Düsteres in Superzeitlupe

Bohren und der Club of Gore ist die langsamste Band der Welt. Zum 25-jährigen Bestehen erscheint nun das Doppelalbum «Bohren for Beginners». Eine wundersame Einstiegsdroge.

Existenzialistisch verfinstert: Bohren und der Club of Gore.

Existenzialistisch verfinstert: Bohren und der Club of Gore. Bild: zvg

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Man sagt das so leicht und viel zu oft dahin: Diese Band ist ohne Vergleich. In diesem Fall stimmt es: Bohren und der Club of Gore, das Quartett aus Mülheim an der Ruhr, ist die langsamste Band der Welt. Manche nennen sie auch die langweiligste. Aber das sind wenige.

Wer eintaucht in dieses entschleunigte Klangbad, badet in tiefstem Moll und erliegt einer magischen Musik in Superzeitlupe. Vielleicht ist das Jazz, so legt es das Instrumentarium mit Tenorsaxofon, Kontrabass, Schlagzeug, Vibrafon und diversen Tasteninstrumenten nahe. Dem widerspricht, dass kaum improvisiert wird und schon gar nicht gejammt. Viel zu genau müssen die Töne gesetzt und kalkuliert sein, damit diese minimalistischen Gebäude nicht einstürzen.

Schwarz, dann immer dunkler

«Horror Jazz» wurde es manchmal genannt. Dem widerspricht, dass Christoph Clöser, Robin Rodenberg, Thorsten Benning und Morten Gass einst als Death-Metal-Band begannen. Dann haben sie sich am exakt anderen Ende der Skala positioniert. Oder besser: dieses andere Ende erst herbeidefiniert, mit dem seltsamen Effekt, dass die erzeugten Emotionen gar nicht so weit auseinanderliegen.

Im Konzert sitzt man im lichtlosen Raum, dann wird der monolithische Klangblock losgeschickt, erst schwarz, dann immer dunkler. Es passiert wenig, doch das Wenige löst viel aus. Was man hört, ist wie eine nachmitternächtliche Fahrt durch eine schlafende Stadt, vorbei an Tankstellen, Bars, Friedhöfen, Waffengeschäften und Hochhäusern.

Alles ist existenzialistisch verfinstert. Und man ist hin- und hergerissen zwischen den Extremen dieser Musik. Meinen die das ernst oder spielen die mit dem Hörer? Genau das steigert noch die klaustrophobische Verunsicherung dieser mit der Langeweile spielenden Musik.

Jeder Ton hat Gewicht

Alles ist genauestens gebaut. Man kann die punktgenau reduzierten Schlagzeugtocks zählen im Verlauf eines Stücks. Manchmal werden auch nur die Becken sacht gestrichen. Alles ist am anderen Ende des Virtuosentums angesiedelt. Das Vibrafon schwirrt sparsam und metallisch. Jeder Ton hat Gewicht. Manchmal schweben darüber noch ein paar Geisterchöre vom Mellotron. Oder man hört das Knistern der Luft am Saxofonmundstück.

25 Jahre gibt es die Band nun schon. Zur Silberhochzeit erscheint ein 130-minütiges Best of unter dem Titel «Bohren for Beginners». Ein Anfängerkurs also, eine Einstiegsdroge, und es ist dieser Band, die das Prinzip Entschleunigung in den Superlativ überführte, zu wünschen, dass damit ihre Gemeinde Zuzug ­erfährt.

Mike Patton als Gastsänger

Einmal nur haben diese Düsterakkordtürmer einen Vokalisten in ihre Dunkelkammer geladen: Mike Patton. Der Faith-No-More-Sänger, den auch der New Yorker Avantgarde-Jazz-Impresario John Zorn regelmässig in seine Projekte integriert, bekommt knapp eine Viertelstunde, um in aller Bohren-Tiefe transparent und schwer emotional «Catch my Heart» auszuleuchten und hinzuzelebrieren. Wer danach nicht die Repeat-Taste drückt, hat ein Herz aus Stein. Wer bitte, war noch mal Nick Cave?

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.11.2016, 11:59 Uhr

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