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Willisau will keinen schicken Jazz spielen

Von Christoph Merki. Aktualisiert am 24.08.2009

Nach der diesjährigen Ausgabe des Jazzfestivals Willisau zieht sich der Gründer Niklaus Troxler zurück. Sein Neffe, der ihm folgt, will den musikalischen Wechsel.

Arno und Niklaus Troxler sind sich einig: «Willisau muss ein Kontrast bleiben.»

Arno und Niklaus Troxler sind sich einig: «Willisau muss ein Kontrast bleiben.»
Bild: Thomas Burla

Troxlers Archiv soll öffentlich werden

Der Stadtrat von Willisau prüft zurzeit die Möglichkeit, das umfangreiche Archiv von Niklaus Troxler zu übernehmen. Das sagte Stadtpräsident Robert Küng am Wochenende, als in Willisau eine Ausstellung mit Plakaten und Kunstblättern des Grafikers eröffnet wurde. Troxler ist einer der weltweit einflussreichsten Grafiker. Eine Auswahl seiner Plakate befindet sich in der Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art.

Er besitzt aber auch ein riesiges Tonarchiv. Darin befinden sich Mitschnitte der Willisauer Konzerte und Festivals. Dieses Archiv gilt es laut Küng zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein konkretes Projekt gibt es noch nicht, doch sei das Interesse, diese Idee zu verwirklichen, im Stadtrat sehr gross.

JAZZFESTIVAL WILLISAU

«Knox» zum Letzten

In Willisau geht eine Ära zu Ende. Niklaus «Knox» Troxler, heute 62-jährig, begann im Jahr 1966, Jazzkonzerte in Willisau zu organisieren, und leitet seit 1975 das jährliche Festival. Insgesamt traten bei über 900 Konzerten mehr als 2500 Musiker auf. In den letzten Jahren hat sich das Festival stilistisch geöffnet, doch von der Tradition her ist klar: Der Kern der Willisauer Konzerte liegt «in jener musikalischen Aufbruchsbewegung, die man im weitesten Sinn unter Freejazz zusammenfassen kann», so Meinrad Buholzer in seinem Buch «Jazz in Willisau» (2004).

Willisau bedeutete einst auch kulturpolitisch eine Wende, denn dass Jazz Kultur sei, gehörte bis Anfang der 70er-Jahre nicht zum Selbstverständnis der staatlichen Kulturförderung. Erst 1976 wurde Willisau von der öffentlichen Hand unterstützt. Heute hat das Festival ein Budget von 700'000 Franken. Doch dieses ist nicht mehr gesichert. Vor kurzem hat die Volkart-Stiftung bekannt gegeben, dass sie dieses Jahr das Festival ein letztes Mal mit 100'000 Franken unterstützt.

Neffe Arno Troxler, der das Festival ab 2010 übernimmt, war während der letzten Jahre bereits für die Technik verantwortlich und hat Schlagzeug an der Musikhochschule Luzern studiert. Er spielt in den Bands von Heidi Happy und Coal, aber auch im Trio des Jazzpianisten Hans Feigenwinter, das am diesjährigen Festival zu hören sein wird. Dieses beginnt morgen Mittwoch mit einem Konzert der African Jazz Allstars und dem Zimology Quartett um den Pianisten Matthew Shipp. Weiter geht es bis Sonntagnachmittag mit unter anderen der Mike Westbrook Band, James «Blood» Ulmer, Vera Kappeler, John Scofield & Piety Street, Ray Anderson-Marty Ehrlich, Xu Fengxia-Lucas Niggli und der Marc Ribot Group.

Niklaus Troxler, warum hören Sie auf?
Niklaus Troxler: Mir lag immer daran, dass das Festival weitergehen wird, wenn ich mich einmal zurückziehe. Ich sah in den letzten Jahren, wie Arno zu meiner rechten Hand wurde. Es ist der richtige Moment. Wir sind ja nicht unten, sodass man sagen müsste: Jetzt kommt ein Neuer, der es nochmals versucht.

Arno Troxler, fühlen Sie sich unter Druck?
Arno Troxler: Im Moment noch nicht.

Werden Sie beide nicht vielmehr nächstes Jahr wieder nebeneinander sitzen und das Festival gemeinsam organisieren?
Niklaus Troxler: Nein, die Verantwortung muss bei einer einzelnen Person liegen. Ich werde mit Tipps zur Seite stehen, aber nicht ins Programm eingreifen. Ich möchte mich wirklich ganz herausnehmen. Auch das Festivalplakat gestalte ich nicht mehr.

Arno Troxler: Niklaus macht das Festival seit 35 Jahren, ein halber Rückzug würde ihm schwer fallen. Und das Festival liefe immer noch unter seinem Namen. Es wäre schwierig, etwas Neues zu machen, und das ist es, was ich will.

Niklaus Troxler, warum ist Arno der richtige Nachfolger?
Niklaus Troxler: Das Interesse wird nächstes Jahr gross sein, was aus Willisau wird. Aber Arno wird mit künstlerischem Gewissen entscheiden und nicht nach kommerziellen Kriterien. Er ist kein Kompromissler. Er nimmt es auch recht cool. Es belastet ihn nicht so, wenn die Leute sagen: Du verlierst vielleicht das Publikum.

Bringt der Generationenwechsel in Willisau auch einen musikalischen Wechsel?
Arno Troxler: Ja. Ich bin zwar mit Jazz aufgewachsen, am Sonntagmorgen lief bei uns John Zorn – das war wie Bon Jovi bei anderen. Aber ich habe auch viel andere Musik gehört – als Teenager etwa Hiphop und Grunge. Mir sind zum Beispiel die heutigen Stilmixe wichtig, die den Drive des früheren Freejazz in sich tragen, aber ganz anders daherkommen. Mir geht es vor allem um die Dringlichkeit der Musik. Es wird stilistisch etwas offener.

