Rammstein: Erlaubt ist, was gefällt

Sie führten ein grausames Theater auf und auch ein schrecklich komisches: Rammstein in Basel, im Konzert und im Gespräch.

1/7 Rammstein gilt als Wegbereiter der «Neuen Deutschen Härte». Das zeigt sich auch in den Texten...
Bild: KEYSTONE/AP

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Paul Landers

Der 44-jährige Berliner ist Gitarrist von Rammstein und stiess kurz nach der Bandgründung dazu. Sein erstes Geld verdiente Landers als Heizer in einer Bibliothek.

Nach etwas über einer Stunde wird Brecht zitiert. Wie es sich für eine Band aus der ehemaligen DDR gehört. Feuerwalzen und Rauchpetarden hat man überstanden, Laserblitze und das Flackern der Scheinwerferbatterien, blutrot und kerkerweiss. Abgeschossen in der grauen Basler St.-Jakob-Halle, die aussieht wie ein SED-Kongress. Und man hat die Lieder vernommen, die man von Rammstein kennt, brünstige Verse über Jagd und Qual, Sex und Tod, von Sänger Till Lindemann mit grollendem Bariton und Lümmelgesicht vorgetragen. Und von seinen Kollegen begleitet mit zahnradpräzisem Spiel. Keine Soli, keine Ansagen, kein Moment der Langeweile: Reduce to the max.

Das Konzert ist seit Monaten ausverkauft, die Leute haben viel dafür bezahlt. Sie haben über eine Stunde lang gelacht, gejubelt und im passenden Moment Arme, Handys und Biergläser hochgestemmt. Und sie haben die Zeilen mitgesungen, in denen Lindemann das Grauen besingt und den Schmerz mit Goethe dekoriert: «Erlaubt ist, was gefällt.» Als er noch den Brecht der «Dreigroschenoper» parodiert, im Stück «Haifisch» aus dem neuen Album mit dem Refrain «Und der Haifisch, der hat Tränen / und die laufen vom Gesicht / doch der Haifisch lebt im Wasser / so die Tränen sieht man nicht» –, spätestens dann muss dem Besorgtesten klargeworden sein, dass Rammstein ihre Grausamkeiten als Theater aufführen und die Parodie des Genres mitliefern, für das sie so gescholten werden.

Impotenz auf Männerstolz

Denn auf Männerstolz folgt bei ihnen unweigerlich Impotenz, ihre Posen sehen aus wie ein Comic, die Choreografie steigert die Aufführung ins Groteske. Und selbst wenn die Band, wie auf ihrem Skandallied «Pussy», hemmungslos den Trieben frönt, tut sie es auf ihre Art: «Schönes Fräulein, Lust auf mehr», singt Lindemann, «Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr.» Dazu karrt er eine Betonmischmaschine auf die Bühne, die Flockiges in die Menge speit. «We are living in Amerika, Amerika ist wunderbar», skandieren sie gegen Schluss, dazu regnet es Konfetti: schwarz, rot und golden. Nach über anderthalb Stunden wünscht Lindemann allen einen schönen Abend. Matt und heiter strömt die Menge aus der Halle.

Schock mit Goethe, Märsche und Witze, Gewalt als Fantasie: Was fasziniert die sechs Deutschen am Schrecken, den sie besingen? Warum werden sie so gerne missverstanden? Vor dem Konzert trifft man den Gitarristen Paul Landers, 44 Jahre alt, geboren in Ostberlin. Für das Interview wird im Hallenkeller eine Abstellkammer aufgeschlossen, mit kahlem Tisch unterm Neonlicht. Landers lacht. «Wie ein Verhörraum», sagt er.

Paul Landers, worauf hofften Sie, ein junger Musiker aus Ostberlin, als die Mauer fiel?
Mein Traum damals war: Einmal mit Flugzeug und Gitarrenkoffer zum Konzert zu reisen. Das habe ich mir gewünscht, und wir haben es geschafft. Was ich mir nicht vorstellen konnte: Dass wir in Frankreich spielen und 15'000 Leute unsere Texte mitsingen – auf Deutsch.

