Songs und Sounds für die Ewigkeit
Die Bläser führen an: Trauerzug mit bunt geschmücktem Leichenwagen in Gonaives, Haiti
Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie Sie Ihre Trauerfeier gestalten wollen? Wer eine Rede über Ihr Leben halten und welches Lied gespielt werden soll? Das sind Fragen, die den meisten von uns unangenehm sind. Zwar wird jeder Mensch im Laufe seines Lebens die Trauerfeier für einen Liebsten organisieren müssen, aber nur selten machen wir uns Gedanken über die eigene Sterblichkeit.
Das Berliner Label Get Physical hat nun ein Projekt veröffentlicht, das dreizehn namhafte Künstler aus dem Bereich der elektronischen Musik veranlasst hat, sich auf höchst intime Art und Weise mit ihrer Endlichkeit auseinanderzusetzen. Für die Compilation «Final Song» mussten die Musiker ein Lied auswählen, das sie bei ihrer Beerdigung gespielt haben möchten. Von den paar Dutzend Künstlern, die angefragt wurden, haben einige nach längerer Bedenkzeit zugesagt, andere sofort abgelehnt. «Was soll das?», wurde gefragt, «Das bringt niemanden weiter!» Ironischerweise legitimieren gerade solche Reaktionen das Projekt – ein musikalisches Statement, das versucht, die Angst vor dem Tod zu bannen. Zwar begegnen wir als zivilisierte Menschen dem Tod in Musik, Kunst, Filmen und literarischen Werken öfters. Doch das Philosophieren über den Tod ist nur der erste Schritt auf dem Weg zur Akzeptanz.
Letzte Botschaft
Dies ist wohl auch der Grund, warum das Projekt «Final Song» in der Musikszene so viel Aufregung verursacht hat: Ein Lied für seine eigene Trauerfeier auszusuchen ist keine rein intellektuelle Tätigkeit, so etwas erfasst den ganzen Menschen. Laurent Garnier, Coldcut, DJ Hell, Chloé, Storm, Ricardo Villalobos und sieben weitere Artisten haben zig Tage in ihren Studios und DJ-Kellern zugebracht und unzählige Schallplatten durchforstet – immer mit den zentralen Fragen im Hinterkopf: Ist dies das Lied, mit dem ich verabschiedet werden möchte? Soll dieser Song meiner Familie Kraft spenden und ihr über den Schmerz hinweghelfen? Oder wähle ich ein Stück aus, das mein Leben und meine Identität widerspiegelt?
Die beteiligten Künstler haben sich diese Fragen sehr unterschiedlich beantwortet. So hat sich der Deutsche DJ Hell (46), welcher sich mit seinem Label International Deejay Gigolos weltweit einen Namen gemacht hat, für «Golden Brown» von The Stranglers entschieden. «Ein Song, der die Menschen zum Tanzen inspiriert – sogar auf dem Friedhof», begründet er seine Wahl.
Die Britin Storm, ebenfalls um die vierzig, gehört mit ihrer Freundin Kemistry seit den Neunzigerjahren zu den Ikonen der Drum-’n’-Bass-Szene. Die beiden traten als Duo auf, bis Kemistry 1999 bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam. Storms Wahl ist auf das Lied «Modus Operandi» von Photek gefallen, einem Künstler und Remixer, der eng mit ihr und Kemistry befreundet war. «Es gibt nur wenige Lieder, die wie Balsam für die Seele sind. ‹Modus Operandi› ist für mich genau das», erklärt sie. «Während eineinhalb Jahren habe ich diesen Song jeden Tag gehört, und er gab mir das Gefühl, dass ich besser mit der Welt umgehen kann. Gerade, nachdem ich Kemi verloren hatte.»
Rockig ins Chaos
Der französische DJ und Produzent Laurent Garnier (43) gehört zu den Urvätern des Techno in Europa. Sein letztes Lied soll aber «Sit Down Stand Up» von der Rockgruppe Radiohead sein. Garnier: «Das Lied ist unglaublich, es fängt so sanft an und endet dann im totalen Chaos. Genau so stelle ich mir den Weg in den Himmel oder die Hölle vor – man weiss nicht genau, wo man sich hinstellen soll oder was man tun muss.» Gleichzeitig sieht der Franzose in diesem Song aber auch seine Persönlichkeit widergespiegelt: «Dieses Lied wäre eine tolle Erinnerung an mich – an jemanden, der immer nach Kontrasten suchte, der nie vollkommen zufrieden war mit einem Rhythmus oder einem Tempo.»
Hitliste für Trauerfeiern
Die Idee der morbiden Songsammlung ist nicht neu. Neben einer ganzen Reihe von CDs – nicht alle mit so ernsthafter Absicht wie «Final Song» – gibt es auch artverwandte Bücher. Vor drei Jahren zum Beispiel erschien «I Hate Myself and Want to Die», ein humoristisch aufgemachtes Kultbändchen zu den 52 allerdeprimierendsten Popsongs. Und auf zahlreichen Websites findet man Listen von Liedern, die an Trauerfeiern gespielt wurden. So etwa das Stück «Over the Rainbow» von Judy Garland, das am 8.August 1962 im Westwood Village Memorial Park an der Beerdigung von Marilyn Monroe gespielt wurde – angeblich auf ihren Wunsch. Oder der «Todesmarsch» von Beethoven, eines der Stücke, die am Begräbnis des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy am 25.November 1963 in Washington D.C. erklangen.
Inzwischen gibt es auch richtige «Begräbnishits». Auf der Liste der am häufigsten gewählten Trauerlieder steht «Candle in the Wind» an der Spitze. Elton John hat den Song im August 1997 an der Beerdigung seiner engen Freundin Diana Princess of Wales (und Princess of Hearts) vorgetragen.
Radikales Konzept
So wenig innovativ die Idee zur «Final Song»-Compilation ist, so neu und radikal ist die Umsetzung. Zwar wurde und wird besonders im Rock- und Punkgenre viel zum Tod getextet, doch sich so intensiv mit seinem eigenen Ende auseinanderzusetzen und bereits ein Lied für die eigene Trauerfeier zu bestimmen, das ging den meisten Künstlern bisher doch zu weit. Ein Grund dafür mag sein, dass wir uns nie bereit fühlen, dem Thema Tod entgegenzutreten. Es ist immer der falsche Zeitpunkt. Zudem lassen die moderne Medizin und die hohe Lebenserwartung den Tod immer ferner rücken und abstrakter wirken. Zwar sind dank technisch-em Fortschritt einige Rätsel gelöst und neue Therapien gegen tödliche Krankheiten möglich geworden, doch auf die Furcht einflössende Frage, wohin wir nach unserem Tod gehen werden, gibt es noch immer keine Antwort. Wir werden es alle erfahren – früher oder später.
CD-Compilation: «Final Song», Get Physical/Namskeio. (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.03.2009, 11:24 Uhr
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