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Lukas Bärfuss: «Parzival ist ein Holzkopf»

Von Magdalena Nadolska. Aktualisiert am 16.12.2010

Vom naiven Jüngling zum Hüter des «Heiligen Grals»: Lukas Bärfuss hat eine Bühnenversion des Romanklassikers «Parzival» geschaffen. Ein Gespräch mit dem Thuner Vorzeigedramatiker über das Geheimnis seines Erfolgs, den Theaterbetrieb und die Aktualität eines mittelalterlichen Aufsteigers.

«Vielleicht besitze ich ein paar Sekundärtugenden –  Fleiss zum Beispiel. Das ist zwar ziemlich unromantisch,  aber man bekommt dadurch die notwendige Übung»:  Erfolgsdramatiker Lukas Bärfuss (39).

«Vielleicht besitze ich ein paar Sekundärtugenden – Fleiss zum Beispiel. Das ist zwar ziemlich unromantisch, aber man bekommt dadurch die notwendige Übung»: Erfolgsdramatiker Lukas Bärfuss (39).
Bild: zvg

Lukas Bärfuss

1971 in Thun geboren, entschied sich Lukas Bärfuss nach einer Buchhändlerlehre für die Schriftstellerei. Erstmals machte Bärfuss mit der Theatergruppe «400asa» auf sich aufmerksam. Das 2001 am Theater Basel uraufgeführte Stück «Meienbergs Tod» bescherte ihm zusammen mit dem Berner Regisseur Samuel Schwarz den Durchbruch. Mittlerweile gehört Bärfuss zu den erfolgreichsten Dramatikern im deutschsprachigen Raum. Seine Stücke, darunter «Der Bus» und «Die Probe», wurden an den renommiertesten Theatern aufgeführt und von den Kritikern gefeiert. Bärfuss hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, und 2005 wurde er in der Kritikerumfrage der Zeitschrift «Theater heute» zum Dramatiker des Jahres gewählt. 2008 erschien sein erster, mehrfach ausgezeichneter Roman «Hundert Tage». Bärfuss lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Parzival

Um das Jahr 1200 schrieb Wolfram von Eschenbach seinen berühmten Versroman «Parzival». Das Werk gilt heute als bedeutendstes Epos der mittelhochdeutschen Literatur. Von Eschenbach beschreibt darin die Abenteuer des Titelhelden, der vom Unwissenden im Narrenkleid zum edlen Ritter und Hüter des «Heiligen Grals» aufsteigt – eines Gefässes, das ewige Lebenskraft spendet. Lukas Bärfuss hat den Roman für die Bühne umgearbeitet. Sein Stück wurde Anfang Jahr in Hannover uraufgeführt. Im Zentrum der Bearbeitung steht Parzivals Suche nach Erkenntnis und der Versuch, sich in der Welt zurechtzufinden. Der junge Parzival wird von seiner Mutter in einer Einöde, fern der Zivilisation, erzogen, lernt nach und nach die Abenteuer des Ritterdaseins kennen und muss sich von einem triebgesteuerten Wesen zum verantwortungsvollen Mitglied der Tafelrunde von König Artus verwandeln.

Herr Bärfuss, Sie haben Wolfram von Eschenbachs höfischen Roman «Parzival» für die Bühne bearbeitet. Was hat Sie an der Figur des Parzival fasziniert?
Lukas Bärfuss: Mit Verlaub, es war seine Blödheit. Parzival ist ein Holzkopf, und trotzdem bekommt er den grossen Preis – ziemlich provokativ. Ausserdem interessierte mich Parzival als verwahrlostes Kind. Er anerkennt keine Regeln, steigt trotzdem auf und entwickelt eine grosse Rücksichtslosigkeit. Eine solche Parvenü-Brutalität kann man auch heute noch beobachten. Häufig entwickeln Aufsteiger eine Aggressivität gegenüber der Schicht, die sie aufnimmt, weil sie irgendwie doch nie richtig dazugehören.

Wo haben Sie dieses Phänomen beobachtet?
Wir alle müssen wie Parzival zwei Dinge unter einen Hut bekommen, die sich eigentlich widersprechen: auf der einen Seite eine Persönlichkeit entwickeln, sich selber definieren und sich von den anderen absetzen. Gleichzeitig muss jeder ein Teil der Gesellschaft werden und sich einfügen. Das ist eine ständige Herausforderung im Leben, die nicht nur in der Jugend zentral ist.

