Polo Hofer: «Ich hatte nie Angst vor dem Tod»

Lange war es still um den Mundartrockpionier (72). Polo Hofer leidet an Lungenkrebs. Zurzeit gehe es ihm gut, erzählt er in seiner Wohnung in Oberhofen. Morgen Dienstag wird ihm zu Ehren eine Holzskulptur eingeweiht. Da will er dabei sein.

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Polo Hofer, wir haben vereinbart, über Gott und die Welt zu sprechen. Womit fangen wir an: Mit Gott oder mit der Welt?
Polo Hofer: Fangen wir unten an.

Okay. Die Welt ist bald um eine Polo-Hofer-Skulptur reicher. Morgen Dienstag wird sie eingeweiht. Freuen Sie sich darüber?
Aber sicher, ja. Sie wird aus einheimischem Holz gemacht und das ist eine gute Sache. Zudem habe ich eine Beziehung zum Kunsthandwerk. Und sie sieht wirklich aus wie ich, also wie mein jüngeres Ich (lacht). Morgen wird die Blümlisalp hier in Oberhofen anlegen, und anschliessend wird die Skulptur in einem feierlichen Akt auf das Schiff gehievt.

Werden Sie dabei sein?
Ja. Es gibt bereits acht solche Holzskulpturen von berühmten Leuten. Interessant ist, dass ich neben Simone Niggli-Luder der Einzige bin, der noch lebt. Ich habe eine Glückssträhne.

«Ich kann nicht viel unternehmen.»

Wie sieht im Moment Ihr Tagesablauf aus?
Ich kann nicht viel unternehmen. Der Krebs hält sich zwar still im Moment, die Chemotherapie ist abgeschlossen. Aber ich war vier Monate zur Reha in Heiligenschwendi und habe Muskelschwund. Das muss jetzt mit Physiotherapie wieder aufgebaut werden. Vorerst bin ich auf den Rollstuhl angewiesen. Aber ich habe keine Schmerzen. Und ich habe im letzten Jahr, als ich diese Wohnung kaum verlassen konnte, viele Dinge erledigen können, für die ich vorher nie Zeit hatte.

Welche zum Beispiel?
Ich habe Bücher gelesen, die ich schon lange lesen wollte. Ich habe Kochbücher studiert und Kochsendungen geschaut, vor allem jene von Jamie Oliver und Rick Stein. Es fasziniert und erstaunt mich, wie erfolgreich diese Kochsendungen sind. Sogar CNN hat eine eigene Kochsendung!

Kochen Sie auch selber?
Ich habe einiges aus den Sendungen nachgekocht. Aber es dauerte manchmal zwölf Stunden, bis man es essen konnte.

Zwölf Stunden?
Ja, mit Marinieren und Ziehenlassen und so weiter. Weil mir das zu lange dauerte, habe ich angefangen, die «15-Minuten-Rezepte» von Jamie Oliver zu kochen.

Haben Sie schon immer gern ­gekocht?
Ja, ich habe vor fünfzehn Jahren in New Orleans einen einwöchigen Kochkurs gemacht: «Cajun Cuisine». Das war eine interessante Sache, diese Küche ist ja sehr karibisch inspiriert. Um 14 Uhr hat man sich getroffen, wir waren etwa zwanzig Leute. Es wurde den ganzen Nachmittag gekocht. Nach dem Essen kam jeweils eine Cajunband, auf den Kochkurs folgte der Tanzkurs. Als ich zurückgekommen bin, habe ich diese Rezepte auch hier gekocht, in verschiedenen Restaurants. Ich war an der Gourmetwoche Gstaad eingeladen und habe ein Kochgewand bekommen, mit eingesticktem Namen (lacht).

«Die Musik ist meine grösste, aber sie war nie meine einzige Leidenschaft.»

