Kultur
Berner Stadttheater: Seelenstürme im Nirgendwo
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Cathy Marston liebt die Literatur. Vor einem Jahr, in ihrer ersten Spielzeit als Ballettchefin in Bern, zeigte sie «Gespenster», das sich auf Henrik Ibsens gleichnamiges Theaterstück bezog. Jetzt, in «Sturmhöhe», beruft sich Marston auf Emily Brontës «Wuthering Heights», den romantischen englischen Schauerroman von 1847.
Doch diesmal geht die Choreografin völlig anders mit der literarischen Vorlage um. In «Gespenster» zeichnete Marston die Handlung konkret nach, handfest, theatralisch, mitunter auch recht altmodisch. «Sturmhöhe» dagegen wirkt viel abstrakter, bis hin zum Bühnenbild von Jann Messerli. Dieses zeigt weder die vom Sturm zerfetzte Heidelandschaft von Yorkshire noch die Höfe der Gutsbesitzer aus dem Roman, sondern einen kühlen Raum, bestückt nur mit zwei verschiebbaren schwarzen Balken und einer Kiste. Darüber spannt sich ein Geflecht aus weissen Schnüren, das sich bisweilen auf die Bühne senkt. Ein Raum im Nirgendwo, aber offen für Gefühls- und Seelenstürme.
Symbiotisches Paar
Von den vielen Personen aus Emily Brontës verschachteltem Roman bringt Cathy Marston nur die fünf wichtigsten aus der ersten Hälfte des Buches auf die Bühne: Die Gutsbesitzertochter Catherine (Jenny Tattersall), den ihr symbiotisch verbundenen Findling Heathcliff (Gary Marshall), dazu Cathys Bruder Hindley (Erick Guillard), ihren späteren Ehemann Edgar (Chien-Ming Chang) und dessen Schwester Isabella (Hui-Chen Tsai). Sie sind zunächst nicht leicht identifizierbar, weil sich ihre Gefühle zuweilen von ihnen abspalten und auf die übrigen sieben Tanzenden übergehen. So kann sich die Liebe zwischen Heathcliff und Catherine in einem andern Paar spiegeln, oder ein Pas de Deux geht gleich dreifach synchron über die Bühne.
Die Handlung kriegt man nur bruchstückhaft mit. Das frustriert etwas. Bis man dann doch hineingezogen wird ins Gefühlschaos von «Wuthering Heights»: Wie Heathcliff sich schauerlich rächt dafür, dass Catherine aus Vernunftsgründen einen andern heiratet. Wie er Isabella verführt und quält, wie er Hindley die Demütigungen zurückzahlt, die er einst von ihm erfahren hat. Catherine versucht derweil, mit ihrem edlen Edgar zurecht zu kommen, bis sie dann doch wieder Heathcliff verfällt – und stirbt.
All diese Greuel aus dem Roman zeichnet die Choreografin, anders als in «Gespenster», also nicht naturalistisch nach. Sondern setzt sie in eher kühlen modernen Tanz um. Die Frauen eilen auf nackten Füssen über die Bühne, als seien sie Töchter der Luft oder des Sturms.
Bodenverhafteter, aber doch agil bis tollkühn werfen sich die Männer in die Szene. Oder man findet sich zu Paaren und spannungsvollen Dreiergruppen zusammen. Diese zeichnen sich bei Cathy Marston durch transparent verflochtene Bewegungen aus, die sich ohne aufdringliche Posen gleichmässig auf Tänzerinnen und Tänzer verteilen. Die Mitwirkenden des Ballett:Bern, die wohl bei der Entwicklung des Stücks mitgefiebert haben, machen das wunderbar.
Musikalischer Wurf
Und die Musik? Sie ist ein Wurf. Dave Maric, der schon für «Gespenster/Ghosts» (entstanden 2005) den Kompositionsauftrag bekam, lässt in «Sturmhöhe» die Naturgeräusche und gegensätzlichen Stimmungen aus «Wuthering Heights» konkreter aufklingen als das Bühnenbild. Man hört den Regen rauschen, den Sturm brausen, die Türen wackeln. Und das mit Hilfe eines einzigen Instruments: dem Kontrabass. Dessen separat aufgenommene und später gesampelte Klänge (laut Programmheft ein «solo akustisches Bassorchester») bilden die Begleitung, während Mich Gerber links vorn auf der Bühne auch noch live mitspielt. Grossartig. Komponist Maric koordiniert derweil im Hintergrund.
Bei der Uraufführung am Samstagabend klafften Lücken im Zuschauersaal. Der Applaus aber war stürmisch. Zu Recht.
Weitere Vorstellungen: Bis 24. 6. im Stadttheater. (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.03.2009, 08:45 Uhr