Diese Selbstfindung geschieht in Ihrem «Parzival» vor allem im Umgang mit der Sprache.
Parzival entwickelt keine eigene Sprache. Alles, was er über die Welt weiss, weiss er durch seine Mutter, die ihn von der Welt abschottet. Er versteht den Code nicht. Er versteht nicht, welcher Sinn hinter den Sätzen liegen könnte. Das hat durchaus komisches Potenzial. Parzival funktioniert da ähnlich wie der «brave Soldat Schwejk» von Jaroslav Hašek. Schwejk bekommt einen Befehl und führt ihn genau so aus, wie er erteilt wurde. Es gibt keine eigene Interpretation. Dabei will Parzival immer alles richtig machen. Er ist im Grunde ein guter, ein schrecklich guter Schüler.

Trotzdem hat dieser Musterschüler seine liebe Mühe mit der Selbstfindung.
Parzival erreicht sein Ziel erst, als er akzeptiert, dass es nicht um seine Individualität geht und er Teil von etwas Grösserem ist. Sein Streben nach dem eigenen Weg ist für ihn der Pfad ins Unglück. Für uns heute ist das eine Provokation. Viele sind pausenlos bestrebt, das Individuelle zu finden, und glauben, nur glücklich zu sein, wenn sie herausfinden, wer sie sind, was sie wollen und brauchen.

Auch als Autor ist man Teil von etwas Grösserem. Sie müssen Ihr Werk einem Theaterteam überlassen. Wie fühlt es sich für Sie an, Ihre Texte «loszulassen»?
Das «Loslassen» beginnt für mich im Moment des Niederschreibens. Der Text steht auf dem Papier, ist eine Veräusserung und somit ausserhalb. Das ist der grösste Schritt: Der geschriebene Text gehört nicht mehr mir.

Aber erst auf der Bühne manifestiert sich der Text und tritt aus der Zweidimensionalität des Geschriebenen heraus. Der Regisseur stellt sich vielleicht eine Figur ganz anders vor, der Schauspieler betont die Sätze seltsam.
Darüber gibt es natürlich viele Diskussionen, das stimmt. Aber ich habe keine konkrete Vorstellung davon, was «richtig» ist. Der Dialog zwischen meinem Text und der Bühne interessiert mich. Und nicht, dass irgendeine Idee von mir durchexerziert wird. Theater ist eine kollektive Arbeit – es geht nicht nur um den Text. Ich selbst gehe kaum der Stücke wegen ins Theater.

Sie machten Ihre ersten Theatererfahrungen mit der freien Gruppe 400asa, inzwischen sind Sie fast nur noch in Stadttheatern präsent. Welches Theatermodell halten Sie für sinnvoller?
Sinnvoll ist, wenn sich die beiden Formen ergänzen. Stadttheater sind grosse Betriebe und nicht immer flexibel. Die Möglichkeiten sind gross, doch die Sachzwänge ebenfalls. Wenn man solche Betriebe bewegen will, ist es wie das Bewegen eines Supertankers – es ist unheimlich kompliziert, ihn in eine andere Fahrtrichtung zu bringen. Aber es gibt auch Vorteile: eine kollektive und sehr spezialisierte Arbeit. Im freien Theater gibt es mehr Allrounder, man ist flexibler. Bei 400asa war ich Autor, Dramaturg, Produktionsleiter und Medienverantwortlicher. Man darf die beiden Formen nicht gegeneinander ausspielen. Es braucht beide.

Seit Jahren gehören Sie zu den meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatikern. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs? (Lacht). Es gibt kein Geheimnis. (Überlegt). Vielleicht besitze ich ein paar Sekundärtugenden. Fleiss zum Beispiel. Das ist zwar ziemlich unromantisch, aber man bekommt dadurch die notwendige Übung. Ausserdem hatte ich immer grosses Glück mit den Menschen, mit denen ich arbeiten durfte. Ich habe stets Leute getroffen, die sich für meine Arbeit interessierten und an mich geglaubt haben. Das ist ein grosses Geschenk. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.12.2010, 11:22 Uhr

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