Was haben Sie gekocht?
Etouffée, das ist eine Spezialität der Cajunküche, mit Krustentieren und Reis. Das habe ich den Spitzenköchen in Gstaad serviert, einige haben mich anschliessend nach dem Rezept gefragt (lacht). Kochen hat viel mit Fantasie und Improvisation zu tun, das ist die Parallele zur Musik. Das Grundprinzip ist dasselbe. Der Starkoch Paul Bocuse hat einmal gesagt, Kochen sei die Veredelung der Nahrungsmittel. Ich sage: Musikmachen ist die Veredelung der Töne. Die Musik ist meine grösste, aber sie war nie meine einzige Leidenschaft.

Sie malen auch.
Ja, ich bin gelernter Lithograf und habe auch jetzt noch grafische Aufträge. Ich gestalte zurzeit ein Plakat, aber darüber darf ich noch nicht zu viel verraten.

Sie waren auch Journalist und Radiomoderator.
Ich habe bei Radio Förderband das Wetterprogramm gesungen.

Gesungen?
Ja, Radio Förderband hatte nur die Konzession für ein Kulturradio. Das heisst, es durften keine Nachrichten und Wetterberichte gesprochen werden. Also haben wir sie gesungen und Kultur daraus gemacht. Manchmal staune ich selber darüber, was ich alles gemacht habe. Ich war insgesamt auch etwa 35 Tage im Gefängnis.

Wegen Aufforderung zum ­Haschischkonsum.
Nein, dafür war ich nur vor Gericht. Ins Gefängnis musste ich unter anderem wegen Sachentziehung. Das war 1969. Deswegen habe ich Woodstock verpasst.

Was haben Sie wem entzogen?
Ich habe als 17-Jähriger in Interlaken einen Jugendklub gegründet. Das war ein Kellerlokal in einem Hotel. Am Wochenende haben dort jeweils Bands gespielt. Irgendwann hat ein Musiker dort sein Schlagzeug vergessen. Ein Jahr lang meldete sich niemand, und wir wussten nicht mehr, wem das Instrument gehört. Irgendwann habe ich es einem Musiker für 350 Franken verkauft. Und jetzt kommts: Ein weiteres Jahr später ging der wahre Besitzer nach Beatenberg in die Skiferien. Dort in einer Beiz spielte ein Trio zum Tee. Der Besitzer erkannte sein Schlagzeug und verklagte mich.

«Ich habe meine Lieder, meine Bilder und meine Texte. Das sind Dinge, die bleiben.»

Wie haben Sie die Zeit im ­Gefängnis in Erinnerung?
Es waren kreative Tage. Ich habe «Herr der Ringe» gelesen. Im Gefängnis hatte ich auch die Idee, Mundartrock zu machen und eine Band zu gründen, die Rumpelstilz heisst. Vorher hatte ich nur in Fremdsprachen gesungen. Wäre ich nicht im Gefängnis gewesen, würde es den Mundartrock so vielleicht nicht geben.

Bekommen Sie noch Fanpost?
Ich bekomme pro Woche etwa zehn Mails mit Anfragen und Fanpost. Und auch handgeschriebene Briefe. Die meisten meiner Fans sind ja in meinem Alter, da haben nicht alle Internetzugang.

Man hört, Sie arbeiteten an einem neuen Album ...
Ja, ich bin dran. Es heisst «An­other Side of Polo Hofer». Es handelt sich nicht um neue Aufnahmen, singen kann ich nicht mehr. Ich habe vor ein paar Jahren gemeinsam mit Hanery Amman und Hank Shizzoe ein paar englischsprachige Songs aufgenommen. Daraus soll eine limitierte Doppel-CD mit Studio- und Liveaufnahmen werden. Mehr verrate ich erst, wenn es fertig ist.

Sie sind seit längerer Zeit gesundheitlich angeschlagen. ­Mögen Sie das Weltgeschehen überhaupt noch verfolgen?
Aber ja. Gerade jetzt, da ich nicht mobil bin, interessiert es mich, was so läuft. Ich schaue viel fern. Den Weg von Donald Trump habe ich genau verfolgt. Und auch die Wahlen in Frankreich. Auch ich habe natürlich gemischte Gefühle, was die Lage in Europa und in Amerika betrifft.

