Die Technojodlerin feiert den Sechzigsten

Sie sucht im Jodel das Archaische und in den Bergen die Freiheit: Die Berner Musikerin Christine Lauterburg wird am Samstag 60 Jahre alt. Eine Begegnung.

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In ihrem roten Mantel, mit der Kunstfellmütze auf dem Kopf und dem zart gereiften Gesicht sieht sie aus wie eine Mischung aus Rotkäppchen, Wolf und Grossmutter. Geduldig posiert Christine Lauterburg – Spitzname «Häx» – für den Fotografen unter den Berner Lauben. Mal ignoriert sie es, mal lacht sie es weg, wenn Passanten sie mit einer ­Mischung aus Bewunderung und Fassungslosigkeit beobachten. Ein Mädchen dreht sich immer wieder nach ihr um. Frau Lauterburg zeigt auf die glitzernden Hasenohren, die es trägt, und sagt: «Solche hätte ich auch gern!»

Klar, sie fällt auf. Klar, sie will es auch. Mit ihren bunten Kleidern, der blonden Mähne, dem lauten Lachen und dem fordernden Blick. Sie sei einfach so, erzählt die Jodlerin und Naturjutzerin Christine Lauterburg später. «Ich wollte schon als Kind anders sein als die anderen.» Schon früh habe sie sich auffallend angezogen und andere Musik gehört als ihre Mitschüler. Stundenlang konnte sie sich in klassischer Musik vertiefen, hat Bach geliebt, ebenso Vivaldi und Beethoven. Mit sieben Jahren fing sie an, Geige zu spielen. Abgemüht habe sie sich mit diesem Ins­trument, sagt Lauterburg und verdreht die blau geschminkten Augen. Erst jetzt, «im Alter», bekomme sie langsam den Ton aus der Geige heraus, den sie sich ­vorstelle.

Christine Lauterburg, in Bern und Bolligen aufgewachsen, ist auch als Jodlerin eine Ausnahmeerscheinung. Grüblet wie keine andere das Rohe und Leidenschaftliche des Naturjodels heraus. Angefangen hat sie in den Achtzigerjahren, lange vor dem «Neue Volksmusik»-Hype. Sie machte eine «Schnellbleiche» an der Migros-Klubschule und fing Feuer. Beim Jodeln konnte sie sich austoben, Geschichten erzählen, auch ohne Worte. Weil sie keine Tracht anziehen wollte und sich selbst mit der Geige begleitete – was gemäss Reglement bis heute verboten ist – war sie bei Jodlerfesten allerdings nicht gern gesehen, sodass sie später aus dem Jodlerverband austrat.

Das Wilde

Regeln, Konventionen, Schönheit – alles Dinge, die der bald ­60-Jährigen nicht viel bedeuten. Auch in der Musik habe sie nie Schönheit gesucht. «Ich wollte nie eine dressierte Kunststimme haben, die zwar alles singen, aber nicht viel erzählen kann», sagt die Musikerin. «Weil ich nie wirklich Gesangsstunden genommen habe, hatte ich die Chance, meine ganz eigene Technik zu entwickeln und meine eigene Stimme zu finden.» Das passe auch besser zum Jodel, der etwas Archaisches, Wildes benötige. Aber einfach nachjodeln, was andere komponiert haben, langweilte die ausgebildete Schauspielerin bald. Sie rief einen ihrer Volksmusiklieblinge, Jakob Ummel, eines Tages im Altersheim an und fragte ihn, ob sie seine Lieder etwas verändern dürfe. Dieser wollte ihren Namen wissen und ob sie mit ­Dora Lauterburg verwandt sei. Ja, Dora sei ihre Grosstante. «De dörfet dir mache, was dir weit», habe Ummel gesagt, und die Sache war geritzt.

