Jörg Schneiders Ärger mit dem Alter
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Enorm witzig, aber ganz schon böse ist die Rolle, die sich Jörg Schneider zu seinem 75. Geburtstag geschenkt hat. Er giftelt und grantelt, er ergeht sich in Zoten und Zweideutigkeiten und begegnet seiner Mitwelt mit einer Direktheit, die wohl nur alten Menschen auf der Schlussgeraden ansteht: Jörg Schneider spielt den Altersheimbewohner Armin Stämpfli, der in der Komödie «Scho wieder Sunntig» jeden ersten Sonntag im Monat Besuch von seiner Tochter (Elisabeth Graf) und seinem Schwiegersohn (Beat Gärtner) erhält, worüber sich weder der durch den Stau und andere Ausreden aufgehaltene Besuch noch der Besuchte wirklich freuen mag.
Illusionslos blickt Schneiders Stämpfli auf seinen letzten Lebensabschnitt, auf dem ihn nur noch die sich bereits ankündigende Inkontinenz und die Altersdebilität erwarten. Und gerade aus dieser Illusionslosigkeit bezieht «Schon wieder Sunntig», Schneiders ausgezeichnete Dialektbearbeitung von Bob Larbeys «A Month of Sundays», seinen Witz. Denn Stämpfli kennt keine Scham und spricht aus, was andere nicht zu denken wagen: Er lässt sich über die «Zombie»-Mutation aus, die ein anderer Heimbewohner, den Stämpfli nur noch den «Gaga-Meili» nennt, gerade eben durchlebt hat; und eröffnet seiner jungen – von Elisa Plüss grossartig gespielten – Pflegerin, dass sie in seinen Altherrenträumen nackt und grossbrüstig ihren Auftritt hat. Einen Rest an Scham verrät Stämpfli nur dann, wenn er von seiner Putzfrau (Suly Röthlisberger) und seinen anderen Besuchern während seiner zahlreichen Klogänge einen Ablenkungsgesang einfordert.
Ein grosser Spass ist «Scho wieder Sunntig» aber schon allein wegen der Schauspieler, die durch ihre Spielfreude und ihr Können zu begeistern vermögen: Kraftvoll ächzt sich Jörg Schneider aus seinem Sessel, agiert leichtfüssig in seinen Wortgefechten und platziert präzise seine bitterbösen Pointen. Flankiert wird er dabei von Vincenzo Biagi, der noch drei Jahre älter ist als das Geburtstagskind, aber vor Spielfreude sprüht, als sei er gerade frisch von der Schauspielschule gekommen.
Biagi ist der Heimbewohner Otto Brunner, der einstmals zusammen mit Stämpfli ein «Fluchtkomitee» bildete, das von einem Ausbruch aus der Altersresidenz und einem Lebensabend in Italien träumte. Doch die Welt von Brunner und Stämpfli ist klein geworden und gerät durch eine weitere «Zombie»Mutation schon bald in Unordnung. So mischt sich eine Spur von Tragik in Jörg Schneiders bitterbösheitere Geburtstagsproduktion. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.03.2010, 11:06 Uhr
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