Der Bund fürs Arbeitsleben
Von Claudia Imfeld. Aktualisiert am 20.06.2011 3 Kommentare
Die Qual der (zu) grossen Wahl
Viele Phil.-I-Studierende haben keinen Traumjob
Was tun nach dem Studium? Eine viel gestellte Frage – vor allem unter Studierenden der Sozial- oder Geisteswissenschaften.
Wer Sozial- oder Geisteswissenschaften studiert, hat eigentlich eine Vielfalt von Berufsmöglichkeiten – aber so richtig prädestiniert für einen bestimmten Job ist er selten. Das beschäftigt die angehenden Berufsleute. «Eine grosse Auswahl erleichtert die richtige Entscheidung nicht unbedingt», sagt André Werner, Studien- und Laufbahnberater bei der Zürcher Bildungsdirektion. Politologen, Historikerinnen, Sprachwissenschaftler & Co. wissen um den «mitunter stockenden Berufseinstieg», der ihnen bevorsteht. In den Beratungen erkundigen sie sich häufig nach der richtigen Vorgehensweise bei der Suche nach dem – manchmal noch völlig unbekannten – Traumjob.
Der Fachmann rät, sich früh im Studium mit der Frage nach dem künftigen Arbeitsgebiet auseinanderzusetzen. Es sei wichtig, überhaupt einmal Berufsideen zu entwickeln und die Auswahl zu reduzieren. In einem zweiten Schritt gelte es, die Ideen zu testen: «Praktika helfen, Einblicke in ein Berufsfeld zu bekommen», so Werner. Ist die Richtung klar(er), bleibt das Problem der grossen Konkurrenz: Nicht selten bewerben sich Philosophen, Germanistinnen und Publizisten für die gleiche Stelle. Laut Laufbahnberater Werner kann – neben guten Noten und einer guten Fächerkombination – auch eine «interessante Masterarbeit» helfen. «Wer seine Soziologiearbeit im Bereich erneuerbare Energien schreibt, hat in dieser Branche eventuell einen Bewerbungsvorteil.» Oder der Personalchef bleibe beim Durchsehen des Dossiers am spannenden Titel hängen: So öffne eine Psychologiearbeit über das Lächeln vielleicht das Türchen zum Vorstellungsgespräch.Geistes- und Sozialwissenschaftler sind in fast allen Branchen anzutreffen. Allerdings zeigt eine 2009 vom Bundesamt für Statistik durchgeführte Befragung, dass es doch Bereiche gibt, die besonders beliebt sind: Ein Jahr nach Studienabschluss arbeiteten viele im Bereich Erziehung und Unterricht, im Gesundheits- und Sozialwesen oder in der öffentlichen Verwaltung. (cim)
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Im Hörsaal der Universität Zürich sitzen an diesem Abend vor allem Politologie-, Ethnologie- und Soziologie-Studierende, angehende oder frischgebackene Historiker, Sprachwissenschaftlerinnen und Publizisten. Es geht um Praktika und Jobs – und die sonst so umworbenen Jus- und Wirtschaftsstudenten sind fern. Nicht, dass der Bund – Veranstalter des Infoanlasses – nicht auch Ökonomen und Juristen anstellte, aber dieser Abend richtet sich spezifisch an Studierende und Abgänger der Philosophischen Fakultät. Und das mit gutem Grund: Über 40 Prozent der letztes Jahr vergebenen 480 Praktika besetzte die Bundesverwaltung mit Personen, die ein Phil.-I-Studium absolviert haben. Auch viele der jährlich rund 1500 ausgeschriebenen Stellen richten sich an Abgänger jener Fächer, die unter dem Dach der Philosophischen Fakultäten vereint sind.
Spontan bewerben
«Bei der Bundesverwaltung sind in vielen Bereichen Generalisten gefragt», sagt Sabina Margoler, stellvertretende Ressortleiterin im Eidgenössischen Personalamt. Dies treffe besonders auf die Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften zu. Die 28-Jährige weiss, wovon sie spricht. Sie hat an der Universität Zürich Psychologie studiert – und dachte nicht wirklich daran, einmal im Personalwesen zu arbeiten. Erst ein Hochschulpraktikum beim Bund weckte ihr Interesse für den Bereich.
Für diese Praktika und die Bundesverwaltung als Arbeitgeberin macht Margoler regelmässig an (Fach-)Hochschulen Werbung. Der Bund kennt mehrere Arten von Hochschulpraktika: Einerseits kann sich bewerben, wer während des Studiums Berufsluft schnuppern möchte. Andererseits suchen alle Departemente und die Bundeskanzlei auch Bachelor- und Master-Absolventen. Allerdings darf der Abschluss nicht mehr als ein Jahr zurückliegen. Denn die Praktika richten sich in erster Linie an Personen ohne grosse Berufserfahrung, wie Margoler den Studierenden erklärt. «Wir wollen niemanden als billige Arbeitskraft ausnutzen.» Praxiserfahrung ist aber nicht per se hinderlich: Sie darf nur nicht aus jenem Bereich stammen, in dem man sich für das Praktikum bewirbt. Margoler empfiehlt den Studierenden, sich für Praktika spontan zu bewerben. Viele Stellen würden auf diesem Weg vergeben. Auch um den Lohn macht sie kein Geheimnis: Während des Bachelorstudiums bringt das Vollzeitpraktikum derzeit monatlich rund 2660 Franken, nach dem Bachelor etwa 3720 und nach dem Master rund 4160 Franken.
Zwei Landessprachen nötig
Margoler geht es an diesem Infoabend vor allem um eines: Arbeitsatmosphäre zu vermitteln. Auch, weil immer noch viele ein falsches Bild vom Bund als Arbeitgeber hätten. Ihre Präsentation nimmt direkt Bezug darauf: «Wir suchen Mitarbeiter(innen), die bereit sind, in einem stabilen und ruhigen Umfeld zu arbeiten, mit regelmässigen Arbeitszeiten und bis zur Pensionierung . . .», steht auf einer der Powerpoint-Folien. Margoler schaut sich im Hörsaal um und kommentiert in bestimmtem Tonfall: «Wer so einen Job sucht, ist beim Bund am falschen Ort.» Vielmehr sei gerade bei der dynamischen Arbeit im Spannungsfeld zwischen Politik, Bundesrat, Gesellschaft und Medien heute Flexibilität, Eigeninitiative und Offenheit gefragt.
Gute Leute zu finden, sei nicht leicht. Margoler: «Wir erhalten zwar gerade von Abgängern von Philosophischen Fakultäten viele Bewerbungen.» Aber immer wieder werde bereits die Voraussetzung, eine zweite Landessprache einigermassen zu beherrschen, nicht erfüllt. Margoler weiss, dass es aufgrund der demografischen Entwicklung künftig für alle Arbeitgeber noch schwieriger wird, wirklich gute Mitarbeitende zu finden. Der Bund wird sein Hochschulmarketing deshalb ausbauen und die Zahl der Praktika erhöhen. Denn diese sind eine gute Quelle für Festanstellungen. Rund jeder Zweite, der ein Praktikum beim Bund absolviert, arbeitet später in einem der sieben Departemente oder der Bundeskanzlei. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.06.2011, 21:06 Uhr
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