Ohne die DDR-Erfahrung, haben Sie einmal gesagt, hätte es Rammstein nicht gegeben. Wie meinten Sie das?
Als Punks standen wir in der DDR öfter mal mit einem Bein im Gefängnis, wir sind immer knapp daran vorbeigeschrammt. Dann war die Mauer weg, und wir aus dem Osten kamen uns plötzlich albern vor, geradezu lächerlich. Bis wir merkten: Wir brauchen eine Obrigkeit, die wir herausfordern können. Aber die war mit dem Mauerfall weggebrochen, und im Westen war überhaupt nichts zu holen. Um uns weiter wohlzufühlen, brauchten wir aber den Ärger. Im Osten war das leicht gewesen, im Westen ein bisschen schwerer. Also suchten wir uns eine andere Herausforderung. Seither gehen wir an den Rand des Erlaubten; wir kratzen an der Gesellschaft.

Ihr letztes Album kam in Deutschland auf den Index, vor allem wegen «Ich tu dir weh», einem Lied über Masochismus. Sie haben sich über das Verbot beklagt. Dabei gehört es doch zu Ihrem Marketing. Ihre neue Platte führt die Hitparaden an, es läuft alles bestens.
Das stimmt nur zum Teil. Für unsere erste Single haben wir ein Video gedreht, bei dem wir genau wussten, dass das Fernsehen das nicht zeigen durfte. Zu diesem Song gibt es ein ganz normales Video, bei dem wir das Stück einfach spielen. Jetzt stört aber nicht die Aufführung, sondern der Text. Das haben wir so nicht gewollt.

Der Text ist ja nicht zu ertragen.
Er bringt starke Bilder, das stimmt. Aber was wir besingen, heissen wir noch lange nicht gut.

Ab wann wird Schund zur Kunst?
In der Kunst ist viel mehr erlaubt, als einer blöden Rockband zugestanden wird. Wir sind offenbar keine Künstler, sondern nur stumpfe Brachial-Rocker aus Ostberlin, die nix gemerkt haben. Und vor denen man die Welt schützen müsste.

Immerhin sagt Katharina Wagner, Ko-Leiterin der Bayreuther Festspiele, dass sie Ihre Musik sehr schätze.
Wir haben sie getroffen, sie ist eine sehr nette Frau. In Bayreuth wĂĽrden wir natĂĽrlich gerne spielen.

Was besagen die Obsessionen von Rammstein ĂĽber die Gesellschaft?
Die Zeitung «Bild» titelt «Mann ass Kind auf», das ist für die Gesellschaft offenbar etwas anderes, als wenn eine Band singt: «Mann isst Kind». Vor allem auf Deutsch. Ein zerfetzter Körper in der Zeitung gilt als Information, wobei wir alle wissen, dass die Sensationslust eine enorme Rolle spielt. Wenn wir von solchen Dingen singen, gilt es als unausstehlich und ekelerregend. Was erlaubt ist und was nicht, wird zur Frage der Perspektive. Unsere Aufgabe, nein, Quatsch: Unser Tun besteht darin, solche Grenzen auszuloten. Dabei wird der Humor in unseren Liedern oft überhört, was uns immer wieder erstaunt.

Denken Sie nicht, dass vor allem jüngere Fans Ihre Provokationen als Aufruf missverstehen könnten?
Man sollte die Fans nicht unterschätzen. Wenn ich mir die Internetforen über uns ansehe, merke ich: Die verstehen ganz genau, wie wirs meinen. Die sind viel schlauer, als die Behörden denken. Oder die Journalisten.

Sie setzen in Ihren Shows viele Effekte ein, was die Spontaneität der Aufführung hemmt. Wird das auf die Dauer auf einer Tournee nicht langweilig?
Früher, als wir noch Punk spielten, diskutierten wir auf der Bühne nach jedem Stück, was wir als Nächstes spielen würden. Das hat die Stimmung kaputtgemacht. Der Abend wird schöner, wenn man die Spannung aufrechterhalten kann. Das ist wie beim Sex. Deshalb schreiben wir so viel fest, wie wir können. Es ist wie bei der Geisterbahn: Links faucht der Drache, rechts klappert das Skelett. Das haben wir gern, diese klare, kontrollierte Abfolge; da sind wir ganz deutsch.

