Chefredaktor bezwingt Chopin

Ein Jahr lang mühte sich Alan Rusbridger, der Ex-Chef­redaktor des «Guardian», nicht nur an der Newsfront ab, sondern auch am Klavier: um Chopins Ballade Nr. 1 zu lernen.

Britische Coolness: Alan Rusbridger lernt trotz Chefredaktorenstress Chopins superschwierige Klavierballade Nr. 1.

Britische Coolness: Alan Rusbridger lernt trotz Chefredaktorenstress Chopins superschwierige Klavierballade Nr. 1. Bild: The Guardian/Handout

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Ein wenig Neid war wohl auch im Spiel, als Alan Rusbridger seinen kühnen Entschluss fasste. Der 2015 abgetretene Chefre­daktor der Londoner Traditionszeitung «The Guardian» machte an einem Klavierkurs für Amateurmusiker mit und erlebte am Abschlussabend, wie sich Teilnehmer Gary einfach hinsetzte und – nicht perfekt, aber eindrücklich – Frédéric Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll spielte. Eines der technisch schwierigsten Stücke der Klaviermusik.

Wenn der das hinkriegt, schaffe ich das auch, sagte sich Rusbridger. Und nahm sich vor: erstens die Ballade in einem Jahr zu lernen und zweitens über seinen Kampf mit dem Musikstück Tagebuch zu führen. Daraus entstand ein Buch, das es nun auch auf Deutsch gibt. Rusbridger hat es mit der Durchhalteparole eif­riger Amateure betitelt: «Play It Again» – noch mal von vorn.

Leider viel zu wenig geübt

Man muss sich als Leser ins Buch reinkämpfen. So wie ein Pianist in das zerklüftete Klanggebirge der wilden Ballade, die Chopin 1835 in Paris komponierte. Rusbridger erläutert erst ausführlich die klaviertechnischen Hürden des Stücks: die zarte Einstiegsmelodie, die Akkordgewitter, die rasende Coda am Ende mit dem Oktavendonner. Er rapportiert zaghafte Fortschritte bei seinen mehr oder weniger täglichen Übungseinheiten und die Rückschläge im Unterricht bei wechselnden Klavierlehrern.

Diese haben ihn gewarnt: Ein guter Pianist werde nur, wer vor dem 18. Geburtstag mindestens 10'000 Übungsstunden am Klavier absolviert habe. Rusbridgers Nachrechnung ergibt in seinem Fall bloss etwa 2000 Stunden. Viel zu wenig für Chopins Hochgeschwindigkeitsballade.

Zum Glück erzählt Rusbridger auch von den epochalen Ereignissen, die im Jahr 2010 seinem Balladentraining in die Quere kommen. Er führt als Chefredaktor seine Zeitung gerade in die Internetzukunft. An Geheimtreffen mit dem exzentrischen Enthüller Julian Assange plant er die Publikation der Wikileaks-Dokumente. Sein «Guardian» deckt den Abhörskandal auf, der das Ende für das Boulevardblatt «News of the World» von Medienzar Rupert Murdoch bedeutet.

Zwischendurch fliegt Rusbridger nach Libyen, um einen «Guardian»-Reporter aus Diktator Ghadhafis Klauen zu holen. Hätte er geahnt, was da auf ihn zukomme, schreibt Rusbridger, hätte er das Balladenprojekt aufgeschoben. Zum Glück hat er es nicht gewusst, denn sein Buch lebt gerade vom Wechselspiel zwischen Schlagzeilen und Notenlinien.

Das Sommaruga-Prinzip

Rusbridger scheitert immer wieder tapfer. Und bleibt dennoch an der Ballade dran. Aus der Reibung von hohem Anspruch und zähem Berufsalltag gewinnt er die schönsten Erkenntnisse des Buchs. Die erste könnte man das Simonetta-Sommaruga-Prinzip nennen. Das Beispiel der Schweizer Justizministerin, die von Haus aus Pianistin ist, zeigt: Klavierüben ist eine Schule der Disziplin, und Disziplin wirkt Wunder. Sie fördert die Be­harrlichkeit, die Konzentrationsfähigkeit, die innere Ruhe.

Rusbridger stellt fest, dass er nach zwanzig Minuten Üben seine Monsterarbeitstage gelassener angeht. Er lässt sich von Hirnforschern erklären, dass die Musik eine andere Ausdrucksform ist als das aufgeregte Gedanken- und Sprachgeflimmer. Die Forscher haben für den 57-jährigen Rusbridger überdies die tröstliche Botschaft bereit, dass auch ein in die Jahre gekommenes Gehirn noch lernfähig ist und auswendig lernen kann. Mit genug Übung und Disziplin, versteht sich.

Die zweite Erkenntnis des Buchs: Es lebe der Amateur. Weil es diesem nicht um den grossen Auftritt und die harte Konkurrenz gehen kann, braucht er eine individuelle Motivation. Er spielt aus Freude. Und mit Freunden, die er gerade durch das musikalische Zusammenspielen findet.

Chopin auf Youtube

Bisweilen kokettiert Rusbrigder allzu sehr mit seinem Understatement, bloss ein Amateur zu sein. In Wahrheit ist er ein brillanter Journalist aus der geistigen Upperclass, der nebenbei auch noch hervorragend Klavier spielt. Tipps für die Balladenfingersätze holt sich der weltläufige Chefredaktor bei Interviews mit den Starpianisten Alfred Brendel oder Daniel Barenboim.

Mit ihnen diskutiert er auch die Frage, ob die Perfektion heutiger Musikaufnahmen das Klavierspiel seelenloser und technischer mache. Die Antwort: eher ja. Aber Rusbridger beklagt nie nostalgisch das Wegsterben der alten Starpianistengeneration. Als Internetenthusiast sieht er auf Twitter und Youtube, wie fantastisch auch junge Newcomer Chopins erste Ballade spielen.

Alan Rusbridger: «Play It Again – Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten», Secession-Verlag, 479 Seiten. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 18.01.2016, 11:10 Uhr)

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