Kultur
Der Regisseur als Arrangeur und Kulissenschieber
Von Stephan Hilpold, Wien. Aktualisiert am 06.09.2009
Letzte Anweisungen: Matthias Hartmann bei der Generalprobe in Wien. (Bild: Keystone)
Zu Beginn einer neuen Intendanz wird jede noch so kleine Geste zum symbolischen Fingerzeig. Das ist meine Welt, scheint der neue Theaterdirektor mit seiner ersten Inszenierung zu sagen, und in den kommenden Jahren werde ich sie euch in allen Facetten zeigen. In Wien eröffnete die neue Direktion mit dem deutlichsten Fingerzeig, den man sich vorstellen kann. Mit kleinen Gesten hat sich Matthias Hartmann, der bis vor kurzem das Zürcher Schauspielhaus leitete, noch nie abgegeben.
Hartmann eröffnet seine Regentschaft am Wiener Burgtheater mit dem bekanntesten aller deutschen Dramen, mit Goethes «Faust», und zwar mit beiden Teilen. Seit über 30 Jahren stand das Gelehrtendrama nicht mehr auf dem Spielplan des Burgtheaters. Wenn Hartmann jetzt auf den Klassiker schlechthin zugreift, zeigt er sich also als Klassikerbezwinger. Und das an der Wiener Burg, der Königin unter den deutschsprachigen Theatern. So viel Symbolik war schon lange nicht mehr.
Zwei «Könige» spielen Faust und Mephisto. Tobias Moretti, der Wiener Publikumsliebling, und Gert Voss, der Schauspieltitan. Um fünf Uhr nachmittags beginnt der erste Teil, zwanzig Minuten vor Mitternacht endet der zweite. Damit hat sich Hartmanns Grossmannssucht aber auch schon. Denn dazwischen ist der Abend auf denkwürdige Weise leer.
Bild brav an Bild gereiht
Eigentlich zieht Hartmann ja alle Register: Schaut her, scheint er zu sagen, was ich alles kann. Im ersten Teil, der mit dem «Vorspiel auf dem Theater» als hingetupfter Stellprobe beginnt, ist Hartmann der Musterschüler, der Goethes Text aus dem Dunkel des Bühnenhintergrunds heraus erschafft. Schön brav reiht er Bild an Bild: Das karge Studierzimmer. Auerbachs Keller als Pandoras Wunderbox. Die Hexenküche als Zaubermaschine. Die Walpurgisnacht als Schattenspiel. Der Regisseur als braver Arrangeur. In den besten Momenten – die gehen allerdings auf das Konto der Schauspieler – ist er ein leichtfüssiger Zauberer, der die Drehbühne zum Rotieren und die Bühnenwürfel zum Verschwinden bringt, in den schlechten ein Kulissenschieber.
Im zweiten, auf zwei Stunden gekürzten Teil ist Hartmann dagegen ein Bilderjongleur, der Goethes Text aus dem Geist der Kamera erschafft. Auch hier reiht er Bild an Bild, doch wo im ersten Teil die Schauspieler in der Nahaufnahme zu sehen waren, geht er jetzt in die Totale. Szenendramaturgie und Figurenidentität sind keine Kategorien mehr, die ihn interessieren. Das Stück wird zum Versuchsfeld, allerdings für ästhetische Herangehensweisen, die genauso beliebig wie gefällig wie bekannt sind. Stichwort: Handkameras. Eine Verbindung zum ersten Teil gibt es nicht. Weder durch die Schauspieler – jetzt spielen vorab Tilo Nest und Joachim Meyerhoff den Faust und den Mephisto – noch durch eine die beiden Teile übergreifende Idee.
Mephisto, ein lustvoller Gaukler
Hartmann hat sie offensichtlich nicht. Um die Frage, wer dieser Faust, wer dieser Mephisto denn nun eigentlich sind, schummelt er sich herum. Im kahlköpfigen Tobias Moretti hat er für sein Ausweichmanöver einen guten Compagnon gefunden. «Habe nun ach!», tippt der am Anfang in sein Notebook und trampelt dann darauf herum. So zeitgenössisch sich Moretti äusserlich gibt, so bemüht hechelt er den klassischen Versen hinterher. Sie haben ihn fest im Griff, und je länger der Abend geht, umso mehr verschwindet der Schauspieler hinter den Textmassen. Dieser Faust muss ohne Faust auskommen.
Dafür bietet Hartmann einen imposanten Mephisto und ein durch und durch heutiges Gretchen auf. Gert Voss und Katharina Lorenz machen an diesem Abend einiges wett. Spitz streckt Voss seine Zunge durch die Finger, er ist genauso verschlagener Teufel wie verschmitzter Komödiant. Voss ist ein lustvoller Gaukler, der die Welt in die Tasche seiner zu kurz geratenen Hose steckt. Am Ende stirbt in Hartmanns Lesart das Gretchen durch seine Gewalt, ein Granitblock begräbt sie unter sich. Schliesslich war das Gretchen sein einzig wirklicher Gegner.
In Katharina Lorenz ist die Frau an Fausts Seite Mädel und Frau, schwach und stark, Gretchen und Margarete. In ihr hat Hartmann ein Wesen von heute gefunden. Dass er das ausgerechnet bei der klischeehaftesten aller Goethe-Figuren geschafft hat, zeigt die Möglichkeiten, die er verspielt hat. Gerade auch im zweiten Teil, in dem einige nicht ganz uninteressante Geschichten verborgen wären. Zum Beispiel die von der Erschaffung des Geldes. Doch Hartmann will den ganzen Faust geben. Der Regisseur als Enzyklopäde. Leider hat er sich und uns darüber vergessen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2009, 20:02 Uhr