Gibt es diese dringliche Musik heute noch?
Arno Troxler: Ja, sonst würde ich das Festival nicht machen.

Niklaus Troxler: Eine Schwierigkeit im Jazz ist heute, dass es keine klare Bewegung gibt. Jeder köchelt sein eigenes Rezept, und damit ist der Jazz nicht mehr so fassbar. Vielleicht gibt es wieder einmal eine Aufbruchbewegung mit einer Haltung, einer Power, wie sie sich zum letzten Mal in der New Yorker Downtown-Szene in den 80er-Jahren zeigte. Das vermissen wir in den letzten Jahren. Die Musik ist heute nicht schlechter, aber sie wird nicht mehr als neue Tendenz wahrgenommen.

Kann es in der zersplitterten Musikszene überhaupt noch ein griffiges Festivalprofil geben?
Arno Troxler: Mein Plan ist ein Festival, das aus vielen Dingen besteht – aber dadurch, dass ich es zusammenstelle, erhält es einen roten Faden. So funktionierte es schon bei Niklaus.

Niklaus Troxler: Geht man vom Marketing aus und misst nur die Erfolgsquote von Musikern, erleidet man Schiffbruch, bevor man begonnen hat. Wenn Arno sagt: Ich lass mir beim Programm nicht dreinreden, dann ist er schon mal befreit von allem Anpasserischen.

Wird Freejazz weiterhin eine Rolle spielen in Willisau?
Arno Troxler: Ich will mich nicht auf einen Stil festlegen. Ich werde schauen, was an Interessantem da ist.

Niklaus Troxler: Grundsätzlich steht und fällt ein Engagement immer mit der Persönlichkeit eines Musikers. Wenn dich ein Musiker auch in der persönlichen Begegnung überzeugt – als Veranstalter kommst du ja in nahen Kontakt –, und wenn man merkt, dass er seine Musik lebt, dann gewinnt man Vertrauen und denkt, es wird auch künstlerisch etwas Gutes entstehen.

Arno Troxler: Das wäre wieder diese Dringlichkeit.

Arno Troxler, Sie sind in der Schweizer Szene als Schlagzeuger unterwegs. Wird es künftig mehr Schweizer am Festival geben?
Arno Troxler: Ich finde es wichtig, dem einheimischen Schaffen den Platz zu geben, den es verdient. Aber ich möchte mich auch hier nicht auf eine Quote verpflichten. Ich möchte übrigens auch keine Frauenquote.

Niklaus Troxler: Frauen müssen drin sein!

Arno Troxler: Natürlich, aber es soll keine Quote geben.

Niklaus Troxler: Ich sagte immer, dass es kein Festival ohne schwarze Musiker geben darf. Sie haben so viele Verdienste um den Jazz! Ebenso ist für mich ein Festival ohne Frauen undenkbar, ich bin ja auch in einem Frauenhaushalt aufgewachsen. Aber da hat jeder für sich selber eine Verpflichtung.

Mit der Volkart-Stiftung ist kürzlich ein wichtiger Geldgeber des Festivals abgesprungen. Ist der Zeitpunkt zur Festivalübergabe nicht ungünstig?
Arno Troxler: Klar ist es dumm, dass dieses Geld jetzt fehlt. Aber vielleicht sieht es in zwei Jahren wieder besser aus. Oder noch schlechter. Es ist immer schwierig oder nicht schwierig. Man muss es einfach machen.

Niklaus Troxler: Es ist ja bei den finanziellen Zusicherungen für 2010 durchaus etwas passiert, ich war ja nicht untätig. Wir sind zudem in der komfortablen Lage, dass unser Finanzproblem dank der Presse ständig öffentlich gemacht wird. Ich glaube, ein möglicher Sponsor wird sich bei Interesse melden. Natürlich haben wir nicht das Glück des Lucerne Festivals, wo ein geheimer Gönner sagte, wir bauen euch eine Salle modulable für viele Millionen. Verrückt! Uns wäre schon geholfen mit jährlich 100'000 Franken. Aber mehr oder weniger klappt es auch so immer. Wenn das Festival seine Qualität behält, kommt auch Geld.

Sie raten Arno Troxler, ohne Blick auf die Sponsoren zu programmieren?
Niklaus Troxler: Auf jeden Fall. Das Festival ist schnell kaputtgemacht, wenn man sich anpasst. Wenn es als Kommerzfestival gilt, hast du vielleicht grosse private Sponsoren – aber du verlierst Stiftungsgelder und öffentliche Gelder. Es gibt ja Festivals, die wirklich errechnet sind. Die privaten Sponsoren bringen sehr viel Publikum, klar, aber die Leute, die an der Musik interessiert sind, reden dann nicht mehr über ein solches Festival. Willisau will das nicht. Wir haben sowieso zu wenig komfortable Säle und Cüpli-Bars. Wir haben kein KKL. Wir müssen ein Kontrast bleiben zum Schicken.

Täuscht der Eindruck, dass Willisau immer weniger junges Publikum hat?
Niklaus Troxler: Ich bin mit dem Publikum zufrieden. Wir haben immer alte Leute verloren und neue gewonnen. Die Jungen kommen erst spät zu unserer Musik. Sie müssen sich zuerst die Hörner abstossen und über die Hitparade hinauskommen. Ich glaube, dass jede Generation, die nicht ganz auf die schicke Kiste aufspringt, sich in Willisau wohlfühlt. So schlecht haben wir das nicht geschafft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2009, 19:34 Uhr


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