Macht Ihnen der Terrorismus Angst?
Ach nein, schon gar nicht in Oberhofen. Und Amerika hat auch andere Probleme als den Terrorismus. 30 000 Amerikaner werden pro Jahr von Amerikanern erschossen, dank der liberalen Waffengesetze. Und wussten Sie, dass pro Jahr 15 Amerikaner sterben, weil ihnen ein Fernseher auf den Kopf fällt?

Nein, das wusste ich nicht.
Auch bei uns sollte man mehr solche Vergleiche ziehen. Das relativiert ungemein. Die Anzahl von Terrorismusopfern ist verschwindend klein, verglichen mit Todesopfern bei Autounfällen. Aber die Medien schaukeln alles hoch, betreiben Panikmache. Sie haben einen grossen Anteil daran, dass ein Donald Trump gewählt werden kann.

Gehören Musik und Politik für Sie zusammen?
Ja. Jedes meiner Alben enthält auch politische Lieder. Ich habe mich immer als Chronisten angesehen. Ich habe über den Mauerfall gesungen, über Aids, über den Konsum und auch über das Flüchtlingswesen. Das Lied heisst «Ännet dr Gränze». Es entstand vor zwanzig Jahren.

«Das Paradies stelle ich mir schrecklich langweilig vor.»

Sind Erinnerungen hilfreich?
Gerade jetzt, wo ich ein Jahr lang in dieser Wohnung gefangen war, waren die Erinnerungen eine Stütze, ja. Ich bin in meinem Leben viel gereist und bin froh um alles, was ich erlebt habe. Ich war in China, Kanada, Mexiko, ich war wegen des Hanfs in Marokko, wegen des Voodoo in Westafrika und wegen der Musik in New Orleans. Und ich habe meine Lieder, meine Bilder und meine Texte. Das sind Dinge, die bleiben.

Sie haben immer offen über den Tod gesprochen. Hat sich Ihre Beziehung zum Sterben in ­diesem schwierigen Jahr ver­ändert?
Der Tod hat mich schon immer beschäftigt, schon als junger Mann. Ich hatte nie Angst vor ihm, auch jetzt nicht. Ich grüble nicht. Jeder muss irgendwann sterben. Der Tod ist die einzige wahre Gerechtigkeit. Deshalb macht mir das Sterben auch nichts aus.

Sie sagen, Sie seien Atheist.
Ja. Ich habe keine Vorstellung vom Jenseits. Gott, die Hölle, das Paradies, daran glaube ich nicht. Die Bibel ist ein Instrument dafür, Menschen zu manipulieren. Ausserdem stelle ich mir das Paradies schrecklich langweilig vor. Den einzigen guten Satz zur Religion las ich vor kurzem in den Upanishaden, den indischen Weisheitsbüchern, die um etwa 700 vor Christus geschrieben wurden. Dort heisst es: «Gott ist jünger als die Schöpfung.» Also sind Gott und die Religion vom Menschen erfunden. Das sagt ­alles.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.05.2017, 08:49 Uhr

#Woodvetia

Eine Statue steht meist auf einem Platz, im Museum oder bei einem Sammler zu Hause. Nicht so das Abbild von Polo Hofer. Der Mundartmusiker wurde im Rahmen der Kampa­gne #Woodvetia in Holz geschnitzt. Ab morgen bewegt sich das Werk des Zürcher Künstlers Inigo Gheyselinck auf dem Thunersee, auf dem Schiff Blümlisalp. Verarbeitet wurde eine Weisstanne aus Polo Hofers Geburtsort Interlaken. Die Vernissage findet am Dienstag, 16. Mai, um 12 Uhr an der Schiffstation in Oberhofen statt.

#Woodvetia ist eine Kampa­gne der Initiative Schweizer Holz, der unter anderem das Bundesamt für Umwelt, die Konferenz der Kantonsförster sowie Lignum, die Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft, angehören. Mehrere im ganzen Land verteilte Holzskulpturen berühmter Schweizer Persönlichkeiten sollen die Konsumenten und Hersteller das ganze Jahr über dafür sensibilisieren, nachhaltig mit Holz umzugehen und auf lokale Ressourcen zurückzugreifen. (stc)

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