Kultur
Das nasse Grab der Ungewollten
Szene aus dem «Geisterschiff». (Bild: Judith Schlosser)
Weihnachten 1996 sank vor der Küste Siziliens ein Fischkutter mit 300 illegalen Flüchtlingen aus Sri Lanka, Bangladesh und Pakistan. Obwohl sich danach immer wieder Leichenteile in den Netzen der Fischer verfingen, wurde der Vorfall von den Behörden bestritten.
Fast fünf Jahre später erhärtete sich das Gerücht vom «Nave fantasma». Der Fischer Salvo Lupo liess eine Identitätskarte, die er aus dem Meer gezogen hatte, einer Tageszeitung zukommen. Diese dokumentierte mit einem Unterwasserroboter das nasse Massengrab: Die Filmaufnahmen von den zersetzten Leichen gingen um die Welt.
«Wir leiden! Klasse, nicht?»
Die österreichische Autorin Margareth Obexer lässt ihr Stück beginnen, als die öffentliche Empörung auf ihrem Höhepunkt ist. Ein Kongress über das «Unbehagen über die Erscheinungen an den europäischen Rändern» treibt eine heterogene Schar gleichsam zu einem europäischen Sühnetreffen zusammen. Sie unterhalten sich in Zweier- und Dreiergrüppchen.
Unter ihnen ist eine Kuratorin, die einen Erlebnispark zum Thema «Utopien» plant. Dort dürfen die Besucher beispielsweise versuchen, über einen elektrischen Stacheldrahtzaun zu klettern, während sie von Polizisten beschossen werden. «Alles wir! Die leiden!», schwärmt sie, «Klasse, nicht?»
Korrekte Kaltschnäuzigkeit
Nicht nur die Kuratorin begegnet dem Flüchtlingselend ohne jeden Anflug von schlechtem Gewissen. Ein Wissenschaftler hofft, durch seine Theorie, dass Boat Poeple mit dem «Fliegenden Holländer» vergleichbar sind, einen Lehrstuhl zu ergattern. Ein Journalistenpaar will mit einer Reportage über den Fall einen Preis gewinnen. Ein Bestatter setzt sich für die Bergung der Leichen ein; 300 Aufträge! eine Villa!
Königin der korrekten Kaltschnäuzigkeit ist die Bürgermeisterin: Wäre ein Schiff dem Kutter zu Hilfe gekommen, wäre das Beihilfe zur illegalen Einwanderung gewesen. Und da der Kahn in internationalen Gewässern sank, ist es niemandem erlaubt, Leichenteile an Land zu bringen. Selbstverständlich könnte man das Wrack dennoch bergen, aber dann müsste man auch die anderen heraufholen; nach groben Schätzungen sind seit 1991 allein vor Sizilien 14'000 illegale Flüchtlinge ertrunken.
Tänzchen und Sperenzchen
Chantal Le Moign demonstriert mit ihrem kraftvollen Auftritt als Bürgermeisterin, dass der Text, selbst wenn er in seiner grotesken und zynischen Überzeichnung mitunter entsetzlich lustig ist, Tiefe hat. Er ist klug, präzis, mithin sogar philosophisch und verlangt dem Zuschauer seine ganze Aufmerksamkeit ab.
Es ist schwer verständlich, warum die Regisseurin Florentine Klepper die Vorlage mit choreografischen Mätzchen zuschüttet. Das Publikum wird dauernd genötigt, Tänzchen zu entschlüsseln: Flugzeugstart, Futterneid, Wankelmut - im einzelnen machen die Choreografien Sinn, fügen dem Stück aber nichts Neues hinzu.
Keinen Schimmer
Das ist schade, zumal die Musik der Gruppe Kolsimcha und das Bühnenbild von Bastian Trieb echte Highlights sind. Praktisch einzige Dekoration neben Stühlen und einem Tisch sind Boden- und Wandmalereien aus den Begriffen «KEIN» «ORT» «SONDERN» «IDEE». Sie nehmen Bezug auf Bernard Henri-Lévys Ausspruch «Europa ist kein Ort, sondern eine Idee». Was für eine Idee, davon haben nicht nur die Bühnenfiguren keinen Schimmer. (alx/sda/)
Erstellt: 12.03.2010, 21:50 Uhr






