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Betörende Kräuter, berauschende Bahnbauten

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 11.06.2009 2 Kommentare

Die Lötschberg-Südrampe fasziniert mit ihrem Gegeneinander von Natur und Technik. Die Highlights: Die zwei Brücken. Die Suonen. Und dieser Fels.

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Start in Hohtenn.
Thomas Widmer

   

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Buch

Hans-Peter Bärtschi, «Bahnwanderweg Lötschberg. In zehn Etappen von Frutigen nach Brig». Rotpunktverlag.

Vor der Station Hohtenn drücke ich den Halteknopf. Der Zug stoppt. Ich steige aus und stehe im Niemandsland. Dies war einst ein belebter Bahnhof. Mittlerweile ist er unbedient; weitab vom Dorf gelegen, döst er in der Mittagshitze.

Der Wartesaal ist offen, das WC auch, Papier und Seife im Seifenspender sind vorhanden. So zuverlässig ist die Schweiz. Ich stelle mich an die Brüstung. Tief unter mir strömt die Rhone.

Dass ich jetzt hier stehe, an der Südrampe der alten, 1913 eröffneten Lötschberg-Linie, hat mit einem Buch zu tun, das mir letzten Herbst zuging: dem kundig und süffig geschriebenen Führer «Bahnwanderweg Lötschberg», der da gerade erschienen war. Ich las und wäre am liebsten gleich losgezogen. Doch es kamen andere Projekte, und es kam der Schnee. Ich musste warten.

Doch nun ist Sommer, und ich habe Zeit, und also bin ich nach Hohtenn gefahren, um jene Etappe auf der Wallis-Seite des Lötschbergs zu begehen, die mir das Buch als speziell interessant empfiehlt: von Hohtenn nach Ausserberg. Dreieinhalb Stunden später, in Ausserberg, habe ich in der Tat Interessantes zuhauf gesehen. Der Clou des Themenweges liegt im Neben-, Mit-, Gegeneinander von Natur und Technik. Drei Dinge gefallen mir besonders:

1. Die zwei Brücken. Drei von links herandrängende tiefe Taleinschnitte im Gelände sind zu meistern. Beim mittleren gibt es keine Brücke, zum Jolibach muss ich absteigen, muss dann wieder aufsteigen, ein schlau angelegter Pfad macht es möglich. Zuvor habe ich das sogenannte Luogelkinn hinter mich gebracht: Hier steht ein fünfbogiger, kühn geschwungener Steinbogenviadukt. Für Fussgänger ist auf ihm aber kein Platz, der Pfad folgt der Höhenlinie am Hang. Das hat den Vorteil, dass ich den Viadukt aus perfektem Abstand fotografieren kann. Last, but not least ist da das Bietschtal, das 78 Meter über Grund von einem wilden Stahlding überspannt wird. Den Wanderern zugedacht ist der Gitterrost direkt neben der Trasse. Es ist auf ihm ein gruseliges Gehen, ich marschiere zügig.

2. Die Suonen. Es gibt nichts Erfrischenderes, als in einer solchen Trockenzone – übrigens ist an der Südrampe Feuermachen verboten! – einer Suone entlangzulaufen. Suonen sind eine Walliser Spezialität: ins Mittelalter zurückreichende Kanäle zur Feinverteilung des Wassers. In der zweiten Hälfte der Wanderung habe ich das Vergnügen einer solchen Offenleitung, werde selber ganz sprudelig neben ihr, komme fast ins Rennen angesichts des Reissens und Schnellens zur Linken.

3. Der Fels. Unglaublich, diese Spalten, diese Zerrissenheit und Gebrochenheit, dieses Sichauftürmen und Ragen von Dogger, Malm, Granit. Anderseits offenbaren sich Wände, elegant geschmirgelt wie der Bauch eines blaugrauen Riesenfisches. Vollends klein werde ich, als ich nach der Rast im «Chrüter-Beizli Rarnerchumma» ins Bietschtal einbiege: Hier regiert der Stein als ehrfurchtgebietender Souverän.

Noch viel mehr bietet diese Südrampen-Etappe: Alte Tunnels der Dienstbahn, die das Baumaterial herbeitrug. Sonnenversengte Stadel. Immer neue Panoramen auf die Berge gegenüber und die Rhone-Ebene. Düfte von Heu, Alpenkräutern, Baumharzen, die sich mit Grillengezirpe zu einer berauschenden Mixtur mengen, ins Hirn steigen und das Glückszentrum stimulieren. Am Schluss, als ich im Restaurant Bahnhof zu Ausserberg auf der Terrasse wieder zu mir komme, denke ich, dass die Leute, die dieses Bahnwerk vor 100 Jahren schufen, Genies und Helden waren. Und dass der 2007 eröffnete Basistunnel, der den Lötschberg in viel tieferer Lage unterquert und die Alpen ausblendet, ein humorloser Abklatsch ist. Eine elende Röhre. Wahrhafte Grösse eignet der alten Linie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2009, 10:45 Uhr

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2 Kommentare

Walter Kunz

11.06.2009, 10:30 Uhr
Melden

Gratuliere, ein weiterer ausgezeichneter Wandervorschlag. Bitte weiter so. Antworten


Christine Taylor

11.06.2009, 16:11 Uhr
Melden

Vielen Dank für die interessante Wanderroute. Wenn ich nächstes Mal in die Schweiz komme, werde ich mich auch auf den Marsch machen. Antworten



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