Leben
Bewertung der Freunde
Sie habe die Kochschürze bewusst ausgewählt, betont die Gastgeberin. Darauf prangt ein Fisch. Mir schwant Böses. Haut sie Fische in die Pfanne, womöglich ganze, die einen dann während des Mahls aus leeren Augen anglotzen? Bislang habe ich erst einen zerlegt – damals im französischen Restaurant, als ich ein Trutenschnitzel bestellt zu haben glaubte, bis der Garçon eine Forelle, une truite, auftischte.
Fisch gibts an diesem Abend nicht. Doch o weh: In der Pfanne brutzeln Crevetten. Das dreiköpfige Kochteam ist am Rotieren. Der Sohn drapiert die Vorspeise. Die Mutter geht ihm zur Hand. In aller Eile wird der Tisch gedeckt – annähernd so behelfsmässig wie ich letzte Woche den meinen. Derweil spreche ich mit einer Vertrauensperson leise ein Abschiebeverfahren für die Crevetten ab.
Das Mahl wurde zur Schlemmerei. Die Haxen des Hauptgangs waren zart. Der Risotto hingegen hätte einige Minuten länger köcheln dürfen; er war leicht körnig. Das Dessert überzeugte trotz einzelner Gelatinestückchen. Einen Sonderpunkt erhält die Gastgeberin für die süssen Marroni, die sie zur Dekoration bei der Rösterin vor dem Berner Bahnhof besorgt hatte. Und die Vorspeise? Der Sohn sorgte mit dem schön präsentierten, vielleicht einen Gutsch zu öligen Crevetten-Auberginen-Caponata für den kulinarischen Höhepunkt. Und er kriegt einen Bonuspunkt: Weil er mir gezeigt hat, wie gut Crevetten schmecken. Bewertung: 8 Punkte Mathias Born
Feines Essen auf dem Land
Es ist ein schöner Sonntagabend – ideal also, um mit den Ressortkollegen einen Ausflug aufs Land zu machen. Wir fahren nach Cressier, mitten im Nirgendwo im Kanton Freiburg. Hier wohnt Gastgebe-rin Laura Fehlmann. Im alten Bauernhaus ist der grosse Tisch einladend gedeckt. Natürlich mit weisser Tischdecke! Durchs das Fenster sieht man die Schafe der Hausherrin weiden, und ihre drei dicken roten Katzen sorgen schon alleine dafür, dass es nie langweilig wird. Ständig spazieren sie durch eine Klappe, direkt neben dem Esstisch, ein und aus. Das wäre vielleicht für Leute, die Haustiere nicht mögen, etwas zu viel tierische Aktivität. Mich stört es nicht. Bin ich doch selbst ein Landkind, das mit vielen Tieren aufwuchs. Die Gäste werden von der Kollegin aufs Freundlichste empfangen. Als aufmerksamer Mundschenk fungiert ihr französisch sprechender Freund. Schön, dass wir nicht nur bewirtet werden, sondern gleich unsere Sprachkenntnisse trainieren können. In der Küche steht ebenfalls ein Mann am Herd. Die Kollegin hat ihren Sohn als Hilfskoch engagiert. Eine gute Entscheidung, denn seine Vorspeise – Auberginen-Caponata mit Garnelen und Basilikumöl – mundet bestens. Auch wenn vielleicht ein wenig zu viel Öl verwendet wurde. Eine Asketin scheint sie Gott sei Dank nicht zu sein, obwohl sie Extremsport über alles liebt. Auch die Hauptspeise – Ossobuco mit Safranrisotto – sieht toll aus. Allerdings ist mir der Risotto zu trocken. Das Dessert ist dafür wieder Spitzenklasse: Marroni-Tiramisu – jeweils garniert mit einer kandierten Frucht. Essen, Ambiente und Stimmung: sehr gut. So sieht für mich eine gelungene Einladung aus. Bewertung: 9 Punkte Juliane Lutz
Weisses Tuch auf dem Tisch
Die Frau hat Nerven. Nicht nur, dass sie sich für die Zubereitung eines Anfänger-Dreigängers gleich von zwei fleissigen Küchenhilfen assistieren lässt. Nein, sie lächelt auch noch den ganzen Abend. Nichts gegen eine lächelnde Frau. Aber dieses spezielle Lächeln irritiert. Es ist nicht das Lächeln der stolzen Mutter, der es warm ums Herz wird, weil die von ihrem Sohn mit einigem Aufwand zubereitete Auberginen-Crevetten-Kreation von den Gästen mit Bravorufen aufgenommen wird. Es ist auch nicht das Lächeln der verliebten Frau, die erfreut zur Kenntnis nimmt, wie ihr Partner seine Rolle als Weinschenk und Hilfsgastgeber perfekt beherrscht. Es ist ein anderes Lächeln. Ein amüsiertes. Beinahe schon ein schalkhaftes. Mein Kritikerkollege Born würde jetzt wohl anmerken, es sei angesichts meines overdressten Auftretens einfach nur ein belustigtes Lächeln gewesen. Aber nein: Wer als Gastgeber sein bestes weisses Tischtuch hervornimmt, erwartet bestimmt auch von seinen Gästen eine gewisse Klasse. Apropos Klasse: Der Dreigänger hielt diesbezüglich, was das Tischtuch versprach. Die bereits erwähnte Vorspeise wäre mit etwas weniger Basilikumöl schlicht perfekt gewesen. Wunderbar mundete auch das Ossobuco mit dem Risotto. Wobei Kollege Born auch hier irrt: Letzterer hätte keinesfalls länger köcheln dürfen. Er wäre nur noch trockener geworden. Absolut nichts zu mäkeln gibts dafür am abschliessenden Marroni-Tiramisu, das selbst die Autorin des getesteten Kochbuchs nicht besser hingekriegt hätte. Ich schwanke zwischen 8 und 9 Punkten. Und gebe 8. Wegen des Lächelns. Wer so lächelt, hat bestimmt etwas zu verbergen. Bewertung: 8 Punkte Giuseppe Wüest (Berner Zeitung)
Erstellt: 03.04.2009, 12:25 Uhr





