Leben
Tanz der Drachenbändiger
Von Mathias Born. Aktualisiert am 25.08.2008
Zur Spritzfahrt reichts nicht: Nach dem erste Kurstag bleibt der Drachen etwas oben.
Info-Box
Kite surfen: Infos zu Kursen von Swiss-Kites bei Eric Fehrenbach, Tel. 0765832223, www.swiss-kites.com. Weitere Anbieter auf der Website des Verbands Schweizer Kitesailer: www.kitesailingworld.ch.
Schau, wie sie übers Wasser brettern! Diese waghalsigen Sprünge! Diese rasanten Manöver! Wer sich auf Videoplattformen im Internet Kitesurfing-Filmchen zu Gemüte führt, kommt aus dem Staunen kaum noch heraus. Das spektakuläre Spiel mit Wind und Wasser fasziniert. Das eine oder andere Video mit brutalen Stürzen oder allzu hohen Sprüngen lässt einen aber auch erschaudern. Und beim Surfen durch die gesammelten Missgeschicke fragt man sich: Soll man sich wirklich ans Kiten wagen?
Bei wenig Wind am Lac des Taillères gleich hinter La Brévine im Neuenburger Jura: Eric Fehrenbach wartet alleine auf dem Parkplatz. Heute gebe es Einzelunterricht, sagt der Instruktor von Swiss-Kites. Die Teilnehmerin, die gestern mit ihrem Partner den ersten Kursteil absolviert hat, habe wegen eines Unfalls absagen müssen. Ein Unfall? Vor dem geistigen Auge laufen die Videos nochmals ab. Sie habe einen Misstritt gemacht, sagt Fehrenbach. Der erste Tag sei der gefährlichste. Da könne es passieren, dass man sich in der Hitze des Gefechts den Fuss verknackse oder in ein Hindernis geschleift werde.
Grundsätzlich sei Kitesurfen aber nicht gefährlich – wenn man wisse, was man tue. Klar: Der Drachen, auf Englisch Kite, habe viel Kraft. Und die meisten Anfänger reagierten intuitiv falsch: Sobald der Kite zieht, verkrampften sie sich und zögen an der Steuerstange. Der Kite ziehe dann noch mehr. So könne man schon mal den Boden unter den Füssen verlieren. Dabei müsse man einfach loslassen. Damit alles klappe, sei es wichtig, den Kommandos des Instruktors Folge zu leisten. So spricht Fehrenbach. Und der Schüler gelobt, die Warnung nicht in den Wind zu schlagen.
Kampf mit dem Drachen
Nun wird der Kite ausgelegt. Die Luftkammern, die ihm die Form geben und ihn auf dem Wasser schwimmen lassen, werden aufgepumpt, die Lenkstange – die «Bar» – hingelegt, die Leinen am Drachen angeknüpft. Fehrenbach erklärt, wie der Kite gesteuert wird. Es gelte, ihn durch Ziehen an der «Bar» innerhalb des Windfensters zu halten, also in jener imaginären, vom Wind abgewandten Viertelkugel, in der er fliegen kann. Die «Power zone» – dort, wo der Wind für den grössten Druck sorgt – sei zu meiden. Als er schliesslich eine Flugdemonstration macht, ist der Schüler beruhigt. So schwer kann Drachenfliegen nicht sein. Ganz einfach ist es auch nicht, wie erste eigene Versuche zeigen: Fehrenbach drapiert den Schirm am Rand des Windfensters. Bereit? Bereit. Die Leinen spannen sich. Der Kite steigt auf, macht eine Kurve – und rast Frontschlauch voran ins Feld. Ein zweiter Versuch: Der Drachen steigt, die Kurve glückt. Doch dann lässt der Druck nach, der Kite lässt sich nicht mehr steuern und segelt herunter. Er sei aus dem Windfenster hinausgeflogen, so Fehrenbach.
Mit jedem weiteren Versuch glücken die Flüge besser. Fehrenbach schlägt vor, es mit dem moderneren, in der Steuerung sensibleren Kite zu versuchen. Der Augenblick ist ideal für Aufpump- und Montagearbeiten: Der Wind ist zusammengebrochen. Das Material sei in den letzten Jahren stark verbessert worden, erläutert der Instruktor. Nicht zuletzt deshalb werde Kitesurfen allmählich zum Massenphänomen. Er erklärt die moderne Technik: Mit der «Bar» könne man den Kite nicht nur lenken, sondern auch «depowern», also die Spannung und damit den Zug verringern. Und noch etwas ist anders: Der Kite wird per Haken und «Chicken loop»-Verschluss am Trapez befestigt. Und wenn der Wind einen mitreisst? Dann kämen die Sicherheitsmechanismen zum Zug, so Fehrenbach. Er zeigt, wie man brenzlige Situationen mit einem Handgriff entschärfen und den Schirm mit einem zweiten vom Körper trennen kann.
Der Wind bläst wieder leicht. Einfach ist das Fliegen mit dem neuen Steuerungssystem nicht. Der Kite stürzt immer wieder ab. Der Drachen reagiere sehr sensibel, sagt der Instruktor. Es brauche nur feine Bewegungen. Mit der Zeit klappt es. Der Drachen gehorcht. Nun wird das Windfenster abgeflogen. Hoch oben liegt der Kite ruhig in der Luft. Je weiter man ihn vor sich hat, desto mehr zieht er. Und als der Kite durch die «Power zone» kurvt, gibt es kein Halten mehr: Der Drachen reisst den Schüler mit einer schon fast unheimlichen Kraft quer übers Feld. Mindestens so viel Kraft brauche es, um sich übers Wasser ziehen zu lassen, sagt Fehrenbach, als der Schüler wieder Tritt gefasst hat.
Auf dem Bauch im Wasser
Für einen Versuch im See reicht es nicht mehr. Der Nachmittag ist beim Drachenspiel rasch verflogen und hat im Synchrontanz der beiden Drachen ein vergnügliches Ende gefunden. Der Wind hat sich gelegt. Am zweiten Kurstag, so der Instruktor, gehe man ins Wasser. Vorerst lasse man sich bäuchlings durch den See ziehen. Tags darauf stünden dann erste Versuche mit dem Brett auf dem Programm. Er nimmt eines der Bretter aus seinem Minibus. Es ist rund eineinhalb Meter lang, die Fussschlaufen sind ähnlich montiert wie auf einem Snowboard. Die Finnen auf der Unterseite sollen für Stabilität im Wasser sorgen.
Drei Tage dauert es normalerweise, bis Anfänger den Grundkurs abgeschlossen haben. Sie erhalten dann die Karte der «International Kiteboarding Organization», die auf einigen Seen nötig ist, um überhaupt starten zu dürfen. Ein grosser Kiter sei man nach einem solchen Kurs aber noch lange nicht, sagt Eric Fehrenbach und lacht: Bis man akrobatische Sprünge wie die Protagonisten in den Internet-Videos aufs Wasser legen kann, müsse man üben, üben, üben. (Berner Zeitung)
Erstellt: 25.08.2008, 08:33 Uhr
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