Kultur

Viel Bling-Bling um Sa Dingding

Kindlich, unnahbar, exotisch schön: So erregte die Chinesin Sa Dingding 2007 mit ihrem Debüt international Aufsehen. Doch ihre zweite CD «Harmony» harmoniert nun allzu gut mit hiesigen Erwartungen – was fehlt, ist die Identität, die andere Stimmen Asiens auf dem Popmarkt des Westens überlebensfähig macht.

Urna: Die mongolische Singer/Songwriterin macht auch Filme.

zvg

«Ich bin eine Blume, frei wandernd», säuselt Sa Dingding in höchsten Lagen und schwebt entwurzelt Richtung Westen. Um hier gut anzukommen, hat sie gar eine kurzatmig phrasierte Babysprache erfunden: «O Ki Lu Gi Lu A Ki Li J Lu Da Ya / O Lu Ki Lu Ji Lu A Ji Ku Lu Da Nu». Alles klar? Eigentlich schon. Denn die Art, wie die 27-jährige Sängerin sich auf dem neuen Album «Harmony» präsentiert, entspricht dem hier zu Lande gängigen Klischee der willigen asiatischen Kindfrau. So hat Sa Dingding die kräftigen, weit tragenden Töne aufgegeben, die sie als Nomadin in der mongolischen Steppe zur Pferdekopfgeige singen lernte. Stattdessen liess sie den Björk- und U2-Produzenten Marius de Vries ihre selbst komponierten Songs arrangieren. Resultat: Technoider Leichtgewichtpop mit panasiatischem Dekor. In Mandarin, Mongolisch, Sanskrit und Tibetisch schmiegt sich Dingdings Stimmchen nun ans dichtprogrammierte Soundgewebe; schlanke, vorwärts treibende Beats verleihen ihr den Anschein von Bodenhaftung. Doch was nachklingt, ist nicht die Stimme, sondern die Stimmung der Platte: Flauschrausch für die Buddha-Bar.

Apolitisch

Zu Hause ist Sa Dingding hip. Von ihrem Erstling «Alive» hat sie im asiatischen Raum über zwei Millionen Platten verkauft. Für den westlichen Markt wurde das Ganze neu abgemischt – Leute wie Star-DJ und Madonna-Produzent Peter Oakenfold trimmten Sa Dingding 2007 auf die US- und Euro-Charts. Und die Marketing-Abteilung der damaligen Plattenfirma Unviersal wies das Kritiker-Lieblingskind in spe an, sich lauthals für die Versöhnung Chinas mit Tibet auszusprechen. Begeistert schnappten die Medien nach dem Köder. Doch von Tibet ist auf «Harmony» nicht mehr die Rede. Natürlich sei sie für die Versöhnung der Völker, antwortet Sa Dingding allen, die sie darauf ansprechen. Dabei erwähnt sie kaum je die kulturelle Unterdrückung, die ihr eigenes mongolisches Volk in China erfahren hat. Dingding scheint völlig apolitisch zu sein – auch das gehört zum porentief reinen Image. Doch dieses Image könnte der Künstlerin zum Verhängnis werden – zu viele wie sie speit der Durchlauferhitzer des westlichen Showbiz jedes Jahr auf den Markt. Wer hinter dem schönen Schein kein In-sich-selbst-Sein aufweist und aus dieser Position auch mal eine Überraschung lancieren kann, ist schnell vergessen.

Selbstbewusst

Nicht alle asiatischen Stimmen verklingen, wenn der Newcomer- und Exotenbonus aufgebraucht ist. Yungchen Lhamo etwa, die Exil-Tibeterin, die sich in den Neunzigerjahren als Weltmusik-Ikone etabliert hat, tritt mit Vorliebe in der New Yorker Carnegie Hall und anderen Hochburgen westlicher Popkultur auf. Dort zieht sie das Publikum mit ausgefeiltem Obertongesang und ihrer unangepasst selbstbewussten Art in den Bann. Ein etwas derber Humor gehört dazu wie das hemmungslose Laut-werden-Lassen nicht vorgesehener Körpergeräusche. Das Publikum störts so wenig wie Peter Gabriel, der Lhamo auf seinem renommierten Label Real World veröffentlicht, und Künstler, die mit ihr zusammengearbeitet haben: Annie Lennox, Billy Corgan (Smashing Pumpkins), Sheryl Crow oder Michael Stipe von R.E.M.

Angesehen

Ähnlich angesehen ist die Mongolin Urna Chahar-Tugchi, kurz Urna. Die Singer/Songwriterin, die in Deutschland im Exil lebt, wurde Mitte der Neunzigerjahre im Westen bekannt und ist seither fester Bestandteil auf den Programmen der europäischen Festivals und Clubs. Urna entwickelt ihre «Songs of the Grasslands» von Album zu Album weiter, ohne ihre Wurzeln zu kappen. Die verlorene Heimat ist bei ihr immer ein Thema, und ihre Konzerte machen den weiten Raum der Steppe für das Publikum fast physisch erlebbar. Im Juni kommt auch Urnas zweiter Film in die Kinos: «Die beiden Pferde des Dschinghis Khan». Er entführt Musik- und Kinofans in die Welt der Pferdekopfgeige, aus der auch Sa Dingding stammt. Yungchen Lhamo und Urna traten beide schon in Bern auf. Bleibt ein Konzert des neuen chinesischen Fräuleinwunders abzuwarten, um an dieser Stelle nicht ungerecht zu urteilen und zwischen all dem umsatzsteigernden Bling-Bling vielleicht doch noch die wahre Dingding zu entdecken.

CD: Sa Dingding, «Harmony», Wrasse/Musikvertrieb. Konzert: 25.5., Kaufleuten Zürich, 20 Uhr. Film mit Urna: «Die beiden Pferde des Dschinghis Khan», im Juni in den Kinos. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.03.2010, 11:42 Uhr

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