Wie «Last Christmas» funktioniert
Von Johannes Hofstetter. Aktualisiert am 14.11.2011 9 Kommentare
Gehört zu Weihnachten wie der Christbaum: Wham-Song «Last Christmas».
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Auch in diesem Jahr gibt es kein Entrinnen: Noch bevor alle Einkaufspassagen auf Weihnachten getrimmt sind, erschallt in Läden, Liften und Lounges demnächst wieder «Last Christmas». Das Heimtückische an dem vor 27 Jahren komponierten «Wham»-Heuler ist: Sobald er durch die Gehörgänge geflutscht ist, klebt er im Gehirn wie ein Politiker an seinem Parlamentssitz.
Das Lied ist selbst dann zu hören, wenn es gar nicht gespielt wird. Wer «Last Christmas» liest, hat im selben Moment die Melodie dazu im Kopf. Von dort bringt er sie kaum mehr heraus. Denn «Last Christmas» ist, was vor Jahrhunderten «Der Vogelfänger» von Wolfgang Amadeus Mozart, «Air» von Johann Sebastian Bach oder das «Adagio» von Tomaso Albinoni waren. Und zu was «Alperose» von Polo Hofer und Hanery Amman, «Life Is Life» von Opus oder «Dancing Queen» von Abba später wurden: einem Ohrwurm der extrem zähen und folglich ganz fiesen Sorte.
Vertraut und überraschend
Über der Frage, was einen Ohrwurm ausmacht, zerbrachen sich schon Generationen von Gelehrten den Kopf. Der Musikforscher Hermann Rauhe sagte in einem Interview mit dem «Spiegel», ein Ohrwurm bestehe aus einem einfachen Dreitonmotiv, das sich durch Wiederholungen einpräge. Dazu komme «eine Überraschung» in Form eines «erregenden Tonsprungs» wie in «Tea For Two» aus dem Musical «No, No, Nanette» oder bei «Strangers in the Night» von Frank Sinatra. Diese Lieder zählen zu den beliebtesten Songs der Neuzeit.
Grundsätzlich liege das Erfolgsgeheimnis «in der Dosierung von Vertrautheits- und Überraschungseffekt», sagt der Experte. Abgesehen davon komme es auf den Interpreten an: Ob die Beatles, Madonna oder Bruce Springsteen singen oder ein Nobody, spiele eine zentrale Rolle.
Wichtig sei auch «die lebensgeschichtliche Funktion» des Stückes: Ein Mann, der bei einem bestimmten Lied seine spätere Frau kennen gelernt habe, verknüpfe mit der Melodie schöne Erinnerungen, die er automatisch abrufe, sobald er sie wahrnehme.
Eine überhörte «Nachtmusik»
Doch auch wenn theoretisch klar sei, wie ein Ohrwurm beschaffen ist: Planen lasse sich ein Evergreen nicht, sagt Hermann Rauhe: «Mozarts ‹Kleine Nachtmusik› war als Unterhaltungsmusik für ein Gartenfest gedacht. Die Leute haben wahrscheinlich kaum zugehört, als sie gespielt wurde.»
Dass erfolgreiche Musiker auf eine «Ohrwurmformel» zurückgreifen können, glaubt auch Jan Hemming, Direktor des Musik-Instituts an der Uni Kassel, nicht. Sosehr sich Songschreiber bemühen würden, eingängige Passagen in ihre Stücke einzubauen, so sicher sei, dass ein Ohrwurm in aller Regel in Alltagssituationen entstehe.
Der Wurm lauert in der Küche
Untersuchungen hätten ergeben, dass Menschen «in Leerlauf- und Wartephasen wie Abwaschen und Aufräumen» besonders empfänglich für Musik seien, sagt Hemming. Unter geistiger oder seelischer Anspannung seien die Antennen weniger weit ausgefahren. In der Ruhe reagiere der Kopf sehr wahrscheinlich auf die «Abwesenheit von Musik», indem er sich selber eine Melodie vorspiele.
Diese Vermutung passt zu der These des Neurologen Lutz Jäncke von der Universität Zürich. Er sagte am Rande eines Vortrages in der Musikschule Burgdorf, es sei für die Menschen «unmöglich, ohne Musik zu leben».
Zu Ohrwürmern entwickeln sich nicht nur Welthits. In kleineren Kreisen avancieren auch vergleichsweise unbekannte Lieder zu Dauerbrennern, wie eine Umfrage im Freundeskreis ergab. Genannt wurden «The Man I Need» von Tinkabelle, «Time to Pretend» von MGMT, Hermann van Veens «Warum bin ich so fröhlich?», «Aquarium» von Scream (siehe Interview unten) oder «No eine druuf» von Bäng Gäng.
Einer nach dem anderen
Die musikalischen Endlosschleifen sind stärker als der menschliche Wille. In Internetforen raten User verzweifelten Mitmenschen, ein anderes Lied zigmal abzuspielen. «Dann ist man den Ohrwurm los», versichert ein Geschädigter. Und fügt frustriert an: «Dafür hat man einen neuen im Kopf.»
Nur: Das ist immer noch angenehmer als das, was einem Studenten der Uni Kassel widerfuhr: Er hörte ein Lied drei Wochen lang ununterbrochen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 14.11.2011, 16:46 Uhr
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9 Kommentare
"Denn «Last Christmas» ist, was vor Jahrhunderten «Der Vogelfänger» von Wolfgang Amadeus Mozart, «Air» von Johann Sebastian Bach oder das «Adagio» von Tomaso Albinoni waren." Diese Aussage ist völlig falsch. Das "Air" aus der 3. Orchestersuite war zur damaligen Zeit nur einem kleinen Publikum zugängig und sicher kein Ohrwurm. Da gibt es andere Kaliber von Bach. Antworten
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