Kultur
Ein feinnerviger Künstler – unterwegs in heikler Mission
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 23.02.2010
Es sind nicht fünf Freunde, die aufeinandertreffen, sondern fünf Fremde. Fünf Künstler, und jeder von einem anderen Stern – künstlerisch, sprachlich, kulturell. María Jerez lebt in Madrid, Min Kyoung Lee stammt aus Seoul, Hanneke de Jong ist Holländerin, Jean-Baptiste Veyret-Logerias Franzose und Phil Hayes ein Engländer, der seit Jahrzehnten in Zürich lebt. «Five People» heisst das Projekt, in dem Kunst wie ein gemischter Salat angerichtet wird: aus verschiedenen Zutaten, die sich, eine nach der anderen, ergänzen sollen, aber nicht ineinander verschmelzen. Ein heikler Prozess. Wie heikel, verrät uns der Wahl-Zürcher Hayes, der übers Theaterhaus Gessnerallee in Kontakt mit Campo kam, dem Künstezentrum im belgischen Gent, das die Versuchsanlage «Five People» entworfen und bis zur Uraufführung in München im November begleitet hat.
In Zürich, in der Schweiz, ist Phil Hayes kein Fremder, im Gegenteil: Jeder glaubt ihn zu kennen. Dabei hat sich der medienscheue Performer, Schauspieler und Musiker schon vor einem Jahr von jener Starrolle verabschiedet, die den grossen Rummel rund um seine Person verursachte. Aber sie verfolgt ihn bis heute. Über seine Auftritte als Peter Tate in der Kultsendung «Giacobbo/Müller» will Hayes daher auch auf keinen Fall sprechen, als wir uns vor der Zürcher Aufführung von «Five People» – die am 26. Februar im Theaterhaus Gessnerallee stattfindet – treffen: zu viel Trara um Tate. Der feinnervige Künstler dahinter, dem das Understatement in den Mundwinkeln sitzt wie sein freundliches Lächeln, hat sich längst in andere Arbeiten vertieft.
Die Devise: Volles Risiko
Eben war Hayes in Frankreich mit «The Best and the Worst of Us», einer Tanzperformance von und mit Simone Aughterlony. Und bei der britischen First-Class-Formation Forced Entertainment tut er in der jüngsten Arbeit «The Thrill of It All» mit, die im Mai Uraufführung hat. Gleichzeitig reift, zumindest im Kopf, Hayes' eigenes neues Projekt heran, eine Studie des Kontrasts zwischen Anmut und Ungeschicklichkeit, die am Leben von Olympionikin Olga Korbut entlangziseliert ist. Hayes ist einer, der lange und sorgfältig feilt, einer auch, der sich, ganz ohne Koketterie, in Bescheidenheit übt.
«Als die Anfrage kam, ob ich bei ‹Five People› mitmache, war ich begeistert, gerade weil es um kurze Probenphasen ging, in denen man schnell Entscheidungen treffen musste: Ich dachte, das täte mir einmal ganz gut», erinnert sich der Mittvierziger, der Älteste im «Five People»-Team. Aber dann kam alles ein wenig anders. Denn in der Chance lag auch die Schwierigkeit. Kurze Probezeiten verlangen einem Team enorm viel ab, besonders, wenn jeder andere Erwartungen hegt: Ob die fünf Fremden fünf Solisten oder ein Ensemble sein sollen, wurde nie recht klar, und die Gruppe lief Gefahr, sich zu lähmen, statt sich zu beflügeln. «Gerade wenn man etwas entwickelt hatte, war die Probephase jeweils auch schon wieder vorbei. Wir waren etliche Monate, immer wieder zwischendurch, mit den Vorbereitungen beschäftigt. De facto zusammengearbeitet haben wir aber nur zwei Wochen», erklärt Hayes das Staffel-Konzept von «Five People».
«Die Staffelung und die Kombination der Teile am Schluss waren ein Problem», analysiert er. Die Vielsprachigkeit und die vielen Kulturen dagegen nicht: Eine solche Situation ist Courant normal in der Kunst- und Theaterwelt – und nicht nur dort. Schon in Hayes' Familie selbst ist man dreisprachig: Die kleine Familie lebt in Zürich, das der Künstler seit den Achtzigerjahren gut kennt. «Wir sind hier zu Hause», sagt der in England aufgewachsene und dort zum Schauspieler ausgebildete Hayes. Die Muttersprache seines Söhnchens ist Französisch, die Vatersprache Englisch, und in der Schule spricht der Bub Deutsch beziehungsweise Schweizerdeutsch.
Eine schnelle Genese von Bühnenvisionen aber, die einen eigenständigen Künstler genauso befriedigen wie ein zusammengewürfeltes Kollektiv, das sei eine fast unmögliche Aufgabe – wie später auch deren Erfinder Dirk Pauwels einräumte. Aber genau darauf hat sich Pauwels' Zentrum Campo spezialisiert: auf unmögliche Projekte, auf Reibung, Irritation, Herausforderung. Die Devise lautet: volles Risiko.
Gewagte Demokratie
Im Fall von «Five People» wollte Dirk Pauwels «horizontale» Verhältnisse statt hierarchisch «vertikale» schaffen, wollte Demokratie wagen und zusehen, wie sich ein Solo in ein Duett verwandelt, dann in ein Trio, ein Quartett, ein Quintett. Ein Quintett mit sechs Köpfen: denn auch Pauwels brachte als Mentor seine Vorschläge ein. Doch Demokratie ist schwer. Das Experiment «Five People» erzählt kein Stück mit Anfang und Ende, sondern präsentiert eher schwierige Geburtsmomente eines «demokratischen» Chors. Die fünf schicken dafür beispielsweise Nebelschwaden durch leere Räume oder geben mit strategisch platzierten Highheels unserer Fantasie einen Tritt.
«Es war ein hochinteressanter Prozess mit tollen Leuten», meint Hayes. «Das Resultat ist Geschmackssache.» Den Münchnern jedenfalls hat der gemischte Salat, der ihnen im vergangenen November serviert wurde, bestens geschmeckt.
«Five People» im Theaterhaus Gessnerallee, Zürich: 26. und 27.2., 20 Uhr. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.02.2010, 06:40 Uhr





