Bitter wie Galle, traurig wie der Tod
Von Alexandra Kedves, Wien. Aktualisiert am 01.03.2010
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Wien wütet, Wien jauchzt. Oder doch nicht? Wer am Freitag zur Uraufführung von Sibylle Bergs Stück «Nur Nachts» in die Donaumetropole kam, staunte nicht schlecht: Hier ist man nicht postmodern blasiert gegenüber Kultur, sondern, so scheint es, ewiggestrig enragiert. Doch der Blick auf die negativen Schlagzeilen für die Kultur und die positiven für den Sport täuscht (zumal Österreich am Freitag in Vancouver seine Ehre als Wintersportnation retten konnte).
Im Gemeinderat lieferte man sich zwar den ganzen Tag über einen spektakulären Schlagabtausch zu Christoph Büchels Kunstprojekt im Untergeschoss der Secession, aber trotzdem wird der Klub tagsüber, als harmloses Exponat, nicht gerade überrannt von lüsternem Publikum. Kultur funktioniert an Donau wie Limmat eben oft als Parcours für die Profilneurosen-Reiter der Politik.
Medialer Rummel
Auch der zweite aktuelle Kulturskandal entpuppte sich als rein medialer Rummel: Franzobels theatrale Satire auf den österreichischen Volksschauspieler Hans Moser (1880–1964), den hochverehrten «Wochenend-Wohnzimmergott», der sich zu Zeiten des Tausendjährigen Reiches geschickt durchzulavieren verstand, hatte im Vorfeld empörte FPÖ-Politiker und Moser-Fans auf den Plan gerufen. Doch die Uraufführung am Donnerstag führte nicht zu erhitzten Gemütern, sondern nur zu langen Gesichtern: Da fehlte der Biss.
Von der echten Beinahe-Katastrophe am Akademie-Theater wiederum, wo schliesslich der Intendant selbst, Matthias Hartmann, in letzter Minute in die Proben von «Nur Nachts» eingriff, erfuhr das Publikum erst gar nichts. Das Zürcher Paket «Sibylle Berg (Autorin) / Niklaus Helbling (Regie)» quittierten die Wiener nach der Uraufführung mit warmem Applaus.
Mehr wäre dringelegen
Tatsächlich sei die Soiree durch Hartmanns Hand süffiger und satter geworden, heisst es aus gut unterrichteter Quelle. Wie auch immer, eins stimmt jedenfalls: Das Akademie-Theater (die grosse Filiale des Burgtheaters) zeigte am Freitag neunzig manierlich rhythmisierte Minuten mit ironischen Rüpelszenen, ironischen Rührszenen und viel Musik. Bloss: Ohne die dick aufgetragene Munterkeit hätte «Nur Nachts» deutlich mehr Spass gemacht. Denn die Wahlzürcherin hat in ihre knallharten Dialoge, ihre bösen Pointen durchaus mehr hineingepackt als intellektuell aufgerüstete Zwerchfellkitzler.
Sibylle Bergs Geschichte von den zwei Singles Mitte vierzig, die ihr Leben in einem durchschnittlichen Job, einer durchschnittlichen Ödnis vergähnen, sich zufällig treffen und von einem Neuanfang zu zweit fantasieren, ist bitter wie Galle und traurig wie der Tod. Längst hebt die Vergänglichkeit ihr hässliches Haupt, wenn die beiden belanglosen Helden in den besten Jahren in den Spiegel schauen: Jetzt ist die letzte Chance, dem Leben einen Sinn abzupressen. In sechs Tagen wollen Peter und Petra darum gemeinsam zu neuen Ufern aufbrechen.
Die Hölle ist immer und überall
Aber jede Nacht verscheucht ein neuer Albtraum die Hoffnung auf ein spätes Glück: Das bedeutet, tagsüber, lange angsterfüllte Telefongespräche. An den Hörer geklebt, wickeln Alexandra Henkel und Dietmar König (im richtigen Leben ein Power-Paar, ebenfalls um die vierzig, beide zu Recht mit Schauspielpreisen ausgezeichnet) diese Gespräche um sich herum wie einen Schal, ein Stückerl Wärme. Wie das Fett und die Kalorien, mit denen Peter und Petra über die Jahre ihre ungeliebten, unberührten Körper gepanzert haben.
Mehr Glück als einen Ring aus Fett und Telefongespräche mit Poesiehäppchen darf nicht sein, beschliesst die mephistophelische Gestalt, die Sibylle Berg «Einsatzleiter» nennt. Marcus Kiepe spielt diesen Mephisto mit einem dünnen, langen Pferdeschwanz, schniekem Jackett, flotter Singstimme und dobermannscharfer Arbeitgeberattitüde. Er holt in seinem Prolog im Himmel die selbst gebastelte Sonne herunter, denn der Deal lautet hier nicht, die Menschen zu einem «Augenblick, verweile doch, du bist so schön» hinzureissen. Berg dreht die Sache um: Der Trick ist, die armen Seelen in einem dunklen, zähen Brei aus Trübsal und Tristesse zappeln zu lassen, bis es sich ausgezappelt hat. Die Hölle ist immer und überall.
Grunzen, grölen und prusten
Zwei dienstbare Geister stehen Mephisto dafür zur Seite; und Niklaus Helbling nutzt die beiden ganz in fiesem Gelb ausstaffierten Geschöpfe (Kostüme: Victoria Behr), um in altbekannter Art Dampf zu machen. Die gelben Gesellen – überaus wendig: Sarah Viktoria Frick und Daniel Jesch – grunzen und prusten, singen und grölen, keckern und kieksen, wenn sie Peter und Petra in die Welt der Nachtmahre entführen. Mal spielen die zwei die spätgeborenen Zwillingskinder des Paars und entlarven das Familienglück als Inferno für alle; mal entführen sie in die Armut, die kommt, wenn der Job flöten geht. Dass sie zwischendurch mit den fabelhaften Livemusikern (Trompete: Imre Bozoki-Lichtenberger, Gitarre: Moritz Wallmüller) einen geisterhaften Chor bilden, und dies nicht ohne monströse Bambi-Masken, gehört sozusagen zur Grundgrammatik des Helbling-Theaters (Choreografie: Salome Schneebeli).
So entwickelt sich aus Sibylle Bergs kaltem, wortstarkem «Vanitas»-Telefontheater ein aufgekratztes, tonstarkes Psycho-Musical. Helblings Bühnenbildner Dirk Thiele generiert dazu eine wabernde, videounterstützte Traumwelt aus überdimensionierten Puzzleteilen: Auf diesen Versatzstücken der Realität findet sich hier ein Stück Wohnblock, da ein Stück Baum, einmal wird der Garten Eden zitiert, einmal der Nachen des Charon – Verdichtung und Verschiebung. Die harte Wirklichkeit besteht aus den zwei schmalen, metallenen Betten von Peter und Petra. Alles andere ist ein softer Mix aus Jung und Swedenborg, Nietzsche und, natürlich, Berg.
Auf zur Hardcore-Kritik
Es hätte ruhig mehr Berg sein dürfen. Dann wäre die Autorin vielleicht auch nicht so enttäuscht von dieser Art des Theaters, von dem sie sich, wie sie sagt, mit «Nur Nachts» vorderhand verabschiedet. Beim neuen Stück «Hauptsache Arbeit!», das im April in Stuttgart uraufgeführt wird, soll kein Spasstheater mehr drinliegen, sondern Hardcore-Kritik. Und vielleicht wird am Neckar dann richtig authentisch gewütet und gejauchzt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.03.2010, 06:26 Uhr
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