Sie rappt gegen Google

M.I.A. hat sich auch für ihr drittes Album «Maya» ein grelles Chaos ausgedacht.

Das schöne Gesicht des militanten Widerstands: Die tamilisch-britische Rapperin Maya Arulpragasam alias M. I. A.

PD

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Mit brutaler Härte stürmen paramilitärische Truppen durch US-amerikanische Kleinstädte. Rücksichtslos und effizient treiben sie rothaarige Menschen aus ihren Wohnungen und von den Strassen zusammen. Pferchen sie in Wagen, sperren sie in Lager, treiben sie in Minenfelder, erschiessen sie. In verstörender Detailtreue werden Exekutionen und explodierende Kinderkörper gezeigt, dazu prügelt kalt ein stures, minimales Elektroriff, und eine aufsässige Frauenstimme giftet metallisch verfremdete Parolen. «Born Free» heisst diese Single, die Maya Arulpragasam alias M.I.A. im April ihrem neuen Album vorausschickte. Mit ihr und vor allem mit dem dazugehörigen Videoclip zeigte die tamilisch-britische Rapperin mal wieder, dass sie weiss, wie man mediale Effekte setzt: Prompt sah sich das Videoportal Youtube zur Zensur des Films genötigt – womit M.I.A. also erfolgreich an der üblichen Selbstdarstellung sozialer Netzwerke als unparteiischer, offener Demokratien zu kratzen verstand.

Aber krass ist «Born Free», eine Coverversion des 33 Jahre alten Stücks «Ghostrider» vom Elektrobilly-Duo Suicide, schon.

Zwei Monate später sitzt Maya Arulpragasam, die 35-jährige Rapperin, die mit ihrer Familie 1986 aus dem sri-lankischen Bürgerkrieg nach London floh, freundlich über die Reste eines Lunches gebeugt in einem Hamburger Hotel und versteht gar nicht, warum sich alle so aufregen: «Es gibt Videos aus Kriegsgebieten, wo Leute beim Einkaufen erschossen werden. Ich habe Links zu Erschiessungen in Sri Lanka getwittert, und nicht einmal meine Fans waren geschockt. Dann drehe ich ein Video mit etwas Kunstblut, und alle sind angeekelt und schockiert. Dabei basiert es auf realen Ereignissen in Sri Lanka, ich habe sie nur statt mit tamilischen Gefangenen mit Rothaarigen erzählt.»

Horrorgeschichte mit distanziertem Ekel

Wie sie die Horrorgeschichte mit distanziertem Ekel darlegt, glaubt man ihr beinahe die Verwunderung. Andererseits hat sie in Romain Gavras, dem Sohn des Altmeisters engagierter Politthriller, Constantin Costa-Gavras, einen Regisseur verpflichtet, der schon 2008 mit einer drastischen Arbeit für das französische Elektro-Duo Justice Empörung auslöste. M.I.A selbst wiederum sorgt seit ihrem 2005er-Debüt «Arular» nicht nur mit ihrem global ausstaffierten Mix aus Elektro, Dancehall und Hip-Hop für Aufsehen. Die ehemalige Grafik- und Filmstudentin schmückt ihre Texte mit rebellischer Rhetorik und die Cover, Videos und Bühnenprojektionen mit Bildern stilisierten Kriegsgeräts und dem Logo der tamilischen Tiger, militanter sri-lankischer Separatisten, denen ihr Vater und Onkel nahestanden. «Es geht doch gar nicht mehr», sagt sie heute, «um die Tiger. Sondern um die tamilische Bevölkerung, die zwischen den Fronten steht. Der Bürgerkrieg hat mein ganzes Leben geprägt. Es ist, wie es ist durch diesen dummen Krieg.»

