberg und zur Schlüsselpassage: hohe Tritte im Feuchtwald, dann gar einige kurze Seile an der Nagelfluhwand dort, wo der Pfad durch Rutschstellen führt. Und schliesslich, nach drei Stunden harter Geharbeit, waren wir oben. Unbehindert kann das Auge von hier aus über die Landschaft schweifen. Wanderautor Fredy Joss, der die Beichlen vor wenigen Jahren in den Band «Berner Hausberge» aufgenommen hat, wertet, was man sieht, so: «Das 360-Grad-Panorama von den Berner Hochalpen über Titlis und Pilatus zum Napf und dem dahinter schimmernden Schwarzwald wie auch in die umliegenden Täler und Voralpen lässt nichts zu wünschen übrig.»
Wir rasteten beim Kreuz, assen, genossen den Moment. Wir merkten allerdings bald, dass wir gar nicht ganz auf dem Gipfel waren. Das Beichlenkreuz steht am markantesten Punkt. Doch zehn Gehminuten entfernt erreicht man einige Meter mehr Höhe. Wir wechselten. Und ich formulierte mir mein nächstes Wunschziel, da ich es nun unmittelbar vor mir hatte: Die Schrattenfluh, diese Kalkwüste in Bergform – sie muss endlich fallen!
Nach einem entspannten Kilometer am Grat erwartete uns des Abenteuers zweiter Teil: steil, sehr steil ging es abwärts. Erst bei der Zigerhütte, in Zivilisationsnähe, konnten wir die Vorsicht gegen den Stolz tauschen, diese böse, bröckelnde, glitschige, schöne Beichlen gemeistert zu haben. Zuvor hatten wir im Herbrigwald noch eine Gämse gesehen, die wohl nicht mit Menschen rechnete. In Halbdistanz verharrte sie und beäugte uns sekundenlang interessiert, bevor sie floh.
Letztlich sind wir also doch einem einheimischen Geschöpf begegnet.
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.10.2009, 11:00 Uhr
Kommentar schreiben
Leben
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.