Eines der Stücke auf dem neuen Album heisst «B********». Was singt Till Lindemann da genau?
Er singt genau das, was Sie hören wollen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2009, 08:50 Uhr

20 KOMMENTARE

Pascal E. Storrer

25.11.2009, 14:03 Uhr

War mit meiner Mutter in Basel und mit Freunden in Genf. Es war einfach genial, wie immer bei Rammstein! Diese humorvolle, spektakuläre und düsterschöne Rockshow ist einfach einzigartig und entspricht genau meinem Geschmack. Diejenigen, die dumm über Rammstein reden, haben sich gar nie richtig mit ihnen befasst oder mögen ihnen einfach den Erfolg nicht gönnen. Greenfield, wir kommen!! :D


Ruedi BĂĽhler

20.11.2009, 17:16 Uhr

Rammstein.... kein Kommentar.... einfach super !!


Aschy Furrer

20.11.2009, 15:11 Uhr

Humanozentrik hat den Menschen weit aus seiner Ökonische herausgebracht. Dieser Fortschritt gegenüber dem Tier nennt man dann also Moral. Doch das daraus resultierende Ungleichgewicht verstösst gegen alle Naturgesetze und entzieht des Menschen Lebensgrundlage von selbst. Die Natur wird ohne moralische Färbung den Menschen zurück in seine Ökonische schleudern - jenseits von gut und böse, Bibel & co


Peter ZurbrĂĽgg

20.11.2009, 13:12 Uhr

Die Musik ist gut, die Texte sind so, wie wir sind. Mit all den Abgründen, dem teuflischen, das in jedem von uns steckt! Solch ehrliche Texte findet man übrigens auch in der Bibel! Wobei sie auch die Lösung aus diesem Teufelskreis aufzeigt.


michael mĂĽller

20.11.2009, 12:21 Uhr

Wenn ich so manche apokalyptische Kommentare hier lese, denke ich wirklich die Verblödung der Menschheit kommt mit Riensenschritten! Nicht nur, dass es diese Diskussion über Musikgeschmack schon seit Jahrzehnten gibt - nein, man hält einem vor, die Menschheit sei moralisch tiefer als ein Tier, wünscht sich aber gleichzeitig "eine gewaltige Änderung" herbei. Das scheinen ja nette Menschen zu sein!


Hans Meier

20.11.2009, 11:54 Uhr

Rammstein beschreibt in ihren Texten einfach nur die Welt wie sie ist, ohne die Augen zu verschliessen und ohne falsche Romantisierung. Wenn diese Texte schockieren, dann darum, weil die Wirklichkeit schockiert. Aber es war schon immer beliebt, den Boten aufzuhängen. Ausserdem ist die Musik wirklich gut – wie die Texte archaisch, ohne Weichzeichner, und eben einfach gut.


Aschy Furrer

20.11.2009, 11:36 Uhr

@ Chris Schmid: wollen Sie der Leserschaft wirklich Ihre Prophezeiung fĂĽr die Menschheit vorenthalten? Die MachtĂĽbernahme von "besserer Moral" und "besserer Menschen" etwa? Das hatten wir im '33 ja schon mal, es kam gar nicht gut.


Hella Streicher

20.11.2009, 11:26 Uhr

Vielen Dank für Ihre angenehm sachliche Berichterstattung, die auf den Punkt bringt, was jeder schon lange hätte wissen können: dass und warum es sich bei Rammstein nicht um die tumben Brachialrocker handelt, als die sie von den sich ertappt fühlenden Wessis so gern diffamiert werden, und bei Till Lindemanns Texten nicht um die Pubertätslyrik, die des genauen Lesens Unkundige darin erblicken.


Aschy Furrer

20.11.2009, 11:25 Uhr

Ja, hier können sie wieder nörgeln, die ewigen Bessermenschen! Ob Kunst, Kultur, Karikatur oder Katastrophe - egal ! Rammstein sind Spiegel der heutigen Zeit und Zustände. Darüber liesse sich endlos streiten. Eines hingegen ist sicher: wer aus "erlaubt ist, was gefällt" den Umkehrschluss postuliert "nicht erlaubt ist, was nicht gefällt", der denkt falsch - denn die Realität straft ihn Lügen...