Gerade hat die Journalistin Lynn Hirschberg in einem langen Text für die «New York Times» M.I.A.s Engagement für Sri Lanka in seiner Glaubwürdigkeit angezweifelt, wegen angeblicher Unschärfen in der Beschreibung – und weil ihr luxuriöser Lebensstil mit der politischen Überzeugung kollidiere. Arulpragasam lebt nach Stationen in London und New York derzeit in Los Angeles, mit ihrem Kind und dessen Vater Benjamin Brewer, Musiker und Sohn des Seagram-Erben und Warner-Chefs Edgar Bronfman Jr. Auf der Suche nach der korrekten politischen Repräsentation im Pop will sich M.I.A., die übrigens beim Indielabel XL Recordings veröffentlicht, allerdings nicht zwischen den beiden Extremen Gutmensch (also: Bono) und Pop-Agentin (Lady Gaga) festlegen lassen: «Ich bin vielleicht eher Iman. Die kommt aus einer Lehmhütte in Somalia und lebt mit David Bowie. Mein Punkt ist: Wenn Nachrichtensender über ein Krisengebiet berichten, dann rennen immer ein paar Kinder im Hintergrund eines Ladens herum, und der Sprecher sagt: Diese Kinder brauchen blabla. Schnitt ins britische Parlament, blabla. Aber nie heisst es: Und jetzt sprechen wir mal mit dem Kind. Deshalb muss so ein Kind, wie ich eines war, dann eben in den Westen kommen, die Sprache lernen, eine Musikerin und ein Popstar werden und sich vor Leute wie Lynn Hirschberg setzen: Erinnert ihr euch daran, wie man mich, als ich vor 15 Jahren im Fernsehen war, nicht nach meiner Meinung gefragt hat? Was ich damals gern gesagt hätte, war . . .»

Aufklärung, Polemik, Paranoia

M.I.A hat als Reaktion auf den Artikel Hirschbergs Telefonnummer getwittert und flugs einen knackigen Track namens «Haters» veröffentlicht. Die «New York Times» andererseits, die Sri Lanka für den Strandurlaub empfahl, räumte ein, dass Hirschbergs Interviewpassagen aus dem Kontext gerissen waren; der Londoner «Observer» konstatiert, dass M.I.A.s Vorwürfe gegen die sri-lankische Regierung einer Überprüfung standhalten. Man könnte sich, statt sie wie eine Diplomatin abzuklopfen, auch einfach überlegen, dass mit dem Aufwirbeln von Staub schon die wesentliche Kunstarbeit getan sei. Und gewirbelt wird eher noch kräftiger als bisher, obwohl sie wegen des Babys diesmal zur Produktion nicht wie für ihr zweites Album «Kala» durch die halbe Welt zog, sondern ein Heimstudio «mit einem Babyfon für 25.99 Dollar» eingerichtet und befreundete Produzenten zur Arbeit eingeladen hat. Ihrer künstlerischen Linie zwischen Aufklärung, Polemik und Paranoia ist sie dabei treu geblieben, nur habe sich, sagt sie, die Grundidee von der Globalisierung zur «Google-isierung» verschoben. «Nicht Erste gegen Dritte Welt ist das Thema, sondern diese riesige Verbindung der Welten, wo die grösste Wirtschaftsmacht der Welt mit Informationen über unsere Daten handelt, um uns in Terroristen und Nicht-Terroristen aufzuteilen.»

Dazu hat sie den Sound verdüstert, und das poppige Element von früheren Hits wie «Paper Planes» getilgt. Stattdessen richtet sie ein Fest seltsamer Geräusche an, wirft mit schnarrenden, leiernden, rasselnden Rhythmen zwischen Dubstep und Hip-Hop um sich, lässt machtvoll echobeladene Bässe brummen und rappt und singt sogar, mit oft verzerrter Stimme. Mit der aktuellen Lebenswelt Arulpragasams hat der barsche Sound nicht viel zu tun: «Wir leben recht abgeschieden von der City, obwohl ich vorher sehr aktiv im städtischen Sinn war. Aber: Ich hatte noch nie so etwas wie ein Heim, Stabilität und dergleichen.» Dazu stösst sie einen tiefen Seufzer aus, der sehr effektvoll die Sehnsucht nach Ruhe und Sicherheit betont. Schön und irgendwie ja auch heroisch, dass sie sich trotzdem ein so chic politisiertes, urbanes und grelles Chaos ausdenkt wie auf ihrem neuen Album. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2010, 08:20 Uhr

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