Lesen und Schreiben: (K)eine Selbstverständlichkeit

Schwache Lese- und Schreibkompetenzen drängen Menschen ins Abseits. Der heutige Weltalphabetisierungstag weist auf die Problematik der auch in der Schweiz verbreiteten Schreib- und Lesedefizite hin.

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«Bitte Bildschirm berühren», steht auf dem SBB-Billettautomaten. Danach gilt es den Zielort anzutippen, zu scrollen oder den Ort via Tastatur einzugeben. «Einfach» oder «Retour» fragt der Automat, «1. oder 2. Klasse?» Und danach gehts munter weiter mit dem Frage-Antwort-Spiel. Wer – wie 800000 Menschen in der Schweiz – trotz Schulbildung nicht gut lesen und schreiben kann, wird sich hüten, ein Billett am SBB-Automaten zu lösen. Und falls sich kein bedienter Schalter in Reichweite befindet, wird er auch die SBB meiden.

Die zunehmende Automatisierung und die rasante Entwicklung bei den Kommunikationstechnologien drängen Menschen mit schwachen Lese- und Schreibkompetenzen zunehmend ins Abseits. Das Phänomen nennt sich Illetrismus. Die Betroffenen können zwar einen Text entziffern, verstehen aber dessen Inhalt nicht. Was früher mündlich am Telefon übermittelt wurde, geschieht heute per Mail oder SMS. Lese- und Schreibschwächen lassen sich dadurch immer weniger gut kaschieren. Die betroffenen Menschen ziehen sich zurück. Personen mit schwachen Lesekompetenzen sind nicht nur sozial weniger stark vernetzt als Personen mit höheren Kompetenzen, sie legen auch ein eher passives Kommunikationsverhalten an den Tag, wie eine aktuelle Studie zu den Ursachen von Illetrismus im mittleren Erwachsenenalter* aufzeigt. Schwache Leser suchen seltener das Gespräch mit anderen Menschen.

Die Anbieter von Lese- und Schreibkursen für Erwachsene sind somit doppelt gefordert: Sie sollen zum einen die Kulturtechnik Lesen vermitteln, zum anderen müssen sie ihre Kurse an die Frau und an den Mann bringen. Die wenigsten Betroffenen melden sich von sich aus an. Das gilt auch für Kurse, die Grundkompetenzen in der Alltagsmathematik vermitteln. Es liegt an den Vorgesetzten und an den Bezugspersonen, sie zum Kursbesuch zu motivieren. Doch der Schritt lohnt sich. Für die Kursteilnehmenden öffnen sich neue Türen im Beruf. Der Gewinn an Lebensfreude und Selbstvertrauen ist massiv. Das Illetrismus-Problem wird zwar angegangen, doch ist für den Präsidenten des Schweizer Dachverbandes Lesen und Schreiben, Roger Nordmann, noch keine Trendumkehr erkennbar. Das Kursangebot, die Anzahl der Kursteilnehmenden und die Sensibilisierung seien völlig ungenügend. André Schläfli, Direktor des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung (SVEB), fordert Bund und Kantone auf, das Thema «Illetrismus» zur politischen Priorität zu machen: «Wenn 800000 Erwachsene in der Schweiz nicht gut genug lesen können, um einen einfachen Text zu verstehen, besteht dringender Handlungsbedarf.» (Berner Zeitung)

(Erstellt: 08.09.2008, 09:35 Uhr)

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