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Alterssitz auf dem Bauernhof

Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 04.05.2009

Das Modell «Betreutes Wohnen in Familien» der Ökonomischen und Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Bern ermöglicht Exbauern ein Weiterleben auf dem Land.

Generationenidyll auf dem Land. Der ehemalige Bauer Paul Wälti, 75, lebt seit vier Jahren in Schmiedshub und versteht sich prima mit seiner «neuen» Familie.

Hans Wüthrich

Schlüsselblumen und Osterglocken blühen um die Wette. Der Blick fällt auf sanfte Hügel und ein paar einzelne Höfe in der Ferne. Hier, in Schmiedshub, zwischen Lützelflüh und Hasle-Rüegsau gelegen, das auch Büllerbü heissen könnte, scheint die Welt in Ordnung.

Dazu passt, dass am Gartentisch drei Generationen fröhlich vereint sind. Der Jüngste, Sacha, ist gerade einmal zehn Tage alt, während der Älteste, Paul Wälti, bald seinen 76.Geburtstag feiert.

Adoptierter Opa

Doch Wälti ist nicht der Grossvater des Babys und der zweieinhalbjährigen Yana. Er verbringt seit 2005 auf dem Bauernhof von Christian und Vreni Röthlisberger, den Grosseltern der Kinder, lediglich seinen Ruhestand. Wie Wälti fühlt sich das Gros der älteren Menschen in der Schweiz ihrer ursprünglichen Wohngegend verbunden. Das ergab der gerade erschienene «Age Report 2009: Einblicke und Ausblicke zum Wohnen im Alter», für den 1248 hier zu Lande lebende Personen ab 60 Jahren befragt wurden. Und je stärker man sich mit Haus oder Wohnung verbunden fühlt, umso geringer ist die Bereitschaft, woandershin zu zügeln. Für Paul Wälti waren es nur ein paar Kilometer, die er zurücklegen musste. Der Hof der Röthlisbergers liegt nur zwei Hügel entfernt von seiner ehemaligen Landwirtschaft, die er zusammen mit seinem Bruder betrieb.

Auch wenn sie die Welt bereisen und offener sind als ihre Eltern, bleiben die Wohnformen der heutigen Älteren traditionell. Die Wohnung, so der «Age-Report 2009», soll der ruhige, gemütliche Rückzugsort sein. Neuen Alterswohnformen wird dagegen eine deutliche Absage erteilt. Bei der Umfrage sprachen sich 71 Prozent gegen eine Hausgemeinschaft und immerhin noch 58 Prozent gegen eine sogenannte Altersresidenz aus. Auch für Wälti waren sie nie ein Thema. Er entschied sich für das Modell «Betreutes Wohnen auf dem Bauernhof». Eine Option, die die Ökonomische und Gemeinnützige Gesellschaft (OGG) des Kantons Bern seit 1998 mit Erfolg anbietet. Derzeit können rund 100 Bauernfamilien interessierte Ruheständler aufnehmen.

Auf dem Land alt werden

«Es ist ganz klar ein Nischenangebot, das hauptsächlich von Pensionären angenommen wird, die aus einem landwirtschaftlichen Umfeld kommen», beobachtet Charlotte Papritz von der OGG.

Als seine Neffen seinen früheren Hof übernahmen, war es für den ledigen Wälti Zeit, einen Altersruhesitz zu suchen. Über die Seniorenstiftung Pro Senectute erfuhr er vom Angebot der OGG, während Vreni Röthlisberger bei einer Veranstaltung der SVP auf eine neue Idee gebracht wurde. «Die Kinder waren längst aus dem Haus und unsere Eltern lebten leider nicht mehr. Ich hatte aber Lust, mich neben der täglichen Arbeit noch um jemanden zu kümmern», sagt die sympathische Landwirtin mit der frechen Kurzhaarfrisur. Ausserdem gab es im Stöckli noch das leer stehende Studio.

Allerdings muss bei Familien, die gerne jemanden aufnehmen möchten, das soziale Engagement an erster Stelle stehen. In Frage kommt nur, wer eine Bewilligung für die Betreuung von Personen in privaten Haushalten gemäss der kantonalen Heimverordnung vorweisen kann. «Sobald sich jemand meldet, besuchen wir die jeweilige Familie und sehen uns Leute und Räumlichkeiten genau an», sagt Papritz. Paul Wälti kam im Dezember 2004 zu einem ersten Besuch zu den Röthlisbergers und zog bereits Mitte Januar 2005 in das Studio ein. «Es passte einfach von Anfang an», meinen er und Röthlisberger einstimmig.

Sollte das Zusammenleben doch nicht funktionieren, suchen die OGG-Mitarbeiter einen neuen Platz. Doch das Auswahlsystem hat sich bewährt. Fälle von Zerwürfnissen zwischen Gastgebern und den Betreuten gab es bislang nicht. «Manchmal bleiben die Pensionäre sogar bis zum Tod in der Familie», erklärt Papritz nicht ohne Stolz.

Gewinn für beide Seiten

Das bislang schweizweit einzigartige Modell «Betreutes Wohnen in Familien auf dem Bauernhof» bietet eine Win-win-Situation für beide Seiten. Den Frauen in den aufnehmenden Familien – sie sind es hauptsächlich, die sich um die Pensionäre kümmern– winkt mit einer Minimumentlöhnung von 73 Franken pro Tag ein netter Nebenverdienst. So manche jüngere Bäuerin, die sonst zusätzlich in der Stadt einem Job nachgehen müsste, kann auf diese Weise zu Hause bei den Kindern bleiben. Und die alten Leute werden nicht aus dem gewohnten Umfeld gerissen. Sie haben ihr eigenes kleines Reich und Zugang zu den Gemeinschaftsräumen der Familie, werden bekocht und bekommen die Wäsche gemacht. «Natürlich werden sie auf Feiern in der Verwandtschaft miteingeladen und in die Dorfgemeinschaft integriert», sagt Papritz. Und für Vreni Röthlisberger ist es keine Frage, dass sie nach Paul Wälti sieht, sollte er einmal krank sein. Mancher Hausarzt staune, so Charlotte Papritz, wie die Einbettung in eine neue Familie die alten Leute auch gesundheitlich wieder aufleben lässt. Wird ein Pensionär auf Dauer pflegebedürftig, erwartet man von den Gastgebern nicht, diese Aufgabe zu übernehmen. «Da wird mit der Spitex zusammengearbeitet oder der Schritt ins Pflegeheim überlegt», sagt Papritz.

Entspanntes Hofleben

Ruheständler, die sich noch nützlich machen möchten, können das gerne tun. Doch Wältis Händen sieht man an, dass er in seinem Leben genug gearbeitet hat. Er geniesst lieber den Ruhestand. Ein paar Mal in der Woche fährt der rüstige Rentner im eigenen Auto zum Jassen und engagiert sich im Chor. Oder er sieht einfach der Natur beim Wachsen zu. Von seinem eigenen Balkon, der zum kleinen Studio gehört. Und Vreni Röthlisberger, die mit ihrer Familie eher zurückgezogen lebt, gefällt, dass er stets Neuigkeiten aus dem Dorf mitbringt. «Er hält uns auf dem Laufenden. Ausserdem versteht er sich sehr gut mit den Enkelkindern», meint sie. Für sie wäre er längst wie ein zweiter Grossvater. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.05.2009, 09:41 Uhr

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