Christine Lauterburg jodelte sich frei, kombinierte Tracht mit Minijupe und veröffentlichte 1994 das Album «Echo der Zeit» mit dem «Technojodel». Dieser machte sie weitherum ­bekannt, führte sie bis nach Shanghai. Es vergingen die Jahre, die Zusammenarbeit mit der Gruppe Doppelbock intensivierte sich, Lauterburg veröffentlichte Soloplatten, übernahm Theater- und Filmrollen. Und jetzt, 22 Jahre später, knüpft sie wieder an den Technojodel an. Gemeinsam mit dem Berner Schlagzeuger und Klangtüftler Marco Repetto erarbeitet sie neue Songs, verbindet den Jodel wieder mit Elektronik.

2017 wollen sie gemeinsam ein paar Konzerte auf grösseren Bühnen geben. Die Musik ist allgegenwärtig im Leben von Christine Lauterburg. In ihrem Kopf höre sie ständig Töne, sagt sie, und auch wenn sie spricht, klingt es wie Musik. Sie spricht langsam, sagt nicht «nei», sondern «niiiääää» oder «neeeei». Singt die Buchstaben mal wie eine Märchentante, mal wie eine Wetterhexe. Ihr Lachen ist mal rein wie ein Alpseeli, mal tosend wie ein Berggewitter. Überhaupt: die Berge. In jeder freien Minute geht Christine Lauterburg wandern. Hoch auf die Alp, singend, versteht sich. In der Stadt jodelt sie zwar auch gern, am liebsten «in den Lärm hinein». Aber in den Bergen, wenn sich das Echo mehrmals wiederholt und die eigenen Töne hin und zurück übers Tal fegen, das sei schon ­besonders. «Und ganz oben ist man nah beim Himmel, es gibt viel Licht und keinen Chef.»

Die Freiheit

Ohne Chef und frei, so lebt sie am liebsten. Wobei sich ihr Begriff von «frei sein» mit den Jahren ­relativiert hat. «Der Mensch ist nicht sehr frei. Er entscheidet nicht, wann er auf die Welt kommt, und auch nicht, wann er sie wieder verlässt.» Und dazwischen könne sich ein Leben in einer Sekunde schlagartig ändern, ohne dass man mitentscheiden könne. Eine solche Sekunde erlebte Lauterburg vor ­vielen Jahren, als sie im neunten Monat schwanger war und einen schweren Autounfall hatte. Ihr Mann überlebte den Unfall nur knapp, lag anschliessend lange im Koma.

Sie selber und das Kind blieben unversehrt. «Plötzlich stand ich da, mit einem Kind, alleinerziehend, und musste retten, was zu retten war.» Heute hat sie ihren Frieden gemacht mit dem Unfall, auch wenn sie noch ab und zu ­davon träumt. Sie wolle an der Gegenwart teilhaben und nicht in der Vergangenheit versauern. Gopfridstutz.

Das Alter

Und in der Gegenwart wartet der runde Geburtstag. Feiern will sie am Samstag ganz im Stillen, es gibt ein «kleines Anstossen mit Freunden», mehr nicht.

Wie 60 fühle sie sich nicht, eher wie 33. «Ich muss aber schon aufpassen, dass ich mich vom Alter nicht einschüchtern lasse.» Sie möchte nicht «schitter» werden und irgendwann nicht mehr wissen, ob sie noch lebe, sagt Christine Lauterburg. Dann lacht sie. «Ich möchte in gutem ­Zustand dahingerafft werden.»

Konzert: 7.4., 20.30 Uhr, Mahogany Hall, Bern. TV: Gast in der «Barbara Karlich Show»: 29.3., 16 Uhr, ORF?2. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.03.2016, 14:26 Uhr

Neues Buch

Sie mache nicht «neue» Volksmusik», sondern einfach Volksmusik, sagt Christine Lauterburg im Buch, das sich ebendieser Neuen Volksmusik widmet: Das umfassende Werk von Dieter Ringli und Johannes Rühl (Chronos-Verlag, 362 S.), nimmt einen mit auf Spurensuche. In siebzehn Porträts werden in «Die Neue Volksmusik» Musiker vorgestellt, die sich auf eigenständige Art mit Volksmusik auseinandersetzen. Auch wenn man sich über den gewählten Oberbegriff streiten kann: Dieses Buch bietet einen spannenden Einblick in eine Welt, die weit mehr zu bieten hat als Hudigäggeler.mk

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