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Auf dem Geissberg leben Gemsen

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 02.04.2009 7 Kommentare

Villigen ist eine kraftvolle Gegend: Hier fliessen Limmat und Reuss in die Aare; das AKW Beznau und das Paul-Scherrer-Institut liegen in der Nähe. Doch die Aargauer sind lieb.

1/13 Geissberg 210309 004.JPG
Wegweiser bei der Post Villigen am Fuss des Bessersteins.
Thomas Widmer

   

Die Bise bläst mich fast vom Geissberg. So heisst der Vier-Kilometer-Höhenzug, der sich von Villigen gegen Westen erstreckt. Man muss über diesen Geissberg zwei Dinge wissen. Erstens verleiht er einer ganzen Aargauer Weinbauregion den Namen. Und zweitens leben auf ihm Gemsen. Vor 50 Jahren wurden sie aus dem Berner Kiental geholt und ausgesetzt. Mittlerweile sind sie so heimisch in ihrem Habitat, dass man sie kaum je sieht; mir wenigstens geht es bei meiner Wanderung so.

Start ist in Villigen. Hier habe ich den Geissberg direkt vor Augen samt seinem markanten Ostpunkt, dem Besserstein. Zu ihm, erkennbar an der Schweizer Fahne, will ich als erstes. Der Weg, ab der Post signalisiert, führt am Rand der Wohnzone entlang, dann durch Rebenfelder, dann in den Wald. Der Schlussanstieg ist happig, der Pfad schmal und mit einem Geländer gesichert. Oben erwarten mich zweierlei Befestigungen. Zum einen Weltkriegsbunker. Und zum anderen die Mauerruinen der Burg Besserstein.

Was für ein Adlerhorst! Ich stehe über dem Wasserschloss der Schweiz, dem Ort, wo Limmat und Reuss sich der Aare ergeben, die weiter nördlich im Rhein aufgeht. Das ist eine kraftvolle Gegend - und eine der Energiegewinnung: Ganz in der Nähe liegt das AKW Beznau. Das riesige ringförmige, UFO-artige Flachgebäude wiederum ist die Synchrotron-Lichtquelle des Paul-Scherrer-Instituts der ETH.

Nun wandere ich auf dem Kamm des Geissbergs. Der Eiswind geht durch Mark und Bein. Nächstes Ziel ist der eine Stunde entfernte Chamerenfels. Nach gut der Hälfte gerate ich auf eine Gerade, die zur Rechten durch einen Damm begrenzt ist. Keine Ahnung, was dahinter liegt. Weiter vorne führt ein Treppchen zu einer Aussichtskanzel auf dem Damm. Ich steige hinauf - oh: Unter mir erstreckt sich ein monumentaler Steinbruch. Ein Schild informiert: Die Holcim, Global Player im Zementwesen, baut im Gabenchopf seit 1954 Mergel und Kalkstein ab. Und wer nun nörgelt, dass so etwas die Landschaft ruiniere, dem sei entgegnet: Der Baustoff von hier, rund 920'000 Tonnen pro Jahr, geht ins ganze Mittelland. Wer weiss, vielleicht wohnt just der Nörgler in einem Haus, erbaut aus den Gaben des Gabenchopfs.

Vorne beim Chamerenfels, 200 Meter nach der gigantischen Antenne, bricht der Geissberg abrupt ab. Von der Terrasse sehe ich auf eine Hügel-Wald-Landschaft, einsam wie in Kanada. Am Geländer steht eine Frau, die ihr Baby im Tragrucksack dabei hat. Sie erzählt mir, sie sei Lehrerin und rekognosziere für einen Schulausflug.

An Stechlaubpalmen vorbei steige ich ab zum Bürersteig, der Passhöhe zwischen Gansingen und Remigen respektive, weiter gefasst, den Talebenen des Rheins und der Aare. Hier könnte ich aufhören. Der Bus kommt aber noch lange nicht. Der Landstrasse entlang tipple ich nach Büren. In Unterbüren steht ein Wartehäuschen. Ein tauglicher Windschutz. Ich studiere erneut den Fahrplan und beschliesse, nicht Richtung Brugg zu fahren, sondern nach Laufenburg, das ich noch nicht kenne. Und nun passiert es: Der Bus kommt von oben, ich stelle mich, zugegeben auf der falschen Strassenseite, hin und winke. Der Bus braust vorbei.

Was habe ich falsch gemacht? Auf der anderen Seite ist keine Haltestelle eingezeichnet, anders als oben im Bürersteig, wo es auf beiden Seiten Stops gab. Im zeternden Selbstgespräch ziehe ich weiter bis ins Dorf Gansingen. Dort stellt die «Landhus»-Wirtin Samstagmittag um eins das «Heute Ruhetag»-Schild auf. Doch weil die Aargauer lieb sind, erlaubt sie mir doch noch die Einkehr. Ich trinke einen Kaffee und werde wieder warm. Später kaufe ich mir im Volg einen Geissberg-Wein namens «Regent» von Hartmanns aus dem Nachbardorf Wil. Und ich freue mich bereits auf meine Wohnung, deren höllische Bodenheizung eine gesteigerte Behaglichkeit garantiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2009, 11:57 Uhr

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7 Kommentare

Marietta Seiler

02.04.2009, 08:51 Uhr
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Ein wirklich toller Reisebericht! Obwohl ich mittlerweile in der Region wohne, habe ich diese "Sehenswürdigkeiten" noch nie besucht...natürlich habe ich mir das nach diesem Reisebericht nun fest vorgenommen..;) Antworten


Anita Jenni

02.04.2009, 09:22 Uhr
Melden

...und in der Nähe das AKW Beznau, energievoll, kraftvoll, schon fast spirituell. Nimmt mich wunder, wie spirituell die Insekten noch sind, welche durch die Emmissionen des Kernkraftwerkes schlimmste Fehlbildungen aufweisen. Dies ist von Cornelia Hesse-Honegger durch jahrelange Studien am Bsp. der Wanzen belegt. Ich wandere lieber woanders, schade. Antworten



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