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Ospel, ein nachrichtenloser Vermögender

Von Simone Matthieu, Rico Bandle. Aktualisiert am 06.03.2009 5 Kommentare

Der eine nimmt die Schuld für das Finanzdebakel unter Tränen auf sich, der andere verliest die Todesanzeige von Marcel Ospel: Simon Enzler und Andreas Thiel hatten am Mittwoch mit ihren neuen Programmen Premiere.

1/5 Schwergewichte der Schweizer Kabarettszene: Andreas Thiel (links) und Simon Enzler.
Bild: PD/Wolfgang Straeuli, Fotomontage Newsnetz

   

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Info

Simon Enzler, «Phantomscherz», noch bis 14. Mai im Casinotheater Winterthur. Tourneeplan: hier klicken.

Andreas Thiel, «Politsatire 3», noch bis 28. März im Theater am Hechtplatz Zürich. Tourneeplan: hier klicken.

Ihre beiden Figuren sind diametral verschieden. Simon Enzler gibt sich als einfacher, biertrinkender Appenzeller, Andreas Thiel als intellektueller, cüplitrinkender Wortakrobat. Am Mittwoch hatte Enzler im Casinotheater Winterthur mit «Phantomscherz», Thiel im Zürcher Hechtplatztheater mit «Politsatire 3» Premiere. Bei beiden ist die Wirtschaftskrise nicht das Hauptthema – und doch omnipräsent.

Simon Enzler meint, er – und nur er – sei für die Wirtschaftskrise verantwortlich. «Ich war naiv, ich gebe es zu», sagt er bei seinem Geständnis, den Tränen nahe. Immer, wenn er eine Aktie kaufe, stürze sie umgehend ab. Damit habe er die Wirtschaft ruiniert. Dass er für die Kursstürze verantwortlich sei, habe er beim Konkurs der vermeintlich krisensicheren Sargschreinerei festgestellt, in die er nach dem Flop mit der UBS investiert habe. «Zuerst dachte ich, die Ursache des Konkurses sei das Rauchverbot oder das Nordic Walking.» Aber nein, die Ursache liegt anderswo: «Weil ich Aktien gekauft habe!»

Wenn nicht einmal eine todsichere Sache wie eine Sargschreinerei überleben kann, wie soll dann die UBS rentieren, fragt Enzler. Und meint verzweifelt: «Wenn ich gewusst hätte, dass Rohner, Kurer und Ospel deswegen ihren Job verlieren - ich habs nicht extra gemacht!» Die Nummer ist etwas vom Stärksten im neuen Programm von Simon Enzler, in dem der sonst so subtile und zurückhaltende Komiker Biss zeigt wie selten zuvor.

Ospels Hungertod

Anders Andreas Thiel. Er nimmt keine Schuld auf sich – schuld sind die andern. Seine Wortschöpfungen triefen wie immer vor Biss, Anspielungen und Unschmeichelhaftem. Kein Held, den Thiel nicht vom hohen Ross herunterholen würde. Sogar aus Robin Hood macht er einen Steuerhinterzieher. Man ahnt schon: Die Herren von der Bank werden schlecht wegkommen.

«Mit Bestürzung nehmen wir vom tragischen Hungertod Marcel Ospels Kenntnis», imitiert Thiel in seinem «Nachruf» auf den Ex-UBS-Chef einen steifen Beamten, der ein Dokument vorliest. «Nachdem er sich vermutlich versehentlich selber hier eingeschlossen hatte, muss er tagelang um Hilfe gerufen haben, aber der Tresor ist schalldicht. Gemäss Obduktionsbericht muss Ospel versucht haben, sein Geld zu essen, auch an Goldbarren seien Kratz- und Beissspuren festgestellt worden. (...) Später, in einem offensichtlich fortgeschrittenen Zustand, begann Ospel, mit einem Brillanten Prosa-Gedichte in die Tresorwand zu ritzen. Gedichte wie: ‹Reichtum, an deiner Brust hab ich stets gehangen und jetzt, wo ich sauge, kommt nichts.› Oder ‹Hier liege ich und kann nicht schlafen, denn der Lichtschalter ist draussen, ich unbalsamierter Pharao.› Oder ‹Hier habe ich mich heimlich eingeschlosssen, ich nachrichtenloser Vermögender.› An einem Brillanten muss er sich geschnitten haben, denn der letzte Satz ist mit Blut geschrieben. ‹Wie meine Aktien jetzt wohl stehen mögen?›, lautet die Quintessenz seines kurzen Oeuvres.»

UBS-Aktien für Enzler-Tickets

Der musikalische Begleiter Enzlers, Daniel Ziegler, verkörpert den gescheiterten Herrn Direktor, «von der Teppichetage auf die Kabarettbühne gefallen». «Für ein Billet von Enzler könnten Sie heute drei bis vier UBS-Aktien kaufen», meint er. Thiel dagegen rät: «Wenn Sie ihr letztes bisschen Geld gewinnbringend investieren wollen - draussen im Foyer liegen DVDs mit meinen früheren Programmen zum kaufen bereit.»

Ist das Kabarett also der grosse Profiteur der Wirtschaftskrise? Nein, meint Enzler am Schluss. Wegen der Krise verzichte er nun auf eine Zugabe: «Kurzarbeit». (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.03.2009, 08:23 Uhr

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5 Kommentare

Kurt Frei

05.03.2009, 13:29 Uhr
Melden

Absolut brilliant, was Enzler und Thiel drauf haben. Sie gehören momentan zu den besten der CH-Kabarett- und Theater-Mafia. Weiter so ! Antworten


christoph scheidegger

05.03.2009, 14:27 Uhr
Melden

die politische satire wird an bedeutung gewinnen, das ist in kriesenzeiten gerne so und wichtig. thiel und enzler bedeuten mir viel...! gesegnet seien die beiden flotten burschen...! ich wünsche ihnen weiterhin viel erfolg, gesundheit, geistes-blitze und nachahmer...! bravo! Antworten



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