«Seine Stimme klang so gut wie schon lange nicht mehr»
Interview: Rupen Boyadjian. Aktualisiert am 25.06.2011
Jean-Martin Büttner ist Journalist beim «Tages-Anzeiger». Er setzt sich seit Jahren mit Bob Dylan und dessen Werk auseinander.
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Jedes Dylan-Konzert läuft anders ab. Wie fanden Sie das gestrige?
Die erste Hälfte war grossartig, dann kamen ein paar Durchhänger, das Stück «Ballad of a Thin Man» vor den Zugaben war wieder phantastisch und das Nachgeschobene intensiv.
Was heisst grossartig?
Es geht immer um die drei S bei Dylan: Stimme, Songs und Sound. In Sursee klang seine Stimme so gut wie schon lange nicht mehr, die Auswahl der Songs war wunderbar, der Sound glasklar. Nach einer Stunde passierte dann, was bei einem 70-jährigen Sänger unweigerlich passiert, der dauernd auf Tour ist und als Raucher und Sänger seine Stimme nie geschont hat: Er hat etwas nachgelassen. Allerdings auf beachtlichem Niveau; ich habe ihn schon ganz anders erlitten.
Was war so wunderbar an der Auswahl seiner Songs?
Er hat mehrere Stücke gebracht, die er auf dieser Tournee selten spielt oder gar nicht. «To Ramona» zum Beispiel, seine Walzerballade von 1964 in einer umwerfenden Version. Ebenso gut gefallen haben mir Songs wie «Beyond Here Lies Nothin'» oder «Ballad of Hollis Brown»: klare, intensive Vorträge.
Wie hat das Publikum reagiert?
Verhalten, aber konzentriert. Als er zum ersten Mal von der Bühne ging, war der Applaus noch endendwollend. Nach den drei Zugaben waren die Leute aber begeistert. Ich kann beides verstehen.
Wie meinen Sie das?
Dylan gehört zu den Künstler, die umso mehr interessieren, je mehr man sie hört – auch im Konzert. Andersherum gesagt: Der Zugang ist nicht immer einfach, die Mühe lohnt sich aber umso mehr.
Wie viele Male haben Sie ihn eigentlich gesehen?
Keine Ahnung; circa dreissig Konzerte werdens wohl gewesen sein. Zum ersten Mal 1978 in England, vor 300'000 Zuschauern.
Und wo rangiert das Konzert vom Freitag?
Kultur ist kein Skirennen und ein Konzert keine Notenarbeit. Sagen wir es so: Ich habe mich kaum geärgert, selten gelangweilt und oft gefreut.
Dylan singt, aber er redet nicht. Auch diesmal nicht?
Auch diesmal nicht. Dylan versteht sich als Musiker, nicht als Unterhalter. Seine Kommunikation ist die Musik, die er spielt.
Oft sieht er dabei ziemlich mürrisch aus.
Davon war in Sursee nichts zu spüren, im Gegenteil. Es erstaunt mich immer wieder, wie gerne er sich das alles noch antut. Wenn ihm danach ist.
Lesen Sie am Montag im «Tages-Anzeiger» die ausführliche Konzertkritik von Jean-Martin Büttner. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.06.2011, 06:25 Uhr
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