Diesen Mundartpop kann man riechen

Achtzehn Songs, internationaler Touch – und ein Parfüm: Die Berner Band Jeans for Jesus setzt auf dem zweiten Album «P R O» ihren progressiven Mundartpop mit anderen Mitteln fort.

Mit eigener Duftnote: Die  Berner Band Jeans for Jesus  mit Marcel Kägi, Michael Egger,  Philippe Gertsch, Demian Jakob (von links).

Mit eigener Duftnote: Die Berner Band Jeans for Jesus mit Marcel Kägi, Michael Egger, Philippe Gertsch, Demian Jakob (von links). Bild: Walter Pfeiffer / zvg

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Es gibt Leute, die behaupten, der Berner Rock sei zwar nicht tot, rieche aber etwas streng. Nichtsdestotrotz bernert es derzeit nonstop auf allen Kanälen. Die Veröffentlichungen folgen sich im Taktfahrplan. Wie Berner Mundartpop tönt, glaubt man zu wissen. Aber wie riecht er ei­gentlich? Duftnoten von Gras, Schweiss und Liebe dominierten bisher. Ab und zu fiel eine salzige Träne in ein Bierglas. Alles Künstliche schien suspekt.

Jeans for Jesus, die junge Band mit Berner Wurzeln, deren Debüt «Estavayeah» unverhofft den Soundtrack zum Schweizer Sommer 2013 lieferte, mischt dem ­alten Stallgeruch nun eine eigene Duftnote bei. Diese Woche bringt das Quartett (Michael Egger, Philippe Gertsch, Demian Jakob, Marcel Kägi) ein neues Unisexparfüm auf den Markt – begleitet vom zweiten Album: «‹P R O› verbindet rhythmisch die hellen Akzente moderner Holznoten mit sportlichem Musk zu einem schlichten, leicht aufdringlichen Charakter.

Die olfaktorischen Elemente erinnern an eine elek­trisierende Beere, werden durchkreuzt von einer sakralen Intensität und formen sich zu einem Akkord von alten, ausgewaschenen Jeans, die immer noch riechen wie neu.» So lautet die Produktbeschreibung im eloquenten Pressetext, der mehr Wörter enthält als ein durchschnittliches Berner Mundartalbum.

Direkt in den Gehörkanal

Ganz zu schweigen von den Erläuterungen zur Vorabsingle «Dr letscht Popsong (Gäubi Taxis im Sand)», welche die Band ins Netz gestellt hat. Da wird über die Funktionsweise eines guten Popsongs reflektiert, selbstkritisch und ironisch, mit Verweisen auf den Musiktheoretiker Theodor W. Adorno. Die gelben Taxis fahren allerdings auch ohne solches Hintergrundwissen auf der Direttissima in den Gehörkanal – so wie auch der Album-Opener «Adelina». Dort steigt nach dem Intro die verfremdete Stimme in flauschige Höhen, wie auf vielen der insgesamt achtzehn «P R O»-Tracks.

Der elektronische Beat stichelt, als ob er auf Nadeln gespielt würde. Bis zum ersten Refrain des «letzten Popsongs», der sich an altvertrauten Wortbildern inspiriert («Schön wine Mond im Fluss»), lässt man sich Zeit. Jeans for Jesus können sich das leisten, denn ihre Musik ist reich an überraschenden Wendungen – wenn man denn konzentriert zuhört.

Unter der gestylten Oberfläche dieser internetdigitalen Clubmusik, die sich an analogem Indie-Pop reibt, taucht man ein in die Befindlichkeit der «Postcool Kids». Jeans for Jesus schenken sich nichts, reflektieren das Spannungsfeld zwischen Ambitionen und Konventionen in einer Gesellschaft, die sich fast alles leisten kann und gerade darum unter Leistungsdruck steht. «Mä stirbt aus Idiot u wachst uf aus Genie» ist einer jener kurzen Sätze, die immer dann auftauchen, wenn man sie am wenigsten erwartet.

Zur Abwechslung französisch

Mittlerweile haben Jeans for Jesus bei der Majorfirma Universal unterschrieben, wo fast die ganze Mundart-Mainstream-Szene unter Vertrag ist. Doch die Berner liefern alles andere als durchhörbaren Kompromisspop. Als Produzenten engagierte man keine lokale «Hit-Mill», sondern verzog sich in ein Aufnahmestudio in Atlanta. Auch textlich wurde man internationaler und singt zur Abwechslung französisch.

Im Fall von «Europe», das sich mit einem auseinanderdriftenden Kontinent beschäftigt, macht das Sinn. Doch auch hier bleibt die Musik pulsierend und easy: «‹P R O› kann als positives Moment in­mitten des Zusammenbruchs verstanden werden», schreiben Jeans for Jesus. Ein Zeichen zum Aufbruch ist ihr neues Album auf jeden Fall.


CD/LP/Parfüm: Jeans for Jesus, «P R O» (Universal). Albumtaufe:Dachstock Reitschule, 14. April.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 28.03.2017, 11:32 Uhr

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