Leben
Ein Mahl für Freunde
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Zuunterst hat es zwei Leerzeilen: eine fürs Datum, eine für die Unterschrift. Darüber steht ein Vertrag: «Ich verspreche, ein Rezept aus jedem Kapitel dieses Buches zu lernen. Danach werde ich diese Rezepte mindestens zwei, besser noch vier Freunden oder Verwandten beibringen.» Etwas irritiert lege ich das Kochbuch, das mir die Arbeitskollegin zugesteckt hat, nochmals hin.
Kochen für Kollegen Am Anfang nagen die Selbstzweifel. Normalerweise brutzle ich für den Eigenkonsum – Handgelenk mal Pi, meist in einem Topf und mit dem wenigen, was Kühlschrank und Gefrierfach hergeben. Gäste habe ich schon lange nicht mehr bewirtet. So sinniere ich. Da fällt der Blick, auf den Buchumschlag. «Jeder kann kochen (lernen)!», schreibt Jamie Oliver. Oh well, ich versuche es.
Buntes Sammelsurium
Ich nehme «Jamies Kochschule» zur Hand und blättere. Der britische Show-Koch tischt darin von Allerweltsgerichten bis zu Festtagsfreuden alles auf: Schnelle Pastas und bodenständige Eintöpfe ebenso wie Currys und Fischklassiker. Auch Suppen, Salate und Desserts fehlen nicht. Die Rezepte werden auf der einen Seite in angenehmer Länge beschrieben. Auf der Seite daneben sieht man den Koch in Detailaufnahmen bei seiner Arbeit. Das hilft. Und dass bei den Fotos nichts geschleckt und geschönt daher kommt, macht Mut.
Wie wäre es mit einer Erbsen-Minze-Suppe als Vorspeise? Die Kombination ist zwar ausgefallen, aber vielversprechend. Zum Hauptgang ein Hackbraten Wellington; etwas britischer Touch muss sein. Der Entscheid fürs Dessert fällt leicht: Die Schummeltorte dürfte am besten zur Einladung passen, bei der wohl nicht alles so sein wird, wie es zu sein scheint. Vielleicht kaufe ich mir vor dem Kochabend noch einen Kapuzenpulli, wie Jamie ihn trägt, oder sogar ein grosskariertes Hemd. Und vielleicht zerzause ich mir auch noch die Haare. Und schreibt er nicht, man solle zum Essen Freunde einladen?
Jamie Oliver unterbricht seine Rezeptsammlung immer wieder mit Fotos und Zitaten «ganz normaler Leute»: Frisörin Debbie etwa hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Kindern meist Fertiggerichte auftischte. Verkäufer Simon gesteht, bis ins Alter von 36 Jahren nie selbst gekocht zu haben. Debbie, Simon und all die anderen haben das Kochen gelernt. Maurer Matthew gibt zu Protokoll: «Die Leute wollen echt, dass ich für sie koche, und darauf bin ich stolz».
Damit macht Jamie klar, worum es ihm geht: «Wir stecken in einer der schlimmsten Ernährungskrisen, deren Auswirkungen viele von uns noch gar nicht überblicken.» Wir ässen «die falschen Dinge und davon auch noch zu viel». Das macht Jamie Oliver im langen Vorwort klar, das mit dem zitierten Vertrag endet. Wäre Jamie nicht so cool, wirkte das wohl verbissen.
Nichts anbrennen lassen
Doch zurück zur Einladung: Eigentlich wollte ich nichts anbrennen lassen. Ich wollte früh mit den Vorbereitungen beginnen. Doch es kam anders. Am Nachmittag vor dem Mahl gehts Schlag auf Schlag. Das Schmieren der Schummeltorte brauchte viel Zeit. Rasch das Suppengemüse schneiden. Die Suppe aufsetzen. Das Gemüse für den Braten schneiden, braten. Suppe pürieren. Braten rollen. Dazwischen aufräumen, Sitzgruppe umstellen, notfallmässig putzen. Die Zeit rast. Schon stehen die Kollegen – pardon: die neuen Freunde – überpünktlich auf der Schwelle. So früh, dass der Tisch noch ungedeckt ist und einige Extras über die Klinge springen müssen. Hoffentlich riechen die Freunde den Braten nicht!
Never mind, jetzt halt jamiemässig auf spontan machen. Dass plötzlich von den Zeitungsfreunden unerwartet noch eine Freundin und ein Freund eintrudeln, hilft. Die Gäste unterhalten sich gut und sehen – tatsächlich oder ganz galant – über den schlechten Finish hinweg.
Spät am Abend, nachdem die Freundinnen und Freunde gegangen sind, ist die Anspannung einem leisen Blues gewichen – und dem Ärger über die Unzulänglichkeiten. Doch das ist nun verdaut. Heute habe ich meine Unterschrift auf die Leerzeile unter Jamies Vertrag gesetzt. Freunde, seid gewappnet: Ich zeige euch weitere Rezepte. (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.03.2009, 10:58 Uhr