Thomas Deruns

20.11.2009, 11:23 Uhr

je brutaler die texte umso ironischer ist es gemeint. Rammstein singt viel von Leid und Zerstörung, aber nicht um dies zu verherrlichen. Beispiel: das Lied Mehr auf der neuen Platte. Wenn man das 1:1 nehmen würde, denkt man die seien Geldgierig und unterstützen die Ausbetung. Allerdings wird in diesem Lied der sogenannte "Banker" scharf kritisiert. Eigentlich das, was die ganze bevölkerung auchtut


Sarah Allemann

20.11.2009, 11:23 Uhr

Der Mensch ist doch ein Tier! Ich bin weiblich, gebildet, gehe in die Tonhalle und zur Oper, aber auch an ein Konzert von Rammstein. Als Frau in diesem Publikum fühle ich mich übrigens wohler, als zu gewissen Zeiten in den Strassen z.B. von Zürich. Die Gesellschaft kränkelt, ja. Das hat sicher nichts mit Bands wie Rammstein zu tun. Mir gefällt die Show. Und die Themen sollen diskutiert werden.


Hans Zimmer

20.11.2009, 11:21 Uhr

@Chris Schmid Könnten sie vielleicht mehr erläutern inwiefern Rammstein zur "Verblödung der Menschheit" beiträgt? Vielleicht sollten Sie sich einfach weniger mit solcher Musik auseinandersetzen wenn sie sie nicht verstehen. Schlussendilch scheidet es sich ja einfach nur an der Auffassungsgabe des Betrachters.


Chris Schmid

20.11.2009, 10:52 Uhr

Die Verblödung der Menschheit schreitet ungebremst fort. Je respektloser und dreckiger was ist, desto mehr "Kunst" soll das sein. Tja... Technologisch fortgeschritten und sophistiziert, moralisch und menschlich bald tiefer als das Tier. Aber noch ein paar wenige Jahre, dann ändert sich einiges gewaltig...


René Bingeli

20.11.2009, 10:49 Uhr

Es ist einfach eine Band abzustempeln! Jedoch steckt in Rammstein mehr Ehrlichkeit oder Wirklichkeit als dass Medien oder Kritiker zugeben wollen! Die Welt ist krank!!! Anstatt einfach auf einer Band rumzuhacken, sollte man sich doch lieber mal reale Gedanke ĂĽber unser Umfeld und ĂĽber unsere eigens erschaffene Gesellschaft machen...


Martin Mayer

20.11.2009, 10:27 Uhr

Manche wollen vorschreiben, was Kunst ist und was nicht. Das ist das Problem. Selbst wenn manche Rammstein nicht als "Kunst" ansehen - kein Grund, das Zeug zu verbieten.


Daniel Keller

20.11.2009, 10:02 Uhr

Ein tolles Interview von JMB welches aufzeigt, dass hinter der Oberfläche dieser sich selbst platt machenden und stumpf präsentierenden Band mehr vorhanden wäre. Schade, wird das nicht genutzt.


Oliver Weingartner

20.11.2009, 09:48 Uhr

Paul Landers überschätz sein Publikum. Von ein paar Internetforen-Einträgen auf die breite Masse zu schliessen erweist sich hier als fatal. Das erinnert mich an einen schlecht gemachten Anti-Kriegsfilm, der vom Publikum wegen seiner Brutalität geschätzt wird. Rammstein fährt ihre Linie viel zu konsequent, als dass sie sich auf versteckte Ironie berufen könnten.


Reto Colombo

20.11.2009, 09:25 Uhr

Rammstein ist einfach genial! Sie hält der Gesellschaft gerne einen Spiegel vor, ist meistens eindeutig zweideutig (ausser 'Pussy', da sind sie nur noch ein-eindeutig) und der Wortwitz ist in einem Wort gesagt: 'Phäno-geni-wältigend'. Auch ist die Themenwahl immer Tagesaktuell, so kann z.. B. 'Mehr' auf Banker bezogen werden. 'Links-2-3-4' etc. bestätigen dies.


Sven Meier

20.11.2009, 08:53 Uhr

Rammstein präsentieren der Gesellschaft einen Spiegel. Dabei benutzen sie einen schwarzen Humor, den sicher nicht jeder versteht, aber offenbar doch sehr viele. Ausserdem ist die Musik erstklassig, was auch der weltweite Erfolg zeigt. Rammstein ist künstlerisch viel wertvoller als das meiste was sich für "hohe Kunst" hält und nur von einem winzigen Publikum wahrgenommen wird.


Emil Roduner

20.11.2009, 07:46 Uhr

Kunst kann und muss manchmal provozieren. Manche Leute scheinen aber zu denken, dass Provokation automatisch Kunst ist. Dann ist wohl etwas grĂĽndlich missverstanden worden.



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